„Die Mächtigen dieser Welt dachten, dass ich übertreibe“

Papst Franziskus kommt nach Bosnien, um einer verwundeten Kirche seine Unterstützung zu geben, sagt der Erzbischof von Sarajevo und Vorsitzende der Bischofskonferenz Bosnien-Herzegowinas, Kardinal Vinko Puljic, im Interview der „Tagespost“. Von Stephan Baier
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Papst Franziskus besucht am 6. Juni Sarajevo, die Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas. Warum? Was ist der Anlass oder Grund für diese Ein-Tages-Reise?

Papst Franziskus ist mit der Situation der katholischen Kirche in Bosnien-Herzegowina vertraut, wo die Zahl der Katholiken im Vergleich zur Vorkriegs-Situation halbiert worden ist. Vor allem ist die Zahl der Katholiken heute geringer als im Jahr 1914. Darüber hinaus ist Papst Franziskus bewusst, wie schwierig es wird, einen stabilen und gerechten Frieden in unserer Region zu bauen. Der Papst sorgt sich um die friedliche Koexistenz und den interreligiösen Dialog in diesem Land. Nach all diesen Informationen fühlte er die Notwendigkeit, dieser verwundeten Kirche seine Unterstützung zu geben, auch um den Friedensprozess und die Bedeutung des Dialogs zu fördern. Er selbst sagte dies in der Ankündigung seines Besuches.

Welche Botschaften erhoffen Sie vom Papst für die zerrissene Gesellschaft in Bosnien-Herzegowina?

Mit der Ankündigung seines Besuches hat der Papst die Augen der Welt auf Bosnien-Herzegowina gerichtet. Wir waren am Rande des Vergessens, obwohl sich das Friedensabkommen nicht eingelebt und auch keinen normalen Staat mit gleichen Rechten etabliert hat. Mit seiner Ankunft wird er dieses Land und seine Volksgruppen in den Mittelpunkt des politischen, geistlichen und medialen Interesses stellen. Ich glaube, dass die Staatsmänner – vor allem in der Europäischen Union – das so verstehen werden, sich mehr für Lösungen in diesem Land einzusetzen. Die Emigration der Bevölkerung, vor allem der jungen Menschen, sollte angehalten werden, indem Perspektiven des Lebens und der Arbeit eröffnet werden.

Zwanzig Jahre nach dem „Frieden von Dayton“ ist Bosnien-Herzegowina, wie Sie selbst eben sagten, noch immer kein normal funktionierender Staat. Ist das Dayton-System gescheitert?

Leider es ist nicht gescheitert, denn diejenigen, denen das Dayton-Abkommen Privilegien gibt, beziehen sie sich oft auf „Dayton“. In der Tat ist dieses Abkommen nicht implementiert, und was durchgeführt wurde, geschah auf Kosten der Schwachen zugunsten der Stärkeren. Es ist wahr, dass das Abkommen den Krieg beendete, aber die Entfernung zwischen den verschiedenen Gruppen setzte sich mit Hilfe der Mächtigen dieser Welt weiter fort. Dieses Land kann weder stabil noch vielversprechend sein. Die Machthaber, die dieses Land schlecht geordnet haben, überlassen es den lokalen Behörden, dies zu lösen. Wenn sie es jedoch lösen könnten, dann wäre es gar nicht zum Krieg gekommen.

Was kann die katholische Kirche mit ihrer Autorität und ihrer Soziallehre zur Normalisierung von Staat und Gesellschaft in Bosnien-Herzegowina beitragen?

Seit der Friede wiederhergestellt ist, hat die Kirche in diesen Bereichen verschiedene Aktivitäten entfaltet, um zum Prozess der Versöhnung und der Koexistenz beizutragen. Deshalb haben wir zuerst Schulen eröffnet, in denen wir die Schüler aller Glaubensrichtungen und Nationalitäten aufgenommen haben und zur Toleranz erziehen. Dann installierte ich in allen Pfarreien die Priester, die sich heldenhaft für die Rückkehr der Bevölkerung eingesetzt haben. Diejenigen aus der Bevölkerung, die in ihrem Wohnort geblieben waren, leben mit jenen, die zurückgekehrt sind. Das ist ein Verdienst der Priester. Wir organisierten die Caritas, um den Menschen zum Überleben zu helfen und den Prozess des Wiederaufbaus der zerstörten Häuser voranzutreiben. Ich habe daran mitgewirkt, den interreligiösen Rat zu gründen, in dem wir obersten Geistlichen der Religionsgemeinschaften einen Geist des Dialogs pflegen und versuchen, weiter zusammenzuarbeiten.

Wie wirken ausländische Mächte – Serbien, die Türkei und die Europäische Union – auf die Politik und die Gesellschaft Bosnien-Herzegowinas ein?

Mit dem Dayton-Abkommen legalisierten die Vereinigten Staaten von Amerika jenen Teil von Bosnien-Herzegowina, wo ethnische Säuberung passierten. Sie gründeten die „Republika Srpska“ (die bosnische Serben-Republik, zu der 49 Prozent des Staatsgebietes Bosnien-Herzegowinas gehören, Anm. d. Red.) als serbischen Ersatz für den verlorenen Kosovo. Seitdem besteht eine Unsicherheit für die Stabilität von Bosnien-Herzegowina, und es wird über die Abspaltung dieses serbischen Teils von Bosnien-Herzegowina gesprochen. Dazu noch unterstützten die Vereinigten Staaten von Amerika den Einfluss der Türkei auf dem Balkan, um der muslimischen Welt zu zeigen, dass Amerika nicht gegen die Muslime ist. Doch auf dem Balkan bestehen schwierige Erinnerungen an die Herrschaft des Osmanischen Reichs über fünf Jahrhunderte. Die Europäische Union hat das alles reaktionsträge beobachtet, weil sie selbst keine Ideen hatte. Oft verletzen die EU-Politiker, weil sie nicht um die Realität wissen, die noch schmerzenden Wunden aus dem Krieg, indem sie über den Hohen Vertreter versuchen, uns imposante Lösungen aufzudrängen. Auch wenn sie merkten, dass sie die falschen Züge auf Kosten der Minderheiten gemacht haben, hatten sie niemals den Mut, zu sagen: Ja, wir haben einen Fehler gemacht!

Unabhängig von der Politik: Wie hat sich das Verhältnis zwischen Katholiken und Orthodoxen in Bosnien-Herzegowina entwickelt? Gibt es überhaupt so etwas wie eine katholisch-orthodoxe Ökumene in Ihrem Land?

Nach dem Krieg hatten wir katholischen Bischöfe und die orthodoxen Metropoliten in Bosnien-Herzegowina zahlreiche Treffen mit Botschaften des Friedens und der Koexistenz auf der Grundlage des Evangeliums. Auch sendeten wir gemeinsame Botschaften anlässlich des Weihnachtsfestes. In jüngster Zeit gibt es das nicht mehr. Der Grund dafür ist, dass es in dieser Region sehr verdächtig aussieht, wenn zwei Nationalitäten miteinander sprechen, denn dann wird die dritte schon ängstlich. Damit meine ich die Muslime. Wir warten nun auf neue Ernennungen bei den Orthodoxen, um neue Treffen zu organisieren.

Bei seinem Besuch in Albaniens Hauptstadt Tirana im September 2014 lobte Papst Franziskus das gute Einvernehmen zwischen Katholiken und Muslimen in Albanien. Welche katholisch-muslimischen Beziehungen findet er im Juni in Bosnien-Herzegowina vor?

Während des ganzen Krieges von 1992 bis 1995 war ich in Sarajevo. Jeder kennt meine Meinung und meine Arbeit. Ich war stets offen für die Zusammenarbeit. Da ich in Bosnien-Herzegowina geboren bin, kenne ich die Muslime aus meiner Kindheit gut, denn ich ging mit ihnen in die Schule. Aber während des Krieges hat ein neuer Stil des islamischen Lebens, aus den arabischen Ländern kommend, an Einfluss gewonnen. Ich sagte nun oft: Ich kenne diese Muslime nicht. Der frühere oberste muslimische Geistliche, Reis-ul-Ulema (Großmufti) Mustafa Ceric, erklärte mir, dass dies ein neuer Geist des Islam sei. Ich stimmte ihm hier nicht zu, weil ich vermutete, dass es in Richtung Extremismus geht. Doch der neue Reis-ul-Ulema Husein Kavazovic hat andere Einsichten und distanzierte sich öffentlich vom Extremismus. Ein großer Teil der hiesigen Muslime ist offen für den Dialog und für die Toleranz. Aber verschließen wir nicht unsere Augen vor jenen, die zur Angst beitragen. Als aber Papst Franziskus sein Kommen ankündigte, da reagierte die Öffentlichkeit sehr positiv – nicht nur die Katholiken, sondern auch die Muslime.

Wie genau hat sich der bosnische Islam durch den Krieg und seit dem Ende des Krieges 1995 verändert?

Bedauerlicherweise hat die internationale Gemeinschaft das Leid in dieser Region träge betrachtet, das muss ich bezeugen. Damals kam aus den ost-arabischen Ländern menschliche und auch materielle Hilfe. Ich selbst bemerkte dann, dass das nicht in die richtige Richtung geht. Die Mächtigen dieser Welt dachten, dass ich mit meinen Warnungen übertreibe. Darum habe ich mich zurückgezogen und den Zustand beobachtet. Jetzt haben wir ein großes Problem – nicht nur mit Kriegsverbrechern, sondern auch mit den Abrechnungen der Nachkriegszeit.

Wieviel Einfluss nehmen die Türkei, Saudi-Arabien und der Iran auf die Muslime, insbesondere auf die Imame in Bosnien-Herzegowina?

Es ist schwierig, die Gesamtwirkung zu beurteilen. Ich weiß sehr gut, dass verknüpft mit der humanitären Hilfe verlangt wurde, dass die Frauen den Schleier tragen, wenn sie Hilfe bekommen möchten. Auf den humanitären Paketen stand ausdrücklich geschrieben, dass es verboten ist, den Christen etwas davon zu geben. Ich sehe, dass viele östliche arabische Länder die großen islamischen Zentren und Moscheen bauen. Sehr wenig haben sie dagegen in den Wiederaufbau und in die Schaffung von Arbeitsplätzen investiert.

Zehntausende Katholiken strömen jedes Jahr in den kleinen herzegowinischen Ort Medjugorje. Die Vorgänge dort sind seit Jahren Gegenstand einer Kontroverse. Wann ist mit einem Urteil der Kirche über die Erscheinungen von Medjugorje zu rechnen? Erwarten Sie eine Anerkennung von Medjugorje als Pilger- und Wallfahrtsort?

Es ist wahr, dass viele an diesen Ort kommen und hier beten. Viele gehen dorthin, um gründlich zu beichten, und bei vielen ereignet sich eine spirituelle Veränderung. Einige sagen, dass sie dort einen geistlichen Ruf bekommen haben. Die internationale Kommission schloss ihre Arbeit ab, und alles, was geprüft wurde, wurde an die „Kongregation für die Glaubenslehre“ übergegeben. Ich will kein Urteil fällen und die Entscheidung des Heiligen Stuhls nicht beeinträchtigen. Meines Wissens ist es nicht verboten, zu Gott zu beten – auch nicht in Medjugorje.

Welche Rolle spielt der historische Konflikt zwischen Franziskanern und Diözesanklerus im Streit um Medjugorje?

Das ist eine historische Tatsache. Die Beziehung zwischen der Hierarchie und den Franziskanern ist noch nicht ganz ausgeglichen. Vielleicht wäre es anders zu beurteilen, wenn die beiden Fälle – das Phänomen von Medjugorje und die Beziehung zwischen den Franziskanern und dem Bischof – nicht verflochten wären. Wenn das kirchliche Bewusstsein wächst, kommen wir einer Lösung des Problems näher.

In Sarajevo selbst ist die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch. Wie stark ist die Kirche in Ihrer Erzdiözese? Was sind Ihre größten Sorgen hinsichtlich der Zukunft der Kirche in Bosnien?

Ich finde es schwierig, die Stärke der Kirche zu messen. Wir versuchen, den Tatsachen ins Auge zu sehen und darauf mit unserer Mission in Zeit und Raum zu reagieren. Deshalb haben wir eine Diözesansynode in Gang gesetzt. Wir können die Ungerechtigkeiten nicht verschweigen, die uns berühren, weil wir nicht die gleichen Rechte in diesem Land haben. Dies begünstigt, dass uns viele Gläubige verlassen. Ein großer Teil der Bevölkerung wurde zerstreut. Nach dem Krieg haben viele dieses Land verlassen, weil es keine Perspektive für das Leben gibt. Es genügt, zu sehen, dass die Erzdiözese Sarajevo vor dem Krieg mehr als 520 000 Katholiken hatte, und jetzt gibt es keine 200 000 mehr. Jemand ist noch immer für diese Situation verantwortlich.

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