Die geschändete Barmherzigkeit

Abschied von einer naiven Schriftauslegung: Warum die Liebe Gottes nicht zu verwechseln ist mit einer bedingungslosen Heilszusage. Von Pater Engelbert Recktenwald

Im zweiten Korintherbrief spricht der Apostel Paulus vom Schatz, den wir in irdenen Gefäßen tragen. Mit dem Schatz meint er das „Licht der Erkenntnis der Gottherrlichkeit im Antlitz Jesu Christi“ (4, 6), also die liebende Verbundenheit mit dem Herrn durch den Glauben, worin die Erlösung besteht. Das irdene Gefäß ist unser Leib, der ständigen Gefahren ausgesetzt ist. Wir können den Ausdruck aber auch auf unser Herz beziehen. Die Eigenschaft „irden“ weist auf die Zerbrechlichkeit hin. Unser Herz ist Versuchungen ausgesetzt. Unser Schatz ist nie ganz außer Gefahr. „Wer steht, sehe zu, dass er nicht falle“, schreibt Paulus deshalb im ersten Korintherbrief (10, 12). Wir haben den göttlichen Schatz nicht ein für allemal in sicherem Besitz. Vielmehr besteht die furchtbare Möglichkeit, ihn wieder zu verlieren. Deshalb mahnt Paulus: „Wirkt euer Heil mit Furcht und Zittern” (Phil 2, 12).

Das ist nur eine besonders drastische Ausdrucksweise für jene Wachsamkeit, zu der uns der Herr selber im Evangelium viele Male aufruft. Von dieser Wachsamkeit hängt unser Heil ab. Denken wir etwa an das Gleichnis von den Knechten, die der Herr bei seiner Heimkehr vom Hochzeitsmahl wachend und mit brennenden Lampen in den Händen vorfinden will. Den Knecht aber, den er nicht wachend, sondern schmausend und zechend antrifft, wird er – horribile dictu – „in Stücke hauen und ihm seinen Platz bei den Untreuen anweisen“ (Lk 12, 46). Und vom Apostel Petrus stammt das Wort: „Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlingen könne“(1 Petr. 5, 8).

Es gibt nun eine Weise, über die bedingungslose Liebe Gottes zu sprechen, die alle diese Ermahnungen überflüssig macht. In einem gewissen Sinne ist diese Liebe tatsächlich bedingungslos: Gott verfolgt aufgrund seines Heilswillens selbst den schlimmsten Sünder mit seiner Gnade und bietet ihm die Vergebung an. Aber die Vergebung selber ist nicht bedingungslos, sondern an die Bedingung der Reue und Umkehr geknüpft, die sich beim Katholiken im Empfang des Bußsakramentes zeigen muss. Die Liebe Gottes bedeutet also keine bedingungslose Heilszusage. Es ist falsch, so zu tun, als ob wir aufgrund der Liebe Gottes tun und lassen könnten, was wir wollen, ohne fürchten zu müssen, jemals tiefer zu „fallen als nur in Gottes Hand“, wie es in einem gern zitierten Gedicht des evangelischen Pfarrers Arno Pötzsch heißt. Doch, wir können tiefer fallen, denn Christus mahnt uns: „Fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann“ (Mt 10, 28).

Paulus gibt die Kriterien an, die vom Heil ausschließen: „Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.“ Und was ist „solches“? Die Werke des Fleisches: „Unzucht, Unkeuschheit, Wollust, Götzendienerei, Zauberei, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zorn, Zwietracht, Spaltungen, Parteiungen, Mord, Trunksucht, Schwelgerei und dergleichen“ (Gal 5, 19–21). Die Frohe Botschaft, die den Galatern gebracht wurde, bestand darin, dass Gott sie bekehrte, ihnen vergab und ihnen den Wandel im Geiste schenkte. Nun warnt sie Paulus vor einem Rückfall: „Im Geiste habt ihr begonnen und wollt nun im Fleische enden?“ (Gal. 3, 3). Gottes Liebe bedeutet also nicht, dass wir das Heil ein für alle Mal in der Tasche haben und vor jedem Rückfall gefeit sind.

Auf diesem Hintergrund muss auch die göttliche Barmherzigkeit verstanden werden. Barmherzigkeit ist verzeihende Liebe. Gott verzeiht immer, sobald der Sünder bereut und zur Umkehr bereit ist. Der heilige Pfarrer von Ars äußerte die Überzeugung, niemand sei in der Hölle wegen seiner Sünden, sondern wegen der Weigerung, sie zu bereuen. Die Reue macht den Weg frei für Gottes Barmherzigkeit. Diese ist unendlich und grenzenlos. Das heißt: Es gibt keine Sünde, an der sie ihre Grenze findet. Auch die Gerechtigkeit setzt der Barmherzigkeit keine Grenze. „Die Beichte ist das Sakrament, wo Gott seine Gerechtigkeit zu vergessen scheint, um nur sein Erbarmen zu zeigen“, sagt der heilige Pfarrer von Ars. Nicht Gottes Gerechtigkeit, sondern unser Mangel an Reue hindert die Barmherzigkeit, ihr Werk zu tun. Gott braucht keinen Ausgleich zwischen seiner Gerechtigkeit und seiner Barmherzigkeit anzustreben, der darin bestünde, dass er einen Teil der Sünden verzeiht, einen anderen bestraft. Vielmehr hat er ein unendliches Verlangen, nur zu verzeihen, und genau das tut er in dem Maße, wie der Sünder die Sünden bereut und sich Gottes Erbarmen anvertraut. Der reuige Sünder kann also das Vertrauen nicht übertreiben, weil man die Barmherzigkeit Gottes nie übertreiben kann. Gott kann dieses Vertrauen nicht enttäuschen. Der umkehrwillige Sünder kann deshalb die Gewissheit haben, dass Gott ihn aufnehmen wird wie der barmherzige Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Das gilt aber nicht für den Sünder, der nicht zum Vater zurückkehrt, sondern bei den Schweinen bleibt. Wenn er trotzdem auf Vergebung hofft, dann ist das kein Zeichen von Vertrauen, sondern von Vermessenheit. Die Vermessenheit ist nicht ein übertriebenes Vertrauen. Das echte Vertrauen kann man nicht übertreiben. Durch das Vertrauen wird Gottes Barmherzigkeit verherrlicht, durch die Vermessenheit geschändet. Denn der Vermessene macht aus ihr einen Freibrief, weiter zu sündigen. Seine Heilsgewissheit aufgrund der vorgeblich bedingungslosen Liebe Gottes ist eine trügerische. Vielmehr gilt hier das Pauluswort:„Gott lässt seiner nicht spotten. Der Mensch erntet, was er sät. Wer auf sein Fleisch sät, erntet vom Fleisch Verderben; wer auf den Geist sät, erntet vom Geist ewiges Leben“ (Gal 6, 7 f).

Gottes Liebe ist also allmächtig und unendlich, aber nicht bedingungslos. Sie wird mit jeder Schuld fertig, wie groß sie auch sein mag. Aber keine Schuld, wie gering sie auch sein mag, wird vergeben ohne Reue. Das liegt in der Natur der Sache. Denn Gott ist die Liebe, deshalb kann die Vereinigung mit Gott nur in der Liebe geschehen. Reue ist die Rückkehr des Willens von der Sünde zur Liebe.

Die leichtfertige Rede von der bedingungslosen Liebe Gottes führt nicht zur Wachsamkeit, sondern verführt zur Lauheit. Wenn es keine Gefahr mehr gibt, wird Wachsamkeit überflüssig. Aus dem Vertrauen wird eine Sorglosigkeit, die nichts mehr weiß von der Notwendigkeit, immer wieder neu die Vergebung Gottes und seine stärkende Gnade für die tägliche Umkehr zu empfangen. Das schlägt sich nieder in der Vernachlässigung des Bußsakraments. 2015 erbrachte eine deutschlandweite Studie unter 8 600 katholischen Seelsorgern das erschreckende Ergebnis, dass 54 Prozent der Priester und 91 Prozent der Pastoralreferenten nur noch höchstens einmal im Jahr zur Beichte gehen. „Das Bußsakrament scheint an Bedeutung zu verlieren“, hieß es dazu in der Meldung auf dem Internetportal der katholischen Kirche in Deutschland. Das ist ungefähr so, wie wenn man sagte: Die Barmherzigkeit Gottes scheint an Bedeutung zu verlieren. In Wirklichkeit müsste es heißen: Die Bedeutung des Bußsakraments wird immer mehr verkannt. Das ist fatal nicht für das Sakrament, sondern für die Menschen.

Die Heilsbedeutung der Beichte mindert sich nicht, denn jede Generation ist unverändert auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen, auch die nachkonziliare Generation sich mündig wähnender Katholiken. Gewiss gibt es verschiedene Ursachen für den Rückgang der Beichtpraxis: mangelnder Glaube, schlechte Erfahrungen, unterlassene Hinführung, aber eben auch dieser Heilsoptimismus, der wegen der Rede von der bedingungslosen Liebe Gottes nichts mehr von der Möglichkeit der Todsünde wissen will, die uns das übernatürliche Gnadenleben raubt und vom Heil abschneidet.

Es ist ein Unterschied, ob man sich in die Barmherzigkeit Gottes flüchtet oder ihr den Rücken kehrt. Letzteres tun die Vermessenen. Sie machen aus ihr ein Alibi für die Sorglosigkeit nach Art jener törichten Jungfrauen aus dem Gleichnis, die kein Öl in ihren Krügen mitnehmen, die Ankunft des Herrn verpassen und dann die Worte hören müssen: „Ich kenne euch nicht“ (Mt, 25, 12). Für all jene aber, die unter ihrer Schuld leiden und sich nach Vergebung, Befreiung und Versöhnung sehnen, ist die Wahrheit von Gottes unendlicher Barmherzigkeit ein unschätzbarer Trost und der unfehlbare Garant für die Zuversicht, die aus der Regel des heiligen Benedikt spricht: „An Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln!“ Jeder, der zum göttlichen Erbarmen seine Zuflucht nimmt, kann sicher sein, dass alles gut wird.

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