Die Frage

Wie kann ein Priester heute im Alltag die geistliche Mitte wahren? Annemarie T. aus Essen
Dominikus Schwaderlapp
Foto: dpa | Dominikus Schwaderlapp ist seit 2012 Weihbischof in Köln. Zuvor war er Sekretär Kardinal Meisners und Generalvikar.

Ich habe es noch keinen Tag bereut, Priester geworden zu sein. Was hilft mir im Alltag, meine Berufung in den unterschiedlichen Aufgaben und Funktionen zu leben?

Eine unerschöpfliche Quelle für mein Priestersein ist für mich die tägliche Feier der heiligen Messe. Christus Hand und Stimme leihen zu dürfen, damit er in Fleisch und Blut in diese Welt kommt, das ist für mich ein unbegreifliches Geschenk „ohne mein Verdienst aus reiner Gnade“. Unabhängig von allen Funktionen verwirkliche ich hier den Kern meines Priesterseins. Natürlich reduziert sich mein Priestersein nicht auf die Feier der heiligen Messe, doch es lebt maßgeblich davon.

Im Laufe der Jahre habe ich immer mehr das Stundengebet schätzen gelernt. Es verlängert sozusagen die Verbundenheit mit Christus über die heilige Messe hinaus in den Alltag. Wie schön ist es, eine Gebetsform zu haben, die ich nicht selbst „produzieren“ muss, sondern in die ich mich hineinfallen lassen kann und dabei zu wissen, dass es weltumspannend von unzähligen Christen gebetet wird. Überhaupt ist mir im Laufe der Jahre immer klarer geworden: Beten allein reicht nicht, aber ohne beten läuft nichts. Die eucharistische Anbetung, die Betrachtung der Heiligen Schrift, der Rosenkranz, all dies sind Gebetsformen, die für mich zum praktischen Anker im Alltag geworden sind und mir helfen, in allen Turbulenzen und Stürmen nicht unterzugehen.

Priestersein bedeutet auch, die Liebe und Zuwendung Jesu zu den Menschen sichtbar zu machen, diese Zuwendung zu leben. Und Christus hat sich nicht nur der gesamten Menschheit ganz zugewandt, sondern immer auch einzelnen Menschen. Das erzählen uns die Evangelien. Allein mit den ersten beiden Jüngern verbrachte er einen halben Tag und zeigte ihnen, wo er wohnte. Und stundenlang stand er mit nur einer Frau am Jakobsbrunnen. War das nicht Verschwendung? Christus war doch zu allen Menschen gesandt. Und doch hat er sich den Einzelnen zugewandt und mit ihnen Zeit verbracht. Eine Versuchung für uns Priester heute ist, Person durch Statistik zu ersetzen und zu glauben, keine Zeit mehr für den Einzelnen zu haben. Ich stelle immer wieder fest, dass es mir guttut, mir Zeit für Einzelne zu nehmen, auch wenn dies völlig „unproduktiv“ erscheint. Sind wir als Priester in solchen Begegnungen nicht die Beschenkten, die viel mehr erhalten, als sie geben können? Wenn es um Menschen geht, dann sind diese immer „konkret“ und einzeln. Und in der Begegnung mit ihnen ist das Wort „Verschwendung“ fehl am Platz. Ich erlebe die Begegnung mit Menschen nicht als „Aufopferung“ für andere, sondern als Bereicherung für mich. Mag man am Ende des Tages auch erschöpft und müde sein, Zuwendung hilft, die geistliche Mitte zu wahren. Zum „Wahren der geistlichen Mitte“ trägt für mich maßgeblich das Geschenk des Bußsakramentes bei. Einerseits hatte ich immer Gelegenheit, das Bußsakrament zu spenden, was ja nicht so selbstverständlich ist.

Andererseits aber erlebe ich es als Freude und Befreiung, häufig das Bußsakrament zu empfangen. Es hilft mir, wieder ins innere Gleichgewicht zu kommen. Die eigenen Versäumnisse, Sünden und Halbheiten werden nicht zu einer immer schwerer werdenden Last, sondern gewandelt in ein Erlebnis der göttlichen Barmherzigkeit. Dass mein geistlicher Begleiter zugleich auch mein Beichtvater ist, hilft mir sehr. Begleitung und Heilung fließen hier zusammen.

Eucharistie, Gebet, Menschenliebe sowie Versöhnung und Begleitung. Das alles sind für mich entscheidende Hilfen, die geistliche Mitte zu wahren. Wie weit mir das tatsächlich gelingt, weiß Gott allein. Aber eines weiß ich: Egal, was auch kommt, ich bin in seiner Hand geborgen.

 
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