Die „Nacht der Heiligen“

In Polen reagieren Priester auf den westlichen Fest-Export Halloween mit einer geistlichen Neubesinnung

Warschau (DT) Ob für Prominente wie Heidi Klum in Los Angeles oder Kinder in Berliner oder Düsseldorfer Kindergärten: Halloween-Parties mit Grusel-Kürbissen und schrillen Verkleidungen sind in Amerika und Europa seit einigen Jahren der Renner. Ein Renner, der von vielen Katholiken mit Missbehagen verfolgt wird, denn das mit viel Marketinglärm polternde Fest am 31. Oktober verdrängt in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend die besinnlichen katholischen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen. Auch im katholischen Polen findet Halloween besonders unter Kindern immer stärker Beachtung.

So sehr, dass sich immer mehr Priester öffentlich gegen den „westlichen Export“ wehren. So etwa der Krakauer Jesuitenpater und Psychotherapeut, Jacek Prusak, der in der Zeitschrift „Zycie Duchowe“ (Geistliches Leben) schreibt: „Die meisten katholischen Eltern sehen kein Problem, wenn ihre Kinder bei Halloween-Parties mitmachen. Solche Parties können jedoch sehr gefährlich sein, weil der Tod als etwas Irreales gezeigt wird. Ohne jegliche Reflexion. Dabei haben wir ohnehin zunehmend eine Kultur, in welcher der Tod verdrängt wird.“ Nach Meinung von Prusak sei Halloween keine „direkte Attacke auf das Christentum“, es deformiere allerdings die „christlichen Konzepte auf dem Feld der Eschatologie“. Einen aggressiven Kulturkampf der Kirche gegen Halloween hält Prusak für wenig hilfreich: „Wir müssen zeigen, dass Halloween nur ein Spiel ist und dass die Wirklichkeit das ist, was die Christen zu Allerheiligen und Allerseelen feiern. Wir müssen die schöne polnische Tradition dieser Tage wieder mehr herausstellen. Nachdenklich, aber ohne unnötige Melancholie.“

Das sieht auch Pfarrer Slawomir Wyszynski so, der nicht nur zusammen mit fünf anderen Geistlichen für die 14 000 Gemeindemitglieder der Pfarrei Muttergottes von der Immerwährenden Hilfe im Warschauer Nobelviertel Saska Kepa verantwortlich ist, sondern auch als Seelsorger in einem Kinderkrankenhaus arbeitet. „Wir müssen den Eltern die Schönheit und die Bedeutung der christlichen Festtage vermitteln. Gerade dann, wenn es in der Familie gesundheitliche Schwierigkeiten gibt, wenn die Kinder erkrankt sind, erlebe ich viele, sonst der Kirche eher fern stehende, Familien als empfänglich für die christliche Wahrheit auf diesem Gebiet. Im Angesicht des Todes zieht man sich keine bunten Kostüme mehr an.“

Was nicht bedeutet, dass Wyszynski, der über seine Gemeinde hinaus in der Diözese Warschau wegen seiner charismatischen Ausstrahlung bekannt ist, nicht hin und wieder zur Gitarre greift und mit den Kindern vergnüglich spielt. „Gerade Allerheiligen ist ein Fest der Freude, da es uns hier auf der Erde Lebende daran erinnert, dass auch wir eines Tages vor Gott stehen werden, um zusammen mit allen Heiligen seine Größe und Liebe zu feiern. Auch Allerseelen ist kein Fest der Trauer, sondern der Hoffnung. Wir dürfen hoffen, dass unsere Verstorbenen durch unsere Gebete und die Barmherzigkeit Gottes zu Gott kommen und das ewige Leben, die ewige Freude erlangen.“

Diesen Aspekt bemüht sich Wyszynski auch bei den Gemeindefeierlichkeiten deutlich herauszustellen. „Bestimmt die Hälfte unserer Gemeindemitglieder lässt im November eine Messe für Verstorbene lesen. Viele kaufen Kerzen, um sie zu den Gräbern zu bringen und dort zu entzünden, doch ich befürchte, dass sich bei vielen Katholiken Allerheiligen und Allerseelen als die „Tage der Toten“ (Dzien Zmarlych) ins Bewusstsein geschlichen haben, weil sie als solche in den Medien bezeichnet werden, und das ist einfach falsch!“ Es gehe schließlich nicht um Tote, sondern um Lebende, versichert Wyszynski, der – wie zur Bekräftigung, dass man auch nachdenklich feiern kann – auf ein Allerseelen-Konzert mit Rezitation hinweist, dass in seiner Pfarrei stattfindet. Die Musik stamme vom Organisten, die Rezitation werde der berühmte polnische Schauspieler Arthur Barcis („Dekalog“, „Ohne Ende“) gestalten. Solche Lesungen berühmter Schauspieler seien, wie Wyszynski unterstreicht, in vielen Gemeinden in Warschau üblich und auch ein probates Mittel gegen Halloween.

Ein aufwendigeres Mittel hat man in einer der ältesten Städte Polens, in Gniezno (Gnesen) ins Leben gerufen. Die „Nacht der Heiligen“, die dieses Jahr zum vierten Mal stattfindet und mit einem Gebetsabend am 31. Oktober um 21 Uhr in der Pfarrkirche beginnt. Die „Nacht der Heiligen“ ist nach den Worten von Erfinder und Organisator, Pfarrer Jan Kwiatkowski, ausdrücklich als Alternative zu Halloween zu verstehen und soll an die Bedeutung von Allerheiligen erinnern „Die Nacht der Heiligen ist eine Nacht der Reflexion, der Hoffnung und Lichts“, erklärt er, „keine Nacht der Finsternis, der Geister und der Angst, wie man sie bei Halloween erlebt. Wir sollten uns nicht lustig machen über den Tod und uns nicht vor ihm fürchten, weil Jesus Christus ihn überwunden hat.“

Für Kwiatkowski, dessen Initiative – wie er selbst sagt – mittlerweile auch von anderen Pfarreien in Polen übernommen wurde, ist wichtig, dass „die Heiligen zeigen, wie man das Geheimnis der Auferstehung lebt“. Während des Gebetsabends werden Reliquien von Heiligen in die Kirche gebracht, darunter die des heiligen Adalbert, dessen Grab sich in Gniezno befindet. Es folgt eine Zeit der Anbetung des Heiligsten Sakramentes und schließlich eine Prozession zum Dom mit einem Halt auf dem Marktplatz der Altstadt, wo ein „Feuer der Hoffnung“ entzündet wird und der Bürgermeister eine Rede hält. Im Dom empfängt die Gläubigen Erzbischof Henryk Muszynski, mit dem sie zum Ausklang das „Te Deum“ singen. Was Pfarrer Kwiatkowski besonders freut: „Ich bin sehr glücklich, dass jedes Jahr die Zahl der Teilnehmer wächst, besonders unter den jungen Leuten.“

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