Kirche

Die Freimaurer und der Erste Weltkrieg

Welche Rolle spielte der Geheimbund bei der erzwungenen Abdankung der Kaiser und der neuen Friedensordnung für Europa nach den Völkerschlachten? Geheimdokumente aus dem Vatikanarchiv liefern überraschende Einsichten. Von Michael Hesemann
"Friedenspapst" Benedikt XV.
Foto: Wikipedia | „Friedenspapst“ Benedikt XV. trat engagiert auf gegen den Ersten Weltkrieg.

In diesem Jahr gedachte die Welt des Kriegsendes vor hundert Jahren, nach dem erzwungenen Rücktritt des deutschen und der Verzichtserklärung des österreichischen Kaisers am 9. beziehungsweise 11. November 1918. Dokumente, die ich unlängst im vatikanischen Geheimarchiv entdeckte, werfen ein neues Licht auf die Umwälzungen zu Ende des 1. Weltkriegs und die bislang von der Geschichtswissenschaft vernachlässigte Rolle der Freimaurerei.

Am 8. November 1918 schrieb der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, der Kölner Erzbischof Felix Kardinal von Hartmann, an den apostolischen Nuntius in München, Erzbischof Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII.: „Se(ine) Majestät der Kaiser läßt mir soeben mittheilen, daß nach ihm gestern zugegangenen Nachrichten der Groß-Orient beschlossen habe, zunächst alle Souveräne, in erster Linie ihn, den Kaiser, abzusetzen, dann die Kathol. Kirche zu vernichten (?), den Papst zu internieren etc. und schließlich eine Weltrepublik unter Führung des amerikanischen Großkapitals auf den Trümmern der bisherigen bürgerlichen Gesellschaft aufzurichten. Die deutschen Freimaurer seien dem Kaiser treu (was sehr zu bezweifeln ist!) und hätten ihn das wissen lassen. Auch England wolle die bisherige bürgerliche Ordnung aufrecht erhalten. Frankreich und America aber ständen ganz unter der Herrschaft des Großorients. Der Bolschewismus solle das äußere Werkzeug sein, die gewünschten Zustände herzustellen. Bei der großen Gefahr, die außer der Monarchie auch der katholischen Kirche drohe, sei es nothwendig, daß der deutsche Episkopat hierüber informiert sei und daß auch der Papst gewarnt werde.“

Dass der Kaiser dem Kardinal eine so wichtige Nachricht anvertraute, verwundert wenig. Kardinal von Hartmann, der einer alten Beamtenfamilie entstammte, war ein persönlicher Freund Wilhelms II. Bei Kriegsbeginn war er eigens vom Kaiser nach Rom geschickt worden, um vor Papst Benedikt XV. den deutschen Einfall in das neutrale (und katholische) Belgien zu rechtfertigen, gegen den der belgische Kardinal Desiré-Joseph Mercier energisch protestiert hatte. Der Papst verzichtete auf eine Verurteilung des Reiches, die Deutschlands Katholiken in eine Loyalitätskrise gestürzt hätte, und entschied sich für einen Kurs der strikten Neutralität.

In den Akten der Nuntiatur in München fand ich eine Reihe von Schreiben des Kardinals, alle sauber von seinem Sekretär auf der Schreibmaschine getippt. Hier aber hatte der Kölner Erzbischof von Hand geschrieben, vielleicht wegen der großen Eile, vielleicht, um den „Mitwisserkreis“ so klein wie möglich zu halten. Beides unterstreicht, welche Wichtigkeit er dieser vertraulichen Information zubilligte.

Ein Tag vor Ausbruch der Novemberrevolution

Unterstrichen wird die Brisanz des Briefes schon dadurch, dass er nur einen Tag vor dem Ausbruch der „Novemberrevolution“ verfasst wurde. Schon in den Wochen zuvor war es im ganzen Reich zu Arbeiter- und Soldatenaufständen gekommen, die in erster Linie von den Anhängern der SPD und der USPD angezettelt worden waren. Revolution lag also im ganzen Land in der Luft, während der Kaiser sich, um den Unruhen in Berlin zu entgehen, in das Hauptquartier der Obersten Heeresleitung nach Spa (Belgien) begeben hatte. Am Abend des 8. Novembers beschlossen SPD und USPD Streiks und riefen zu Massenversammlungen auf, um den Kaiser zum Rücktritt zu zwingen. Obwohl immer mehr Soldaten sich den Aufständischen anschlossen, zögerte der Kaiser noch. So verkündete der nur wenige Wochen zuvor berufene Reichskanzler Max von Baden, ohne eine Antwort aus Spa abzuwarten, auf eigene Faust: „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen.“

Fast panikartig floh Wilhelm II., der sich schändlich verraten fühlte, daraufhin in das niederländische Doorn, wo er erst am 28. November 1918 seine Abdankungsurkunde unterzeichnete. Das aufgefundene Dokument mag Aufschluss darüber geben, weshalb er so lange zögerte, auch wenn ihn gerade dieses Zögern die letzten Sympathien seiner Soldaten kostete. Doch welche Rolle spielte der Geheimbund der Freimaurer in dieser Entwicklung? War der Kaiser wirklich vor einer Verschwörung gewarnt worden? Oder griff er in seiner verzweifelten Lage nach dem letzten Strohhalm, wollte er mit einer frei erfundenen Verschwörungstheorie den Papst auf seine Seite ziehen?

Erst durch weitere Recherchen im Vatikanarchiv stieß ich auf Dokumente, die den Hartmann-Brief in einen durchaus plausiblen Kontext stellen. Sie wurden dem päpstlichen Nuntius Eugenio Pacelli und seinem Vorgänger Andreas Frühwirth von einem deutschen Reichstagsabgeordneten übermittelt. Matthias Erzberger (1875–1921), Lehrer und Journalist aus Buttenhausen in Württemberg, war ein prominentes Mitglied der katholischen Zentrumspartei. Kurz nach Kriegsausbruch richtete er einen Auslandsgeheimdienst ein und versuchte, Italien neutral zu halten. Nachdem er zunächst für einen Siegfrieden votierte, bewegte ihn Papst Benedikt XV. dazu, sich ab 1916 für einen Verständigungsfrieden einzusetzen. 1917 reichte er im Reichstag eine Friedensresolution ein. 1918 wurde er zum Leiter der Waffenstillstandskommission ernannt und unterschrieb am 11.11. den Waffenstillstand von Compiegne. In der jungen Weimarer Republik wurde er zum Minister ernannt und votierte für den Friedensvertrag von Versailles, was Angriffe seitens rechter Kreise und schließlich seine Ermordung zur Folge hatte. Wie die Akten im Geheimarchiv zeigen, war Erzberger während des Krieges als regelrechter Agent für den Heiligen Stuhl tätig, der dem Vertreter des Papstes auch vertrauliche und geheime Dokumente übermittelte. So übersandte er am 3. August 1916 dem damaligen Nuntius Dr. Andreas Frühwirth „zu Ihrer streng vertraulichen Kenntnisnahme eine Aufzeichnung … aus der die verschiedenen Schritte zu entnehmen sind, die die italienische und französische Freimaurerei in allerletzter Zeit eingeleitet haben, um eine ihren Interessen offenbar noch zu früh kommende Friedensaktion im Keim zu ersticken. Die Haupttendenz der bei den verschiedenen Besprechungen gefassten Beschlüsse richtet sich gegen den Heiligen Vater, gegen dessen etwaige Anteilnahme an den Friedensverhandlungen jetzt schon vorsorglich gearbeitet wird.“

Dem angelegten Geheimbericht zufolge „haben Ende Mai und neuerdings Anfang Juli 1916 Besprechungen zwischen Abgesandten der Großoriente Paris und Rom stattgefunden, bei denen die Haltung der französischen und italienischen Freimaurerei gegenüber dem Friedensproblem erörtert wurden. Die Grundtendenz … in dem gemeinsamen Beschluss … (ist,) jede Friedensaktion, die jetzt und damit nach Ansicht der Beteiligten zu früh von irgendeiner Seite eingeleitet werden sollte, im Keime zu ersticken und ganz besonders gegen etwaige Schritte der Kurie rechtzeitig sowohl die Presse als die öffentliche Meinung von Italien und Frankreich mobil zu machen. Die gefassten Beschlüsse lauteten folgendermaßen: 1. Die italienische Freimaurerei müsse unverzüglich eine energische Aktion gegen den Vatican (und) gegen Benedikt XV. einleiten, wobei der Papst wegen seiner nicht unparteiischen Neutralität und unter Hinweis auf seine persönlichen Sympathien für die Zentralmächte angegriffen werden sollte.

2. In Frankreich wie in Italien sei der Standpunkt zu vertreten, dass bei den Kabinetten der Entente auf den Ausschluss des Papstes von jeder Friedenskonferenz hinzuwirken sei. Zur Sicherung des Vollzugs dieser Abmachungen in Italien hat die französische Freimaurerei Anfang Juli dem Großorient Rom weitgehendste materielle Unterstützung zugesagt. Auch hierbei stand der Hinweis auf die Notwendigkeit, die öffentliche Meinung gegen den Vatican und gegen eine von der kirchlichen Autorität kommende Friedensaktion mobil zu machen, im Vordergrund.“ Ein Jahr später, am 20. Juni 1917, mittlerweile war Eugenio Pacelli der neue Nuntius, staunte Erzberger, „wie sehr von der Freimaurerei für den Frieden gearbeitet wird, nachdem sie zuerst in den Krieg hetzte“. In dem anliegenden Bericht heißt es, der Großorient Paris habe im Januar 1917 beschlossen, mit Freimaurern der Mittelmächte Kontakt aufzunehmen und zusammenzuarbeiten. So fand in Genf ein Treffen statt, an dem neben Abgesandten des Großorients die deutschen Freimaurer Fernau und Roesemeyer teilnahmen, die als „starke Eigenbrödler“ bezeichnet wurden, also kritisch waren. War einer von ihnen der spätere Informant Wilhelms II.? Noch brisanter ist ein Bericht, den Erzberger am 28. März 1918 Pacelli übersandte. Darin heißt es, Ernesto Nathan (1845–1921), der Großmeister des Grande Oriente d'Italia (von 1896 bis 1904 und von 1917 bis 1919) und Bürgermeister der Stadt Rom (1907–13), ein fanatischer Republikaner und erklärter Feind der Kirche, habe „primär den Plan gehabt… in Deutschland eine ,antiklerikale Bewegung‘, wenn nicht hervorzurufen, so doch vorzubereiten“. Und weiter: „Innerhalb der Logen der Entente besteht Übereinstimmung darüber, dass es absolut unmöglich ist, den Krieg militärisch zu einem für uns siegreichen Ende zu führen, selbst wenn die amerikanischen Bedingungen erfüllt werden sollten. Es ist daher der einzig richtige Weg, den Sieg auf dem Weg einer inneren Erschütterung der habsburgischen Monarchie vorzubereiten. Gleichzeitig muss dasselbe in Deutschland verursacht werden. Da es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass die eiserne deutsche Disziplin es den ,deutschen Bolschewikis‘ ermöglichen wird, eine Revolution herbeizuführen, so müssen andere, weniger gewalttätige Elemente des öffentlichen Lebens Deutschlands mobil gemacht werden.“

Insbesondere die Friedensbemühungen Benedikts XV. waren Nathan und dem ihm unterstehenden Großorient ein Dorn im Auge. So betont der Erzberger-Bericht, dass „man es … unter allen Umständen wünschenswert findet, sich der deutschen Logen zu versichern, um zu verhindern, dass der Papst, unter Ausnutzung der Stellung des (katholischen Reichskanzlers, des) Grafen Hertling und der Österreicher Unterwürfigkeit gegenüber dem Heiligen Stuhl es erreiche, die Friedensvermittlung in die Hand zu nehmen. In einem solchen Fall besteht nach der gleichen Quelle kein Zweifel daran, dass England Italien zum Verzicht auf jene Forderungen zwingen würde, ohne die die Verbündeten das Recht haben, den Artikel 15 des Londoner Vertrages als nicht mehr bestehend zu betrachten.“

Worum es in diesem ominösen „Artikel 15“ ging, hatte die Welt gerade erst erfahren. Nach der russischen Revolution hatte die Bolschewiken-Zeitung „Istwestija“ vom 15./28. November 1917 den Text eines Geheimvertrages zwischen England, Frankreich, dem zaristischen Russland und Italien veröffentlicht, der am 26. April 1915, also einen Monat vor Italiens Kriegseintritt (23.5.1915), unterzeichnet worden war. Nach Angaben des deutschen Auswärtigen Amtes (Schreiben an die Nuntiatur vom 26.6.1918) bestätigte der britische Lord Stanmore später die Authentizität des Geheimvertrages und verteidigte seinen Inhalt. Danach „wird es Italien überlassen, mit Unterstützung der Entente-Mächte die serbisch-kroatischen Gebiete Triest, Süd-Tirol, Albanien, griechische Inseln, Teile Klein-Asiens und Afrikas einzunehmen als Gegenleistung für ein Eingreifen Italiens mit den Waffen gegen Österreich-Ungarn und über die Nichtzulassung einer Einmischung des Papstes zwecks Beendigung des Krieges“. Der besagte „Artikel 15“ sichert Italien die Unterstützung durch Frankreich, England und Russland zu, wenn es „die Zulassung von Vertretern des Heiligen Stuhls bei irgendwelchen diplomatischen Schritten über den Friedensschluss oder über die Regelung der mit dem gegenwärtigen Kriege zusammenhängenden Fragen“ erfolgreich verhindert.

Vatikan zur politischen Bedeutungslosigkeit verdammt

Tatsächlich wurde der Heilige Stuhl nach Kriegsende von allen Friedenskonferenzen ausgeschlossen. Der Versuch Benedikts XV., den Heiligen Stuhl als Friedensmacht zu definieren, wurde dadurch praktisch zunichte gemacht – genau wie es die Freimaurer gefordert hatten. Der Vatikan war isoliert und zur politischen Bedeutungslosigkeit verdammt. Auch wenn das nicht ganz die „Vernichtung der katholischen Kirche“ war, von der Kaiser Wilhelm sprach, so war diese doch deutliches Ziel und Objekt freimaurerischer Agitation und Sabotage. So wäre es allzu leichtfertig, von Hartmanns Schreiben als kaiserliche Panikmache abzutun. Stattdessen stellt sich die Frage neu, welche Rolle die Freimaurerei tatsächlich beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs und bei den späteren Friedensverhandlungen spielte, die Europas Antlitz auf immer veränderten.

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18.04.2021, 09  Uhr
Marco Gallina
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