„Die Kirche steht an der Seite der Schwachen“

Kardinal Marx beim Michaelsempfang in Berlin: Kirche und Politik müssen sich der Wirklichkeit der Menschen am Rand der Gesellschaft stellen. Von Markus Reder
Foto: KNA | Gruppenbild mit Kanzlerin: Kardinal Reinhard Marx, Angela Merkel und der designierte Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki.
Foto: KNA | Gruppenbild mit Kanzlerin: Kardinal Reinhard Marx, Angela Merkel und der designierte Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki.

Berlin (DT) Es war eine Premiere und der Andrang war noch größer als sonst. Erstmals sprach Kardinal Reinhard Marx in seiner Funktion als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz beim traditionellen Michaelsempfang des Kommissariats der Deutschen Bischöfe in Berlin. In der katholischen Akademie traf sich am Dienstagabend das „Who is Who“ aus Politik und Kirche. Auch Kanzlerin Angela Merkel war gekommen, was in Kirchenkreisen mit Blick auf Merkels zahlreiche Verpflichtungen im derzeitigen internationalen Krisenmanagement als besondere Geste gedeutet wurde.

An dem Empfang, zu dem mehr als 700 Gäste kamen, nahmen zahlreiche Spitzenpolitiker und Mitglieder der Bundesregierung teil, darunter Bundestagspräsident Norbert Lammert, die Bundesminister Wolfgang Schäuble, Thomas de Maiziere, Hermann Gröhe (alle CDU) und Andrea Nahles (SPD). Auch der Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Ferdinand Kirchhof, war der Einladung gefolgt. Neben dem Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, waren auch der jüngst verabschiedete Berliner Erzbischof und künftige Kölner Oberhirte, Kardinal Rainer Maria Woelki, sowie Militärbischof Franz-Josef Overbeck und der Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann, in das Tagungszentrum der Katholischen Akademie gekommen.

In seiner in freier Rede gehaltenen, rund zwanzigminütigen Ansprache zum Thema „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ (Papst Franziskus) – Zur Sendung der Kirche in der Welt“, rief Kardinal Marx Vertreter aus Politik und Kirche dazu auf, sich mit Blick auf die Wirklichkeit auf die befreiende Botschaft des Evangeliums einzulassen und dabei in besonderer Weise an den Schwächsten und Leidenden Maß zu nehmen. Die Armen seien für die Kirche Maßstab für ihr Handeln und Schlüssel zur Wahrnehmung der Wirklichkeit, sagte der Münchner Erzbischof unter Bezugnahme auf die Enzyklika „Evangelii gaudium“ von Papst Franziskus. Marx bezeichnete „Evangelii gaudium“ als programmatische Schrift, „die uns Mut macht und uns auf den Weg bringt“. Franziskus zeige in Wort und Tat eindrucksvoll, was mit Hinwendung zu den Menschen gemeint sei. „Wir wollen Kirche sein inmitten der Gesellschaft“, betonte Marx. Franziskus setze Zeichen, damit Geschwisterlichkeit Wirklichkeit werden könne. „Das bedeute dann auch, dass wir nicht einfach jeder Meinungsumfrage hinterherlaufen und glauben, der Mainstream sei die Wirklichkeit.“ Das Kriterium zur Erkenntnis der Wahrheit seien die Armen, die Schwachen, die Verfolgten, die Enthaupteten, sagte Marx und fügte hinzu: „Diese Menschen sind der Schlüssel zur Wahrnehmung der Wirklichkeit und nicht nur Umfrageergebnisse und Dinge, die wir messen können, im Sinne einer naturwissenschaftlichen Erkenntnis.“ Eine solche neue Wahrnehmung befreie von falschem Idealismus, so der Kardinal. Auch die Kirche dürfe nicht in einer „splendid isolation“ fromme Formeln vom Himmel regnen lassen, sondern müsse mit dem Evangelium in der Wirklichkeit der Armen und Schwachen leben und auf das Ganze schauen, „um von dort aus zu handeln – in und für die Welt“. Die Kirche dürfe „kein Anachronismus sein, der neben der Zeit herläuft“, sondern eine „Kraft, die die ganze Gesellschaft an die Wirklichkeit erinnert und auf jene schaut, die schwach sind und am Rand leben“.

Die biblische Botschaft von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen sei „die größte Revolution, die es je in der Geschichte gegeben hat“, hob Marx hervor. Diese Revolution sei nicht zu Ende. „Gott ist der Gott aller Menschen, er hat jedem Menschen seine Würde gegeben. Jeder ist von Gott geliebt. Darauf müssen wir uns besinnen, wenn wir fragen, was die Kraft des Evangeliums in der Welt von heute ist“, sagte Marx. Diese Botschaft des Evangeliums gelte es immer wieder neu und in die jeweilige Zeit hinein auszubuchstabieren und dabei an der Wirklichkeit Maß zu nehmen. „Was nützen gute Ideen im Parteiprogramm oder theologische Ideen, wenn sie nicht von Wirklichkeit berührt sind?“, fragte Marx. Christus sei keine Idee, sondern eine Person. Jesus von Nazareth habe sich in besonderer Weise den Armen und Schwachen zugewandt.

Christliche Weltsicht zeichne sich durch das Spannungsgefüge von Aktion und Kontemplation aus. Christliche Weltgestaltung bedeute, Verantwortung zu übernehmen, so Marx. „Wir müssen uns fragen, was wir in der Welt tun, denn es gibt Dinge, die bewahrt werden und solche die verändert werden müssen. Das ist auch eine Einladung an die politisch Verantwortlichen“, sagte Marx. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz zeigte sich betroffen von der schwierigen Situation im Irak und in Syrien. Diese fordere auch die Kirche neu heraus, etwa beim Thema Waffeneinsatz. Der Kardinal kündigte an, die katholische Kirche in Deutschland werde sich verstärkt um Hilfe für Flüchtlinge kümmern. „Wir wollen unseren Beitrag leisten.“ Die Bischöfe würden darüber auf der bevorstehenden Herbstvollversammlung in Fulda beraten, so Marx. Auch das Thema Migration sei wichtig. Der Schutz des ungeborenen Lebens werde immer ein Thema bleiben, sagte der Kardinal. Mit Blick auf politische Vorstöße, aktive Sterbehilfe in Deutschland zuzulassen, forderte Marx eine breite Debatte über das Thema Sterben in Würde. Die Kirche stehe auch hier an der Seite der Schwachen. Es dürfe nicht um „menschenwürdiges Töten“, sondern müsse um „menschenwürdiges Sterben gehen“, hob der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hervor.

Wie sehr die Kirche die Lage im Nahen Osten und deren Auswirkungen umtreibt, unterstrich der Kardinal dann auch in einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA), das am Mittwoch verbreitet wurde. Darin erwartet Marx von der Großkundgebung am Brandenburger Tor am Sonntag ein deutliches Signal gegen Terrorismus und Fanatismus. „Angesichts der teils religiös motivierten Konflikte im Nahen Osten, aber auch in Syrien und dem Irak ist es sicherlich nötig, zu zeigen, dass Extremismus keinen Rückhalt in der breiten Bevölkerung und auch nicht in den jeweiligen Religionsgemeinschaften hat“, sagte der Münchner Erzbischof gegenüber der KNA. „Daher ist ein breites Bündnis von religiösen wie auch staatlichen Repräsentanten von großem Wert. Gemeinsam müssen wir Terrorismus und Fanatismus eine unmissverständliche Absage erteilen.“ Zu der Kundgebung unter dem Leitwort „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ hatte der Zentralrat der Juden aufgerufen. Hauptrednerin ist Bundeskanzlerin Merkel. Auch Kardinal Marx, der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider, sowie der Präsident des World Jewish Congress, Ronald S. Lauder, werden sprechen. Bundespräsident Joachim Gauck wird als Ehrengast teilnehmen. Marx warb in dem Interview für verstärkte Begegnungen zwischen Christen, Muslimen und Juden in Deutschland. „So werden Zeichen des Respekts und des verantwortungsbewussten Miteinanders gesetzt, die hoffentlich viele erreichen und dazu beitragen, Vorurteile in Frage zu stellen.“

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