„Die Menschen zum Umdenken bewegen“

Benedikt XVI. kann auf die Unterstützung jüdischer Freunde zählen – Ein Gespräch mit dem Präsidenten der nordamerikanischen Stiftung Pave the Way, Gary Krupp

Was wird der Papstbesuch im Heiligen Land im günstigsten Fall bewirken?

Die Beziehungen der Kirche mit dem Judentum und der muslimischen Welt werden sich deutlich verbessern. Für die Mehrheit der Juden ist es von überragender Bedeutung, dass der Papst nach Israel reist. Die Juden wissen, dass sie in Benedikt XVI. einen Freund haben, er hat es oft genug gezeigt. Jeder Papstbesuch im Heiligen Land ist zudem eine Anerkennung des Staates Israel durch die katholische Kirche. Ich gehe davon aus, dass diese Reise ein Erfolg wird. Kritiker machen mich da nicht irre. Als Johannes Paul II. im Jahr 2000 ins Heilige Land pilgerte, gab es auch Bedenkenträger und solche, die wir als „Monday morning quarterbacks“ bezeichnen – Leute die im nachhinein zu wissen meinten, was der Papst hätte sagen sollen. So wie Johannes Paul II. die Beziehungen zwischen Polen und Juden verbessert hat, wird sich auch das Pontifikat Benedikts XVI. positiv auf das Gespräch zwischen Juden und Deutschen auswirken.

Inwiefern unterstützt Pave the Way diese Reise?

Wir arbeiten hinter den Kulissen und haben zum Beispiel einen Rundbrief von Rabbi Jack Bemporad zur Unterschrift versandt (siehe Seite 6). Rabbi Bemporad gehört zu unserem Beraterstab und steht dem Zentrum für Interreligiöse Verständigung in Carlstadt/New Jersey vor. Das Zentrum hat eine ganzseitige Anzeige mit einem Willkommensgruß an Papst Benedikt XVI. in der israelischen Tageszeitung Haaretz geschaltet. Ein weiterer, ganz wesentlicher Beitrag zur Papstreise besteht in unserer Aufklärungsarbeit über Pius XII. Wir machen Dokumente und Informationen über ihn zugänglich, die vor der Ankunft des ersten deutschen Papstes im Heiligen Land bekannter werden sollen. Damit möchten wir die Menschen zum Umdenken bewegen und es ihnen ermöglichen, Pius XII. gerechter zu beurteilen. Es ist für uns sehr bewegend zu sehen, wie sich die Deutschen ihrer Geschichte stellen. Vielleicht hat kein Volk die Schuld seiner Vorfahren so tief bereut wie die Deutschen die Verbrechen der Shoah und des Zweiten Weltkriegs. Diesen Heilungsprozess möchten wir unterstützen.

Mit welchen jüdischen Organisationen arbeiten sie überwiegend zusammen?

Zum Beispiel mit der Organisation Glaube und Dialog und dem New Yorker Rabbinerrat. Allerdings sind wir keine jüdische Stiftung, sondern wir arbeiten überkonfessionell und achten sorgfältig darauf, alle Religionen und Konfessionen gleich zu behandeln.

Der Heilige Vater hat seinen jüdischen Freunden gedankt, die ihn in der Krise unterstützt haben. Wie sah das bei Pave the Way aus?

Als der Eklat um Bischof Williamson ausbrach, waren wir natürlich auch schockiert. Wir haben aber Wert darauf gelegt, den Vatikan nicht deswegen zu verdammen. Ich habe Pater David Jaeger angerufen. Er ist vom Judentum zur katholischen Kirche konvertiert, war früher für die Franziskanerkustodie im Heiligen Land tätig und lehrt nun Kirchenrecht in Rom. Er hat uns zunächst die kirchenrechtliche Bedeutung der Aufhebung der Exkommunikation erläutert. Wir haben den Sachverhalt in Gesprächen mit dem Großrabbinat in Jerusalem erläutert und den Kontakt auch gehalten, als das Gespräch zwischen Jerusalem und dem Vatikan abgebrochen worden war. Natürlich haben wir auch Kardinal Bertone gegenüber deutlich gemacht, wo die Schwierigkeiten auf der jüdischen Seite liegen. Und wir haben Bischof Williamson nach New York eingeladen, um ihn mit Zeugnissen von Holocaust-Überlebenden zu konfrontieren. Allerdings hat er abgelehnt.

Teilen Sie die in westlichen Medien vorherrschende Meinung, das Pontifikat Benedikts XVI. habe die Beziehungen zwischen katholischer Kirche und Judentum zurückgeworfen?

Nein, das sehe ich ganz anders. Der Fall Williamson und die glasklare Reaktion des Papstes war so, als ob jemand eine vereiterte Wunde öffnet, um den Heilungsprozess zu beschleunigen. Ich schätze ihn sehr und sehe die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum auf einem guten Weg.

Wie beurteilen Sie die von Benedikt XVI. neu formulierte Karfreitagsfürbitte in der außerordentlichen Form des römischen Ritus, die viele Gemüter erhitzt? Kränkt es Sie, wenn Katholiken mit Blick auf die Juden dafür beten, dass „Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, als den Retter aller Menschen“?

Nein, es ist kein Antijudaismus, für die Erleuchtung der Herzen zu beten. Kränkt es Christen, wenn orthodoxe Juden Gott jeden Morgen dafür danken, dass er sie nicht als Frau erschaffen hat oder wenn sie (orthodoxe Juden, A.d.R.) Gott dafür danken, dass sie keine Christen oder Heiden sind? Solange niemand von ihnen Korrekturen verlangt, sollte zwischen Juden und Christen das Prinzip der Gegenseitigkeit gelten und jeder nach seiner Façon beten dürfen. Ich glaube, dass Gottes Bund mit Israel unverbrüchlich weiterbesteht, sehe es aber nicht als Aufgabe der Juden, innerkirchliche Vorgänge zu kommentieren.

Gilt das auch für die Seligsprechung von Pius XII.?

Ja. Mit dem Seligsprechungsverfahren befassen wir uns überhaupt nicht und haben auch immer wieder darauf hingewiesen. Es ist daher vollkommen unwahr, Pave the Way kirchenpolitische Ambitionen zu unterstellen und uns einen „Einsatz für die Seligsprechung Pius' XII.“ (Walter Homolka) nachzusagen. Unser Ziel ist es, möglichst umfassend über sein Pontifikat zu informieren. Auf diese Weise wollen wir uns auf der jüdischen Seite der Verantwortung gegenüber einem Mann stellen, der mehr Angehörige unseres Volkes gerettet hat als alle Spitzenpolitiker seiner Zeit zusammengenommen und nach wie vor dämonisiert wird. Dass Pius XII. mit Blick auf seine Politik gegenüber dem nationalsozialistischen Regime bis heute ungerechter Kritik ausgesetzt ist, betrachte ich als jüdische Schande.

Von jüdischer Seite ist gelegentlich zu hören, die katholische Kirche sollte das Seligsprechungsverfahren für Pius XII. nicht betreiben, solange noch Holocaustüberlebende am Leben sind. Besteht also aus jüdischer Sicht doch Bedarf, sich mit dem Verfahren auseinanderzusetzen?

Nein, auch aus Respekt vor den Zeugnissen von Holocaustüberlebenden, denen die katholische Kirche in der Verfolgung geholfen hat, stimme ich hier nicht zu. Ich habe selbst Holocaust-Überlebende im Sommer 2008 nach Rom begleitet. Dort haben sie Papst Benedikt XVI. gedankt für alles, was die katholische Kirche während der Zeit des Nationalsozialismus unternommen hat, um ihr Leben zu retten. Einer von ihnen, der heute 86-jährige jüdische Historiker Michael Tagliacozzo, hat die Shoah überlebt, weil er in der Lateran-Universität versteckt wurde. Auf unserer Homepage haben wir Texte von ihm veröffentlicht. Und das ist nur ein Beispiel für die vielen Juden, die auf Anordnung Pius' XII. in kirchlichen Häusern und Klöstern versteckt wurden. Wenn Menschen, die sicher im 21. Jahrhundert leben, Pius XII. trotz aller historischen Gegenbeweise verurteilen, weil er ihrer Meinung nach zu wenig gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung getan hat, beantwortet das meine Fragen nicht: Was haben der Erzbischof von Canterbury, der griechisch-orthodoxe Patriarch oder selbst der Oberrabbiner von Israel in derselben Zeit zur Rettung der Juden getan? Ich habe die Zeitungsarchive der Jerusalem Post und der New York Times durchforstet. Warum finden sich in den Ausgaben aus den Jahren 1939 bis 1958 keine kritischen Berichte über die Haltung des Papstes gegenüber den Juden? Warum schätzten Zeitgenossen wie Golda Meir den Papst? Aus den Dokumenten und Zeugnissen, die Pave the Way veröffentlicht hat, geht hervor, dass Pius XII. einen einzigartigen Beitrag für die Rettung der Juden geleistet hat. Nach ausführlichen Gesprächen mit Historikern wie Sir Martin Gilbert und Michael Tagliacozzo, die beide jüdischen Glaubens sind und diese Sicht bestätigen, hoffe ich, dass der Text auf der Plakette unter dem Bild Pius' XII. in Yad Vashem geändert wird (siehe Kasten). Ich schätze Yad Yashem sehr, weiß aber aus Gesprächen, dass auch jüdische Historiker befürworten, dass Pius XII. unter die Gerechten unter den Völkern aufgenommen wird. Bis dahin wird Pave the Way der Borniertheit mancher Leute historische Fakten entgegensetzen.

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