Die Kirche lehrt durch das Beispiel

Betrachtung über die Barmherzigkeit: Ansprache bei der Generalaudienz am 10. September 2014
Foto: dpa | Das Zeugnis Mutter Teresas bewegt die Menschen – so wie diese Kinder in Bhopal (Indien) bei einer Gedenkfeier im August 2014.
Foto: dpa | Das Zeugnis Mutter Teresas bewegt die Menschen – so wie diese Kinder in Bhopal (Indien) bei einer Gedenkfeier im August 2014.

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Im Verlauf der Katechesen über die Kirche befassen wir uns mit der Betrachtung, dass die Kirche Mutter ist. Beim letzten Mal haben wir darauf hingewiesen, dass die Kirche uns wachsen lässt, dass sie uns mit dem Licht und der Kraft des Wortes Gottes den Weg zur Erlösung zeigt und uns vor dem Bösen bewahrt. Heute möchte ich einen besonderen Aspekt dieses erzieherischen Wirkens unserer Mutter Kirche hervorheben, nämlich wie sie uns die Werke der Barmherzigkeit lehrt.

Ein guter Erzieher zielt auf das Wesentliche ab. Er verliert sich nicht in Details, sondern will das vermitteln, was wirklich zählt, damit das Kind oder der Schüler Lebenssinn und Lebensfreude finden. Das ist die Wahrheit. Und dem Evangelium zufolge ist das Wesentliche die Barmherzigkeit. Das Wesentliche des Evangeliums ist die Barmherzigkeit. Gott hat seinen Sohn gesandt, Gott ist Mensch geworden, um uns zu erlösen, das heißt, um uns seine Barmherzigkeit zu schenken. Jesus sagt das deutlich, wenn er seine Lehre für die Jünger zusammenfasst: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36). Kann es einen Christen geben, der nicht barmherzig ist? Nein. Der Christ muss zwangsläufig barmherzig sein, weil dies der Kern des Evangeliums ist. Und treu dieser Lehre kann die Kirche ihren Kindern nur dasselbe wiederholen: „Seid barmherzig“ wie es der Vater ist und wie Jesus es war. Barmherzigkeit.

Dann verhält sich die Kirche wie Jesus. Sie hält keine theoretischen Vorträge über die Liebe, über die Barmherzigkeit. Sie verbreitet auf der Welt keine Philosophie, keinen Heilsweg... Natürlich ist das Christentum auch alles das, aber als Konsequenz, als Folge. Die Mutter Kirche lehrt wie Jesus durch das Beispiel, und die Worte dienen dazu, die Bedeutung ihrer Gesten zu erklären.

Die Mutter Kirche lehrt uns, denen, die Hunger und Durst haben, zu essen und zu trinken zu geben, die Nackten zu bekleiden. Und wie tut sie das? Sie tut dies durch das Beispiel zahlreicher Heiliger, die das auf vorbildliche Weise getan haben; doch sie tut dies auch durch das Beispiel vieler Väter und Mütter, die ihren Kindern beibringen, dass das, was bei uns übrig bleibt, für diejenigen ist, denen es am Notwendigen fehlt. Es ist wichtig, das zu wissen. In den einfachsten christlichen Familien war die Regel der Gastfreundschaft immer etwas Heiliges: Es fehlt nie an einem Teller oder einem Bett für jemanden, der dessen bedarf. Einmal hat mir eine Mutter – in einer anderen Diözese – erzählt, dass sie ihren Kindern das beibringen wollte und ihnen sagte, sie sollten helfen und den Hungrigen zu essen geben – drei Kinder hatte sie. Und eines Tages beim Mittagessen – der Vater war bei der Arbeit und sie war allein mit ihren drei Kindern im Alter von etwa vier, fünf und sieben Jahren – klopft es an der Tür: ein Mann, der um Essen bat. Und die Mutter sagte ihm: „Warte einen Moment“. Dann ging sie wieder hinein und sagte ihren Kindern: „Da ist ein Mann, der um Essen bittet, was machen wir jetzt?“ „Mama, geben wir ihm etwas, geben wir ihm etwas!“ Jeder hatte ein Stück Fleisch und Pommes Frites auf dem Teller. „Gut“, sagt die Mutter, „nehmen wir von jedem Eurer Teller die Hälfte und geben wir ihm von jedem von Euch ein halbes Stück Fleisch.“ „Ah, nein Mama, so nicht!“ „Doch, Du musst etwas von Deinem Essen abgeben.“ Und so hat diese Mutter ihren Kindern beigebracht, dass sie etwas von ihrem eigenen Essen abgeben mussten. Das ist ein schönes Beispiel, dass ich immer sehr hilfreich fand. „Aber ich habe nichts übrig...“. „Gib etwas von Deinem ab!“. Das lehrt uns die Mutter Kirche. Und Ihr, die vielen Mütter, die Ihr hier seid, wisst, was Ihr tun müsst, um Euren Kindern beizubringen, ihre Dinge mit den Bedürftigen zu teilen.

Die Mutter Kirche lehrt uns, den Kranken nahe zu sein. Wie viele Heilige haben Jesus auf diese Weise gedient! Und wie viele einfache Männer und Frauen setzen dieses Werk der Barmherzigkeit täglich in einem Zimmer im Krankenhaus, im Altersheim oder bei sich zu Hause in die Praxis um, indem sie einem kranken Menschen beistehen.

Die Mutter Kirche lehrt uns, denen nahe zu sein, die im Gefängnis sind. „Aber nein, Pater, das ist gefährlich, das sind böse Menschen.“ Doch jeder von uns wäre in der Lage... Hört gut zu: Jeder von uns wäre in der Lage, dasselbe zu tun, was dieser Mann oder diese Frau getan haben, die im Gefängnis sind. Wir alle wären in der Lage, zu sündigen und dasselbe zu tun, im Leben Fehler zu machen. Er ist nicht schlimmer als du oder ich! Die Barmherzigkeit überwindet jede Mauer, jede Barriere, und bringt Dich dazu, immer das Antlitz des Menschen, der Person zu suchen. Die Barmherzigkeit verwandelt das Herz und das Leben, sie kann einen Menschen zu neuem Leben erwecken und ihm ermöglichen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern.

Die Mutter Kirche lehrt uns, denen nahe zu sein, die verlassen sind und einsam sterben. Die selige Mutter Teresa hat dies auf den Straßen Kalkuttas getan; viele Christen, die keine Angst haben, die Hand derer zu halten, die sich anschicken, diese Welt zu verlassen, haben das getan und tun dies weiter. Und auch hier schenkt die Barmherzigkeit sowohl den Scheidenden als auch den Hinterbliebenen Frieden, indem sie uns spüren lässt, dass Gott größer ist als der Tod, und dass, wenn wir in Ihm bleiben, auch der letzte Abschied ein „Auf Wiedersehen“ bedeutet... Die selige Mutter Teresa hatte das verstanden! Die Leute sagten ihr: „Mutter, das ist Zeitverschwendung!“ Sie fand sterbende Menschen auf der Straße, Leute, deren Leib allmählich von den Ratten auf der Straße aufgefressen wurde, und sie brachte sie ins Haus, damit sie sauber, ruhig, umsorgt und in Frieden sterben konnten. Sie hat all diesen Menschen „Auf Wiedersehen“ gesagt. Und viele Männer und Frauen haben wie sie dasselbe getan. Und jene warten auf sie, dort [er weist auf den Himmel], an der Pforte, um ihnen die Himmelspforte zu öffnen. Den Menschen helfen, gut und in Frieden zu sterben.

Liebe Brüder und Schwestern, die Kirche ist Mutter, indem sie ihre Kinder die Werke der Barmherzigkeit lehrt. Sie hat diesen Weg von Jesus gelernt, sie hat gelernt, dass dies für das Heil wesentlich ist. Es reicht nicht, die zu lieben, die uns lieben. Jesus sagt, dass die Heiden das tun. Es reicht nicht, denen Gutes zu tun, die uns Gutes tun. Um die Welt zum Besseren zu verändern, muss man denen Gutes tun, die das nicht vergelten können, wie der Vater es an uns getan hat, indem er uns Jesus schenkte. Wie viel haben wir für unsere Erlösung bezahlt? Nichts, alles gratis! Gutes tun, ohne im Gegenzug etwas zu erwarten. So hat sich der Vater uns gegenüber verhalten, und so müssen auch wir uns verhalten. Tu Gutes und geh voran!

Wie schön es ist, in der Kirche zu leben, in unserer Mutter Kirche, die uns diese Dinge lehrt, die Jesus uns gelehrt hat. Danken wir dem Herrn, der uns die Gnade schenkt, die Kirche als Mutter zu haben, sie, die uns den Weg der Barmherzigkeit lehrt, der der Weg des Lebens ist. Danken wir dem Herrn.

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Besucher aus dem deutschen Sprachraum:

Einen herzlichen Gruß richte ich an alle Pilger deutscher Sprache. Liebe Freunde, danken wir dem Herrn für die Gnade, die Kirche als Mutter zu haben. Sie lehrt uns den Weg der Barmherzigkeit und den Weg des Lebens. Gott segne euch alle.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller

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