Kirche

Die heilige Treppe Scala Sancta in Rom: Treppe zur Wahrheit

Die „Scala Sancta“ in Rom ist seit über dreihundert Jahren für vier Wochen wieder frei zugänglich. Von Paul Badde
Weichgeschliffene Mamaortreppenstufe der Scala Sancta
Foto: Badde

Den Anfang des wahren Kreuzwegs Christi darf man nicht in Jerusalem suchen. Dafür muss man nach Rom kommen, besonders in diesen Tagen, wo die Heilige Stiege neben dem Lateran seit dem 11. April erstmals seit über dreihundert Jahren für vier Wochen wieder frei zugänglich, zu sehen und zu küssen ist. Oberhalb dieser „Scala Sancta“ aus dem ehemaligen Palast des Pilatus wurde der Menschensohn ausgepeitscht, mit einer Dornenhaube gekrönt und zum Tode verurteilt, bevor er blutüberströmt – über diese Treppe! – in den Hof des Prätoriums hinab wankte, wo seine Henker ihm das Kreuz auf die Schultern legten und den Schuldspruch in drei Sprachen umhängten: „Jesus von Nazareth, König der Juden.“

Dieser so genannte Titulus aus brüchigem Nussholz findet sich nur 800 Meter weiter westlich in der Basilica Santa Croce in Gerusalemme, über den Ruinen vom ehemaligen Palast Helenas (249–329), der Mutter Kaiser Konstantins, die diesen Schuldtitel, diese heilige Treppe und andere materielle Spuren des Erlösers mehr von Jerusalem nach Rom verbrachte und es gibt keinen vernünftigen Grund, das zu bezweifeln – wenn wir „Vernunft“ hier noch einmal im etymologischen Wortsinn als das „Vernommene“ verstehen, was uns durch die Jahrhunderte von Generation zu Generation überliefert wurde.

Denn Helena war schon im 4. Jahrhundert von der Einsicht fasziniert, dass in der Mitte des Christentums kein neuer Mythos stand, oder eine neue heilige Schrift, sondern der Allerheiligste selbst, der zu einer ganz konkreten Zeit leibhaftig in unsere Geschichte eingetreten ist. Und dass man deshalb auch nach seinen Spuren suchen durfte. Das wäre einem antiken Menschen nie und nimmer für Zeus oder Apollo oder Artemis eingefallen.

Die Einsicht der einzigartigen Menschwerdung Gottes aber hatte sich dem Bewusstsein Helenas eingebrannt: Dem Innern der katholischen und apostolischen Kirche hat Gott sich in Jesus Christus eingeprägt wie ein Siegel. Diese Überzeugung ließ die Mutter Konstantins nicht ruhen, bis sie sich schließlich mit 77 Jahren (!) nach Palästina aufmachte, um in Jerusalem um das Jahr 325 Spuren der Passion und Auferstehung Jesu Christi zu finden, in dem Gott sein Gesicht gezeigt hatte.

Zu der Zeit war Jerusalem unter dem Namen Aelia Capitolina längst eine Provinzstadt im Osten des Römischen Weltreiches geworden, wo die Römer nach dem letzten Bar-Kochbar-Aufstand im Jahr 132 alle Juden aus der Stadt verbannt und alle hebräischen und christlichen Kultorte mit Tempeln ihrer Götterwelt überbaut hatten. Dadurch war die Identifizierung vieler dieser Stätten später umso einfacher. Unter einem Aphrodite-Tempel Kaiser Trajans fand Helena deshalb mit Hilfe des Bischofs Judas Kyriakos das leere Grab Christi, als das „hochheilige Denkmal der Auferstehung des Heilandes, das die Auferstehung des Erlösers durch Tatsachen bezeugt, die lauter sprechen als jeder Mund“, wie Eusebius von Caesarea (263–339) damals schrieb. Keine hundert Meter entfernt davon führte sie der Bischof in einer aufgelassenen Zisterne auch zu dem Kreuz, dem Kreuzestitel, der Dornenkrone und den Nägeln. Judas Kyriakos war der letzte der dreizehn ersten Bischöfe Jerusalems mit jüdischem Hintergrund, in dessen Name auch noch das „Kyrios“ anklingt, als Hinweis, dass er selbst wohl der „Herrenfamilie“ des ersten Bischofs und „Herrenbruders“ Jakobus entstammte, wo das Wissen um diese Orte in der frühen Kirche wohl besonders gehütet wurde. Zu dem herodianischen Tempel, den Jesus noch das „Haus des Vaters“ genannt hatte, wo er mit seinen Aposteln ein- und ausgegangen war, musste der Bischof Helena nicht eigens hinführen. Es war eine Brache mitten in der Stadt auf dem alten Tempelberg, wo sie aus dem Trümmerfeld zwölf Tempelsäulen bergen und von Caesarea nach Rom verschiffen ließ, wo sie prominent in die erste Basilika eingebaut wurden, die ihr Sohn Konstantin dort gerade über dem Grab Petri errichten ließ. Ähnlich einfach ließ sich für Helena das Prätorium des römischen Prokuratoren zur Zeit Jesu wieder auffinden, wofür Pontius Pilatus im Jahr 26 westlich des Tempelbergs den Amtssitz der Hasmonäer beschlagnahmt hatte, bevor er dort später das Todesurteil über Jesus mit der lateinischen Formel fällte „Ibis ad crucem“.

An diesem Ort im Judenviertel der Jerusalemer Altstadt lassen sich (in der Beit HaShoeva 5) im „Siebenberg House“ noch heute viele Trümmerteile des Palastes bestaunen, den die Priesterkönige der Hasmonäer nach den erfolgreichen Aufständen der Makkabäer gegen die hellenistischen Seleukiden errichteten und den das Ehepaar Theo und Mirjam Siebenberg nach der Eroberung der Altstadt 1967 durch Israels Fallschirmjäger entdeckt und freigelegt haben.

Dabei stießen sie auch auf einen sorgfältig behauenen rechteckigen Steinblock, wie gemalt zu jenem Bericht des Pilgers von Piacenza aus dem Jahr 555, wo wir lesen: „Wir beteten auch im Prätorium, wo der Herr verhört worden ist, in der Basilika der Heiligen Weisheit vor den Ruinen des Tempels. Da befindet sich der viereckige Stein, der mitten im Prätorium stand, auf den der Angeklagte gehoben wurde, damit er vor allem Volk gehört und gesehen werden konnte. Auf diesen Stein ist auch der Herr gehoben worden, als er von Pilatus verhört wurde.“ Dass dieser „viereckige Stein“ nun identisch ist mit dem viereckigen Stein im Keller des Siebenberghauses, kann mit Sicherheit natürlich keiner sagen. Untermauert wird diese Annahme allerdings durch zwei Zisternen in einem verborgenen Nebenraum der Ausgrabungen, mit großen byzantinischen Kreuzen im Putz, die zwingend nahelegen, dass sich hier auch die legendäre Pilatus-Kirche befunden haben muss, die erst später in Hagia-Sophia-Kirche umbenannt wurde, bevor Perser sie im Jahr 614 bei ihrem Überfall Jerusalems zerstörten. Und prächtige Säulenteile innerhalb der Trümmer des Prätoriums machen auch deutlich, dass eine Marmor-Freitreppe aus 28 Stufen durchaus in diese Palast-Architektur gepasst hätte wie ein Puzzle-Stein.

Und jetzt bietet sich die freigelegte nackte Treppe in Rom auf den ersten Blick dar wie ein langes fließendes Tuch: wie ein kostbarer seidener Altarstoff, als sei sie aus einem einzigen riesigen Marmorblock herausgehauen. So sehr haben die Knie ungezählter Beter die einzelnen Stufen zusammengeschliffen im Lauf der Jahrhunderte, bevor sie im Jahr 1723 unter Papst Innozenz XIII. zum Schutz vor weiterer Abnutzung mit Bohlen aus Walnussholz verkleidet wurden. Bei der Freilegung der Stufen stießen die Restauratoren auf eine Reihe kleiner Bronzegitter, die Flecken im Marmor schützten, in denen ungezählte Rompilger Blutflecken erkennen wollten, mit der DNA des Gottessohnes, die zur DNA seiner heiligen Kirche wurde. Der makellose Marmor selbst wird noch untersucht, doch es scheint schon sicher, dass er dem östlichen Mittelmeerraum entstammt.

Der Überlieferung nach soll Papst Silvester (314–335) die Stufen erstmals zu einem integralen Bestandteil seines Palastes gemacht haben, wo die Treppe danach eine Konstante blieb von der Antike bis zum Mittelalter. Unter Papst Sixtus V. (1585–1590) erhielt sie endgültig ihre Position unter der Papstkapelle „Sancta Sanctorum“, wo Doctor Martinus Luther nach seinem Besuch der Scala Santa im Jahr 1511 festhielt, dass er hier zur Erlösung seines Großvaters aus dem Fegefeuer „die Treppe des Pilatus“ hinaufging und auf jeder Stufe ein Vaterunser betete: „Aber als ich oben ankam, dachte ich: Wer weiß, ob es wahr ist.“ Ob es wahr ist? Wir wissen heute mehr als Luther und sehen, dass die Evidenz der Authentizität dieser Treppe wie bei den Gräbern der Apostel tiefer und überzeugender ist als jene Hermeneutik des Verdachts, die all diese Orte für Pilger aus dem Norden spätestens seit den Tagen Luthers umgeben wie dichtes Spinngewebe.

„Was ist Wahrheit?“ hat oberhalb dieser Stufen aber der Prokurator den Erlöser selbst gefragt, bevor er ihn in den Tod schickte. Er selbst war die Wahrheit und antwortete auf die gleiche Weise wie heute diese Treppenstufen: mit Schweigen.

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