die frage

Unsere Ministranten fehlt oft die religiöse Bildung. Sollte Reliunterricht nicht zuerst die Lehre der Kirche vermitteln? Von Walburga Müller, Eichstätt
Josef Kraus
Foto: Jörg Carstensen (dpa) | ARCHIV - Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus , aufgenommen am 16.10.2009 auf der 61. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen).

In Artikel 7 (3) des Grundgesetzes steht: „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechts wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft erteilt.“ Diese Bestimmung gilt aufgrund der Umstände im Jahr 1949 zwar nicht für Bremen und Berlin, und sie gilt nicht für die neuen Länder. Aber sie gilt für die Mehrzahl der deutschen Länder und vor allem für die überwältigende Mehrheit der Schüler.

Was heißt das konkret? Es heißt: Es geht um konfessionsorientierten Religionsunterricht und nicht um ein Allerwelts- und Sammelsuriumfach der Art „Lebensgestaltung, Werte und Religionen“, wie es unterschwellig vielfach praktiziert wird. Gewiss spielen in den Religionsunterricht allgemein ethische und politische Fragen hinein. Aber Religionsunterricht kann nicht heißen, dass der Religionsunterricht einem Fach Sozialkunde/Politik oder einem Fach Psychologie Konkurrenz machen sollte. Schüler sollen im Religionsunterricht zum Beispiel sehr wohl mit anderen Weltreligionen und mit Pseudoreligionen befasst werden, dies kann jedoch nicht im Zentrum des Religionsunterrichts stehen. Freilich hat es eine Verschiebung in eine politisierende Richtung gegeben. Ursächlich dafür ist unter anderem die dramatisch abgenommene Zahl an Pfarrern, die noch schulischen Religionsunterricht erteilen.

Ich habe als Schulleiter bei Unterrichtsbesuchen Stunden im Religionsunterricht erlebt, in denen weder gebetet wurde noch ein einziges Mal der Name Gottes vorkam. Das kann es nicht sein. Darauf sollten die Kirchen konsequent achten: Sie sind es, die an den Lehrplänen und Schulbüchern mitwirken, und sie sind es, die die Lehrerlaubnis (als „missio canonica“ der katholischen Kirche beziehungsweise als „vocatio“ der evangelischen Kirche) erteilen.

Die Texte der Bibel und des Evangeliums müssen im Zentrum stehen, denn diese Texte sind nicht nur geronnene Erfahrung von Generationen, sondern sie geben die christliche Botschaft wieder. Religion und religiöse Bildung könnten gerade in Zeiten einer Relativierung und „Hinterfragung“ aller Normen helfen, sich dem Wahren zu nähern. Religion und Glaube sind ferner ein Impuls, die eigene Identität zu finden. Persönliche Identität erwächst eben auch aus der Beschäftigung mit der Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens, und sie erwächst aus einer biographischen Kontinuität, für die christlich geprägte Initiationsriten und bestimmte Orte (Kirchen, Wallfahrtsorte et cetera) stehen.

Religionsunterricht soll zudem vermitteln, dass wir in einer Kultur leben, deren Entstehung ohne christliche Theologie, deren Kunst und Literatur ohne Kenntnisse des Christentums nicht zu verstehen sind. Wer diese Wurzeln einem Pluralismus opfert oder das Wissen um diese Grundlagen kappt, der kappt die Wurzeln einer Rechtsordnung, deren Geburtshelfer das Christentum war.

Und schließlich: Ohne religiöse Grundbildung inklusive Gebet entgehen den Menschen, zumal den jungen Menschen, wesentliche Dimensionen menschlichen Daseins. Wo sonst sind folgende Fragen anzusiedeln: Warum und wozu leben wir? Ist mit unserem Tod alles zu Ende? Was ist Gott, Schöpfung, Glück, Angst, Leid, Schuld, Sünde, Endlichkeit, Unendlichkeit, Ehe, Familie, Elternschaft, Gebet? Was ist heilig? Vor allem aber hat Religionsunterricht seine besondere Funktion, weil er über das Kognitive hinaus die „confessio“, ein Bekennen impliziert.

 
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