„Die Orthodoxie ist gespalten“

Das Bekenntnis zur Ökumene wurde zu einem Teil unserer Identität, sagt das Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, im „Tagespost“-Interview. Von Stephan Baier
Griechisch-katholische Großerzbischof über die Ukraine und die Orthodoxie
Foto: Ralf Hirschberger (dpa-Zentralbild) | Swjatoslaw Schewtschuk: Ukraine sucht "authentische europäische Ausrichtung".

Exzellenz, wie lässt sich erklären, dass Präsident Poroschenko bei der ersten Runde der Präsidentenwahl so wenige Stimmen erhielt, und dass Julia Timoschenko nicht in die Stichwahl kam?

Die Menschen in der Ukraine halten Ausschau nach neuen Gesichtern, neuen Persönlichkeiten, nach jemandem, der etwas völlig Neues repräsentiert, das nicht mit den Oligarchen verbunden ist oder mit dem alten System, welches die Ukraine aus der sowjetischen Vergangenheit erbte. Ist es nun wahrscheinlich, dass ein ganz neuer Kandidat diese Erwartungen erfüllt? Wir wissen es nicht. Wir kennen seine Vorschläge, Ideen und Vision nicht. Wir als Kirche in der Ukraine versuchen, das Verantwortungsbewusstsein der Bürger zu fördern. Sie sollen nicht Gefangene der Emotionen oder der virtuellen Realität sein.

Der Kreml schien mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Ist diese Wahl ein Indiz dafür, dass viele Ukrainer an der Orientierung Richtung EU zweifeln?

Das denke ich nicht. Auch jener, der neu erschien, deklarierte sich klar pro-europäisch. Aber wir zweifeln, ob er kompetent genug ist, diese Versprechen zu erfüllen. Die Ukrainer suchen nach einer authentischen europäischen Ausrichtung mit neuen Anführern. Aber ich muss unterstreichen, dass allein die Tatsache, dass bei diesen Wahlen ein bislang Unbekannter aufsteigen konnte, ein Zeichen dafür ist, dass wir ein solides Maß an Freiheit und Demokratie erreicht haben. Die Wahl der Menschen mag ihren Preis haben, aber die Menschen haben die Möglichkeit, eine Wahl zu treffen.

Präsident Poroschenko hatte sich massiv für die Autokephalie der ukrainischen Orthodoxie eingesetzt. Es wurde erwartet, dass dies seiner Popularität nützen würde. Hat es ihm stattdessen geschadet?

Einige Analysten haben untersucht, wer wie und warum ihn im ersten Wahlgang wählte, und wer ihn in der zweiten Runde der Wahlen unterstützen werde. Ich meine aber, dass die Idee einer autokephalen orthodoxen Kirche in der Ukraine breite Unterstützung genießt.

Sehen Sie einen Weg, die anhaltende Spaltung der Orthodoxie in der Ukraine zu überwinden?

Diese Frage sollte vor allem den orthodoxen Gemeinschaften gestellt werden. Ich denke, der Wille des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios war, jene Spaltungen innerhalb der Orthodoxie zu heilen, deren Zeugen wir nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden. Die Spaltung in der ukrainischen Orthodoxie trat ja nicht nach der Anerkennung der Autokephalie durch Patriarch Bartholomaios ein, sondern ereignete sich 25 Jahre früher. Sein Bestreben war, den Orthodoxen in der Ukraine zu helfen, diese Spaltung zu überwinden.

Was hat sich seit der Anerkennung der Autokephalie verändert?

Der wichtigste Erfolg von Bartholomaios ist die Vereinigung der sogenannten nicht-kanonischen Orthodoxien. Zuvor hatten wir ja drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine. Zwei von ihnen wurden vereinigt, und einige Bischöfe und Priester des Moskauer Patriarchats schlossen sich dieser Einheit an. Jetzt haben wir zwei Orthodoxien. Ist das ein Erfolg? Ich weiß es nicht. Zumindest wurden einige vereint und erreichten eine Art innerer Einheit. Der wesentliche Erfolg dieses Prozesses ist, dass Millionen orthodoxer Ukrainer, die zu diesen beiden Kirchen gehörten, wieder in Gemeinschaft stehen mit der weltweiten Orthodoxie. In der Vergangenheit wurde die Frage gestellt: Haben diese Millionen Menschen eine Chance, gerettet zu werden oder sind sie zur Hölle verdammt? Das behauptete ja stets das Moskauer Patriarchat. Es war Patriarch Bartholomaios selbst, der nun die Möglichkeit zur Gemeinschaft für Millionen Orthodoxe öffnete.

Der Konflikt zwischen der russischen Orthodoxie und dem Ökumenischen Patriarchen berührt die katholische Kirche, weil er den ökumenischen Dialog betrifft.

Zunächst müssen wir Katholiken feststellen: Es gibt nicht die eine weltweite orthodoxe Kirche, sondern unterschiedliche lokale orthodoxe Kirchen. In vielen Fragen haben sie ihre internen Diskussionen und Spaltungen. Die globale Orthodoxie ist gespalten. Nicht nur in der Ukraine-Frage, auch in anderen Fragen. Was in der Ukraine geschah, ist nicht so einzigartig, dass es solches nie in der Geschichte gegeben hätte. Die katholische Kirche muss erkennen, dass wir unterschiedliche Arten des ökumenischen Dialogs mit den verschiedenen lokalen orthodoxen Kirchen fördern müssen. Es ist unmöglich, einen einseitigen Dialog mit einer Kirche aufrechtzuerhalten, die beansprucht, alle anderen zu repräsentieren. Bisher war häufig das Moskauer Patriarchat, als das größte, in diesem Dialog privilegiert. Jetzt haben wir zur Kenntnis zu nehmen, dass wir unterschiedliche Dialoge fördern müssen, nicht nur mit Moskau, auch mit Konstantinopel, Antiochia, Jerusalem. Jedes dieser Patriarchate hat seine Identität, seine Interessen, seine Art der Beteiligung an der ökumenischen Bewegung. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance, unsere Sicht des ökumenischen Dialogs zu erneuern.

Ihre griechisch-katholische Kirche in der Ukraine wurde früher von den Orthodoxen verfolgt und angefeindet. Haben sich diese Ressentiments in Luft aufgelöst?

Zumindest in den vergangenen 20 Jahren hat die Ausbildung unseres Klerus und der Laien hinsichtlich der ökumenischen Frage ihren Ertrag gebracht. Wir können bei uns kein Ressentiment feststellen, ja es sind die griechisch-katholischen Gläubigen ökumenisch offener als die Gläubigen anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften. Der Ökumenismus wurde zu einem Teil unserer Identität. Die ökumenische Mission ist ein Bestandteil der Mission der katholischen Ostkirchen. Wir versuchen, die Idee der Ökumene nicht nur in der Ausbildung zu fördern, sondern auch einen ökumenischen Dialog an der Basis zu entwickeln. Es ist aber wahr, dass wir auf der orthodoxen Seite nicht immer die gleiche Offenheit gegenüber der Ökumene feststellen können. So können Sie in etlichen Klöstern, die zum Moskauer Patriarchat gehören, viele Bücher finden, die von der „Häresie des Ökumenismus“ handeln. Ökumenische Offenheit gehört für viele orthodoxe Christen in der Ukraine nicht zu ihrer Identität. Gleichwohl glauben wir, wie der Heilige Papst Johannes Paul sagte, dass die Ukraine ein Laboratorium der Ökumene ist.

Ist die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ loyal zu Gesellschaft und Staatlichkeit der Ukraine?

Offiziell deklarieren sie ihre Loyalität zur Einheit und Souveränität des ukrainischen Staates. Bei einigen Priestern und Mönchen jedoch mussten wir beobachten, dass sie vom Aggressor instrumentalisiert wurden. Ich würde mir wünschen, dass sich die Orthodoxie des Moskauer Patriarchats stärker für den interkonfessionellen und interreligiösen Dialog öffnet und sich der ukrainischen Gesellschaft von heute mehr öffnet.

 

Hintergrund

Der Sieger im ersten Durchgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen, Wladimir Selenski, hält sich in Sachen Religion nach wie vor bedeckt. Allerdings sagte seine Beraterin Irina Wenediktowa, Selenski werde die Eigenständigkeit der neuen, von Moskau abgelehnten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ befürworten. Die Ukraine sei ein säkularer Staat, aber für die Identität des Landes sei die vom Ökumenischen Patriarchat ausgestellte Unabhängigkeitsurkunde von größter Bedeutung. Werde Selenski bei der Stichwahl am 21. April gewählt, würde er die Errungenschaft der Autokephalie verteidigen, ohne sich „in Entscheidungen auf Pfarr-Ebene einzumengen“.

Hintergrund der Aussagen Wenediktowas ist der parallel zum Wahlkampf laufende orthodoxe Streit um die Ukraine. Amtsinhaber Petro Poroschenko setzte sich im Vorjahr für die Gründung einer neuen, vom Moskauer Patriarchat unabhängigen ukrainischen orthodoxen Nationalkirche ein. Zu ihr schlossen sich das 1992 entstandene Kiewer Patriarchat und eine kleinere Kirche zusammen, die sich bereits vorher vom Moskauer Patriarchat abgespalten hatte. Die Ukraine hat ein Gesetz beschlossen, wonach Pfarreien übertreten können, wenn mindestens zwei Drittel der Gemeindemitglieder dafür stimmen. Die moskautreue Kirche wirft ukrainischen Politikern und Behörden in diesem Zusammenhang seit Wochen eine Beteiligung an „illegalen“ Übernahmen von Kirchengemeinden vor.

Selenski hatte kürzlich erklärt, die Frage nach seinem Religionsbekenntnis sei für ihn die „intimste Frage“. Mit Gott spreche er ohne Vermittler, diese Kommunikation teile er mit niemandem. Er sei schon in Gotteshäusern aller Konfessionen gewesen, fühle sich aber weder der Kirche noch der Synagoge oder der Moschee zugehörig, meinte Selenski. Seine Frau habe sogar dafür gesorgt, dass sein Sohn Kyrill getauft wurde, sagte der Präsidentschaftskandidat, machte aber keine Angabe, in welcher Kirche. KAP

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