Die gewaltige Botschaft des Christentums freigelegt

Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz über die „Theologie des Leibes“ bei Papst Johannes Paul II. und die Gefahren der Gender-Ideologie

Die Thomas-Morus-Akademie Bensberg veranstaltet gemeinsam mit der Wallfahrtsleitung Kevelaer am 8. und 9. Oktober im in Petrus-Canisius-Haus in Kevelaer eine offene Akademietagung. Unter dem Titel „Aus dem Staunen vor dem Menschen geboren“ befassen sich namhafte Wissenschaftler mit dem Denken Papst Johannes Pauls II. Im Vorfeld der Tagung sprach Hanns-Gregor Nissing mit Frau Professor Gerl-Falkovitz, einer der Referentinnen dieser Veranstaltung.

Frau Professor Gerl-Falkovitz, Sie werden bei der Tagung in Kevelaer zur „Theologie des Leibes“ bei Papst Johannes Paul II. sprechen. Was genau verbirgt sich dahinter?

Wenn die Wörter „Leib“ und „Theologie“ fallen, denkt der Alltagsverstand meist an die angebliche Leibfeindlichkeit des Christentums. Dabei ist es genau umgekehrt: Das Christentum ist die einzige Religion, die als zentralen Inhalt die Fleischwerdung Gottes annimmt und verehrt. „Das Fleisch ist der Angelpunkt“: caro cardo, sagt Augustinus. Für die verwandten Religionen Judentum und Islam ist „Gott im Fleisch“ gerade der „Skandal“. In mythischen Erzählungen anderer Religionen – zum Beispiel im Hinduismus – nehmen die Gottheiten das Fleisch nur als Maske für eine bestimmte Zeit zu einem bestimmten Zweck an, dann wird es wieder abgelegt. Christlich gesehen ist aber wichtig, den Leib nicht bloß als zufälligen Körper, als „Hülle“ eines wahren Ich wahrzunehmen, sondern als Durchsicht auf Seele und Geist, als Ausdruck meines Innen, ja sogar: als Wohnung des Heiligen Geistes. Der Leib ist eben kein mechanischer Körper, den ich benutze wie ein fremdes Werkzeug. „Ich habe einen Körper, aber ich bin mein Leib“, sagte der Anthropologe Helmuth Plessner. Von daher ist die „Theologie des Leibes“ ausgesprochen leibfreundlich – sie rutscht nicht in einen modischen Körperkult ab und ebenso wenig in eine spiritualistische „Verdünnung“ und Entseelung des Leibes.

Man hat mit Blick auf die „Theologie des Leibes“ von „einer der kühnsten Neustrukturierungen der katholischen Theologie seit Jahrhunderten“ gesprochen. Was ist das Neue und Kühne am Entwurf des Papstes?

Es gibt ein russisches Sprichwort: „Das Neue ist nur als das gut vergessene Alte.“ Theologie ist immer auch Spiegel ihrer Zeit und hatte aus dem 19. Jahrhundert eine „viktorianische Prüderie“ mitgenommen – der Protestantismus mehr noch als der Katholizismus –, die mit der christlichen Keuschheit verwechselt wurde. Das Wort „keusch“ kommt übrigens vom lateinischen „conscius“, das heißt bewusst, meint also den bewussten und achtsamen Umgang mit dem Leib. Nach dieser Prüderie war es die Forderung der Stunde, dass der Papst, der ja selbst unter den evangelischen Räten einschließlich der Keuschheit lebt, die verdeckte Bedeutung des Leibes als gewaltige Botschaft des Christentums freilegte. Im Gegenzug gegen manche Verklemmung der Vergangenheit hat ja die moderne Lebenswelt überall Sex gesucht; „jemand/etwas ist sexy“ gilt als Empfehlung. Sogar Kinder werden, auch in der Schule, frühzeitig sexualisiert. Daher wirkt diese Freilegung der Ganzheitlichkeit des Leibes und seiner Kultur des Liebens tatsächlich kühn und neu. Außerdem behauptet das Christentum sogar, und es geht auch hier weiter als andere Religionen, dass es eine Auferstehung des Leibes nach dem Tode gibt. Das bedeutet doch eine andere Achtsamkeit für den Umgang mit mir selbst.

Mit der Leiblichkeit ist die Geschlechtlichkeit des Menschen gegeben, sein Dasein als Mann oder Frau. Man hat Johannes Paul II. immer wieder eine Geringschätzung der Frau unterstellt, da er etwa die Weihe von Frauen kategorisch ausgeschlossen hat ?

Irgendwann wird es auch langweilig, immer denselben Einwand breitzutreten. Wenn man jemanden wegen der Berufung von Männern in den Dienst – nicht „Amt“ – der Kirche angreift, müsste man Jesus angreifen. Nach den Evangelien hat er den „Zwölf“ den Auftrag der Eucharistiefeier und die Sündenvergebung anvertraut und nicht dem Frauenkreis (Lk 8), der andere Aufgaben hatte. In dieser Hinsicht ist der Feminismus unterkomplex. Die soziologische Rede von „Rollen“ ist übrigens hier irreführend, denn Rollen sind funktional, zeitlich begrenzt und können abgegeben werden. Frausein und Mannsein, ebenso Mutterschaft und Vaterschaft, sind aber keine Rollen, denn sie sind nicht funktional austauschbar, nicht zeitlich begrenzt und können nur notgedrungen „ersetzt“ werden. Das ist nicht nur in der Bibel so gesehen, sondern in allen Kulturen und Religionen. Die Ausführungen des Papstes übersteigen dies freilich, weil sie von der „Menschwerdung“ der Geschlechter handeln, also von der ursprünglichen Selbstgehörigkeit von Mann oder Frau, die nicht nur im Dienst der Sippe, der Familie, eben der Funktion gesehen werden dürfen. Insofern wurzelt der Feminismus, ohne es anzuerkennen, tatsächlich zu einem Teil in der christlichen Freiheit, hat aber diesen Teil einseitig säkular und mittlerweile gefährlich überdehnt. In einem eben geführten Gespräch mit einem Psychiater betonte dieser, dass ein Großteil hoch traumatisierter Patienten unter der leiblichen oder seelischen „Abwesenheit der Mutter“ gelitten habe, und fügte hinzu, dass der Feminismus hier eindeutig versage. Es bedürfe neuer (alter) Konzepte des Frauseins: Mutterschaft ist das verdrängte, verschüttete, aber deswegen unbewusst verwundete Moment in der Frau.

Sie selbst haben sich in Ihrem jüngsten Buch mit den Themen „Feminismus“ und „Gender“ beschäftigt. Ihr Bezugspunkt ist dabei immer wieder die Personalität des Menschen und seine Leiblichkeit. Gibt es Bezüge zur „Theologie des Leibes“ bei Johannes Paul II.?

In meinem Buch („Frau – Männin – Menschin“, Butzon und Bercker 2009, A.d.R.) versuche ich zu zeigen, dass gerade „Gender“ in seinem harten Kern ein ideologischer Irrläufer ist. Für viele bleibt die Theorie schwer durchschaubar, weil sie darunter nur die „weiche Version“ von Geschlechtergerechtigkeit verstehen, die auch das Familienministerium und die katholischen Frauenbünde auf ihre Fahnen geschrieben haben. Aber das ist nicht ungefährlich: Bei den führenden Theoretikerinnen wie Judith Butler handelt es sich um ein Durchstreichen des Leibes: Er soll nur noch geschlechtsloser „Körper“ sein, dem „ich selbst“ dann ein Geschlecht zuweise. Männer und Frauen sollen nur noch „persons“ sein, die sich selbst definieren und ihre Geschlechtlichkeit homo-, hetero-, bi- und transsexuell ausleben. Übrigens haben Kinder in dieser Theorie keine Stelle mehr. Das kann man Leibvergessenheit im großen Stil nennen. Bei Johannes Paul II. wird gerade die leibliche Fähigkeit hervorgehoben, in meinem eigenen Geschlecht dem anderen zu begegnen, fruchtbar zu sein, bräutlich-hingegeben zu sein. Er betont sogar die leibliche Auferstehung nach dem Tod als die wunderbare Möglichkeit, dem anderen zu begegnen. Ehe und Fruchtbarkeit sind die konkreten Wirkungen unserer Leiblichkeit auf dieser Erde, aber was für immer bleibt, ist die bräutliche, liebevolle Begegnung mit anderen auch nach dem Tod. Ein großartige Vision.

In der Gegenwart wird die Kirche in Deutschland vom Missbrauchsskandal erschüttert. Man hat den Eindruck, dass - abgesehen von den notwendigen administrativ-juristischen Maßnahmen – die Kirche wenig geistliche oder auch theologische Reserven hat, um zu reagieren. Könnte die „Theologie des Leibes“ hier ein Orientierungsmaßstab und eine Hilfe sein?

Geschlechtlichkeit ist ein unerhörter Lebenstrieb, der wegen seiner Gewalt auch hoch gefährlich werden kann. Er ist wie ein Motor unseres Lebens, der mit voller Kraft an die Wand fahren kann, wenn es keine Kenntnis dieses Motors, kein Einüben gibt. Insofern ist Geschlecht nicht einfach schon „richtig“ und natürlich gesichert. Im Gegenteil, auch der Geschlechtstrieb muss „erlöst“ werden. Über seine Gefahren muss gesprochen, er muss in seinem Glück beleuchtet werden. Das gelingt biblisch, wenn auch das Geschlecht als Gabe, als Mittel zum Ganzwerden am anderen, ja als Weg zu Gott aufgewiesen wird. Denn Erotik und Spiritualität haben tief miteinander zu tun. Die mystische Sprache ist weithin eine Sprache der Liebe – dazu muss man nur das Hohelied lesen. Auch der Zölibat kann nur aus einer großen Liebe zu Gott heraus gelebt werden. Dann heißt „continentia“ nicht „Enthaltsamkeit“, sondern heißt richtig übersetzt „Haltung“, ein Zusammenhalten der Kräfte nämlich, ein Äußerstes an Kraft. Das gilt ebenso für die Ehe. Jenseits von Verklemmung oder stumpfer Schamlosigkeit: Das ist die biblische Balance, mit der wir auf den geliebten Menschen oder auf Gott zubalancieren. Es ist hilfreich, was der Papst dazu sagt, auch wie er es sagt: brüderlich, menschlich, mystisch, als ein Liebender.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer