Die Matrix der Familie ist die Liebe

Familie, das pure Christentum – Anmerkungen zu „Familiaris Consortio“ – „Tagespost“-Serie Teil X. Von Jürgen Liminski
Foto: Symbolbild: dpa | Die Hoffnung christlicher Ehepaare ist es, das gemeinsame Wohl in der Gottesliebe zu finden.
Foto: Symbolbild: dpa | Die Hoffnung christlicher Ehepaare ist es, das gemeinsame Wohl in der Gottesliebe zu finden.

Er ist der Papst der Familie. Kein Pontifex hat so viel über Ehe und Familie geschrieben und gepredigt wie Johannes Paul II. Ein von Professor Johannes Stöhr im Jahr 2000 herausgegebenes Handbuch enthält auf gut 2 100 Seiten kirchliche Texte zu „Ehe und Familie im Lichte christlicher Spiritualität“. Davon sind gut zwei Drittel Texte des seligen Johannes Paul II. Niemand hat vor ihm und auch seither so profund und umfassend über die menschliche Wahrheit und Verfasstheit von Ehe und Familie nachgedacht wie der frühere Professor für Anthropologie Karol Woityla. Er war maßgeblich beteiligt am Entwurf der Enzyklika „Humanae Vitae“, in der schon die Grundmelodie seiner und der Kirche Lehre leise anklingt: Ehe als Berufung, Familie als Lebensform des Menschen auf dem Weg zum Glück, das heißt auf dem Weg zu Gott. In der „Familiaris Consortio“ erreicht diese Melodie ein concerto grosso, einen Höhepunkt, den man zu Recht Magna Charta der kirchlichen Lehre zu Ehe und Familie nennen kann.

Der Partner als das Gestalt gewordene Sakrament

Da klingen fast hymnische Töne an, wenn der selige Papst von der „Urwahrheit der Ehe“, von der Ehe der Getauften als dem „Realsymbol des neuen und des ewigen Bundes“ schreibt, und die „übernatürliche Gattenliebe“ auf die „bräutliche Liebe Christi“ bezieht. Die Eheleute „sind füreinander und für die Kinder Zeugen des Heils“. Die christliche Ehe lebt von der Beziehung zu Gott, der die Liebe ist. Deshalb ist sie Lebensmitte und Lebensrahmen zugleich. Johannes Paul II. macht klar: Das war sie von Anfang an. Und er zitiert dazu Tertullian, der zu Beginn des dritten Jahrhunderts geradezu schwärmend schrieb: „Wie vermag ich das Glück jener Ehe zu schildern, die von der Kirche geeint, vom Opfer gestärkt und vom Segen besiegelt ist, von den Engeln verkündet und vom Vater anerkannt?.... Welches Zweigespann: Zwei Gläubige mit einer Hoffnung, mit einem Verlangen, mit einer Lebensform, in einem Dienste; Kinder eines Vaters, Diener eines Herrn! Keine Trennung im Geist, keine im Fleisch... Wo das Fleisch eins ist, dort ist auch der Geist eins.“

Etwas weniger schwärmerisch, aber dafür noch tiefer pflügend, drückt er es ein paar Passagen weiter so aus: „Die eheliche Liebe hat etwas Totales an sich, das alle Dimensionen der Person umfasst.... sie ist auf eine zutiefst personale Einheit hingeordnet, die über das leibliche Einswerden hinaus dazu hinführt, ein Herz und eine Seele zu werden“ (FC 13).

Papst Benedikt XVI. führt die Lehre fort, übersetzt sie in die sich wandelnde Zeit und setzt ihr sozusagen die Krone der Schöpfung auf, wenn er schreibt: „Das Sakrament der Ehe ist keine Erfindung der Kirche, sondern es ist wirklich mit dem Menschen als solchem mit-geschaffen worden, als Frucht der Dynamik der Liebe, in der Mann und Frau einander finden und so auch den Schöpfer finden, der sie zur Liebe berufen hat.“ Mit anderen Worten: In der gültig geschlossenen Ehe ist der Ehepartner sozusagen das Gestalt gewordene Sakrament. Man könnte auch sagen: Die Berufung zur Ehe ist im Ehepartner Fleisch geworden. Es geht bei der Ehe also um die Freundschaft des Lebens. Die Ehe ist, wie Paul VI. in der Enzyklika Humanae vitae schreibt, die „innigste und umfassendste Form personaler Freundschaft“. Schon vor ihm bezeichnete Papst Leo XIII. die Ehe als „die höchste Gemeinschaft und Freundschaft“.

Thomas von Aquin hat die Gedanken des großen Griechen Aristoteles zur Freundschaft aus der nikomachischen Ethik aufgegriffen und bezeichnete sogar die Gottesliebe als „eine Art Freundschaft des Menschen mit Gott“. Aus dieser Definition heraus erscheint es nur natürlich, dass der Codex des kanonischen Rechts als eine der zwei Hauptaufgaben der Ehe „das Wohl der Ehegatten“ anführt. Das ist das Ziel. Das gemeinsame Wohl in der Liebe, genauer: in der Gottesliebe. Dieses Ziel umfasst das Wesen und deshalb geht die eheliche Freundschaft auch so tief. Deshalb ist sie unauflöslich.

All das klingt in „Familiaris Consortio“ an. Man muss sich schon wundern, warum diese Enzyklika nicht häufiger, ja ständig zitiert wird. Das mag an der Ehe- und Familienvergessenheit liegen in einer Gesellschaft, die das Ich vergöttert und in der die Leuchtkraft des Zeugnisses der Kirche medial gern und oft verdunkelt wird. Sicher sind die intellektuellen Ansprüche der Enzyklika und überhaupt der Texte des seligen Johannes Paul II. sehr hoch. Aber sie können in die Sprache der Zeit übertragen werden, wie man an den ebenfalls sehr anspruchsvollen, profunden und dennoch in eingängiger Sprache verfassten Texten seines Nachfolgers sieht. In Deutschland ist es zudem eine Frage des Mutes, der Demut und der Bereitschaft, den öffentlichen Pranger nicht zu scheuen, wenn es um die Theologie des Leibes geht, die Johannes Paul II. entwickelt hat. Die Grundbausteine der Theologie des Leibes, die Johannes Paul II. nicht nur in „Familiaris Consortio“ gelegt hat, sind seit der Veröffentlichung dieser Enzyklika von manchen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Hirn- und Bindungsforschung oder der Entwicklungspsychologie bestätigt worden. Das Wort von der Natur des Menschen erhält heute einen neuen, frischen Klang. Freilich geht die Politik in ihrer engen arbeitsmarktorientierten Familienpolitik nicht darauf ein. Umso wichtiger wäre es, dass die Kirche in Deutschland immer wieder den Blick auf dieses Panorama des Lebens lenkt. Das ist keine weltliche Angelegenheit. Hier ist Christentum pur.

Ein Dokument wie ein Felsen

Benedikt XVI., der das feine Gespür seines Vorgängers für die Zeitströme teilt und insofern auch kongenialer Nachfolger ist, bemerkte etwa zur Zeit der Abfassung von „Familiaris Consortio“, dass die allmähliche Abwendung der Politik und Teilen der Gesellschaft von der Ehe mit der Trennung von Liebe und Leben einherging. Als Kardinal Ratzinger schrieb er 1980 über den in der Enzyklika hervorgehobenen „unlöslichen inneren Zusammenhang“ zwischen Ehe und Familie: „In dem Augenblick, in dem das Sexuelle völlig losgetrennt wird von der Fruchtbarkeit, droht es sich auch von dem geistigen Zusammenhang der Liebe von Mann und Frau und der mit ihr wesentlich verbundenen Gemeinschaft der Treue zu lösen. So wird sichtbar, dass ein scheinbar eher pharmazeutisches und technisches Ereignis, das Auftreten der Pille und die Folgen ihrer Anwendung, Ausdruck für eine tiefgehende geistige und moralische Revolution ist, die bis an die Fundamente unserer Gesellschaft rührt.“ Hier sei „ein merkwürdiger Kreislauf zwischen äußeren und inneren Veränderungen des Menschlichen im Spiel“. Diesen Kreislauf zu durchbrechen, gleichsam ein Rollback von Ehe und Familie, eine Revolution der Liebe zu entfachen, kann als gesellschaftliches Ziel der Enzyklika gesehen werden. In diesem Sinn ruft sie die Familie auch „zum Dienst am Aufbau des Reiches Gottes in der Geschichte“ auf. Deshalb sei „die Hauskirche berufen, ein leuchtendes Zeichen der Gegenwart Christi und seiner Liebe auch für die Fernstehenden zu sein“.

In der Tat: „Die Zukunft der Menschheit geht über die Familie“ und „die Familie ist der Weg der Kirche“, schrieb Johannes Paul II. später in „Christi fideles laici“. Sie ist es, weil ihre Matrix die Liebe ist, weil sie die Verkörperung ist von „Wahrheit und Liebe als bestimmende Dimension des Lebens der Person“ (Brief an die Familien). Deshalb sind die Eltern die ersten Erzieher und ersten „Lehrer in Menschlichkeit“; deshalb ist die Familie „die erste und grundlegende Schule sozialen Verhaltens“ (FC 37); deshalb sind die Eltern „durch ihr Lebenszeugnis die ersten Verkünder des Evangeliums für ihre Kinder“ (FC 40); deshalb haben Staat und Kirche die Pflicht, „den Familien alle möglichen Hilfen zu geben, damit sie ihre Erziehungsaufgaben in angemessener Weise wahrnehmen können“ (FC 40).

Das Apostolische Schreiben ist nicht nur theoretisches Gerüst für ein gelungenes Christenleben. Es hat auch ganz praktische Vorschläge und Empfehlungen. Sie alle gipfeln immer wieder in der Vergegenwärtigung und Verwirklichung der Liebe. Etwa wenn der Selige den Eheleuten den häufigen Empfang der Eucharistie empfiehlt, denn „in diesem Opfer des neuen und ewigen Bundes finden die christlichen Eheleute die Quelle, aus der ihr Ehebund Ursprung, innere Formung und dauernde Belebung empfängt. Diese in der Eucharistie geschenkte Liebe ist das lebendige Fundament der Gemeinschaft und Sendung der christlichen Familie“ (FC 57). Oder wenn er auf die Bedeutung des Gebetes und des Vorbilds der Eltern hinweist: „Nur wenn Vater und Mutter mit den Kindern zusammen beten ... erreichen sie die Herzensmitte ihrer Kinder und hinterlassen dort Spuren, die von den Ereignissen des späteren Lebens nicht ausgelöscht werden können“ (FC 60).

Der Papst der Familie hat für die Kirche und für die Menschheit unübersehbar Meilensteine des Pilgerwegs gesetzt. „Familiaris Consortio“ ist ein Felsen. Es lohnt sich immer, dieses Schreiben zur Hand zu nehmen. Gerade heute und gerade hier, da Ehe und Familie in Deutschland so vernachlässigt und mitunter sogar bekämpft werden.

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