Die Endlichkeit übersteigen

Er gehört zu den Denkern, die sowohl im Mittelalter wie auch in der Neuzeit zuhause sind. Reinhard Hiltscher hat eine Brücke zwischen den Philosophen der beiden Epochen geschlagen und trägt so wesentlich zum Verständnis der Entwicklung des abendländischen Geistes bei. Der Professor für Philosophie an der Universität Dresden, der selbst Philosophie, katholische Theologie und Latein studiert hat, ist in seinen Schriften immer wieder von der Frage getragen, wie trotz der Endlichkeit der menschlichen Vernunft die Erkenntnis Gottes möglich ist. Die Verbindung von theologischem und philosophischem Wissen war ihm immer ein Grundanliegen.

Gegenwartsphilosophie hat mangelnden Transzendenzbezug

Einen ersten Schritt auf diesem Weg unternahm er mit seiner Dissertation, die den Titel „Kant und das Problem der Einheit der endlichen Vernunft“ trug. Gerade der Begründung der Endlichkeit der Vernunft wird die Begründung der Transzendenz gegenübergestellt. Beides gehört für Hiltscher unzertrennlich zusammen. In der Gegenwartsphilosophie, die weitgehend sprachanalytisch fundiert ist, ist das Endliche gewissermaßen selbst absolut geworden, es wird als Endliches kaum noch bedacht. Daher auch der mangelnde Bezug zur Transzendenz.

Gerade dieser Problematik, und wie sie entstanden ist, hat Hiltscher höchst aufschlussreiche Bücher gewidmet. Sie gehen von Anselm von Canterbury aus, der für Hiltscher beispielhaft die endliche Vernunft der fides, dem Glauben an Gott, gegenübergestellt hat und entwickeln die Geschichte der Gottesbeweise weiter bis in die Gegenwart. Die systematisch breitere Studie trägt den Titel „Der ontologische Gottesbeweis als kryptognoseologischer Traktat. Acht Vorlesungen zu einem systematischen Problem der Philosophie“ (Olms 2006), die zweite Studie über „Gottesbeweise“ (Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008) kommt wohl im nächsten Monat schon in der zweiten Auflage heraus.

Bruch mit dem Mittelalter hat Konsequenzen für die Vernunft

In beiden Bänden werden auch die Fallstricke in aller Deutlichkeit beschrieben, in die das neuzeitliche Denken gleich zu Beginn mit Descartes und Leibniz geraten ist und wie die Auswege hieraus aussehen könnten. Für die Ontologie und die Gottesbeweise, aber auch für die Vernunft hatte der Bruch mit dem Mittelalter schwere Konsequenzen, was Hiltscher völlig klarmacht. Er zeigt die Problematik auch bei sprachanalytischen angelsächsischen Denkern der Gegenwart, die das Verhältnis von Denken und Sein nicht so selbstverständlich und voraussetzungslos behandeln, wie sie es oft vorgeben.

Glaube und Vernunft haben sich in Europa früh verbunden, auch zu einer systematischen Einheit. Dass Gott nicht nur im Glauben verehrt wird, sondern auch für Philosophen begründend, ja der absolute Grund der Fülle des Seins selbst ist, gehört sicher zu den Besonderheiten des christlich-abendländischen Gottesverständnisses. Diesem nachzuspüren gehört zu den Herausforderungen, denen sich der katholische Denker immer wieder gestellt hat. Auch in seinen detaillierten Untersuchungen zu Kant, Fichte und Hegel, die in ihren die Moderne prägenden Denkgebäuden doch letztlich immer auch unter der theologischen Perspektive des Absoluten behandelt werden. An der Philosophie der Moderne interessieren Hiltscher vornehmlich die Letztbegründungstheorien der neukantischen Wertlehre, sein Thema in der Probevorlesung in Dresden war „Max Schelers metaphysische Anthropologie“. An der amerikanischen Gegenwartsphilosophie beschäftigt ihn neben den modernen Gottesbeweisen auch die Frage, wieweit diese Denker überhaupt die klassische Philosophie überwunden haben, wie sie immer behaupten. Hiltschers Urteil über diese Versuche ist vernichtend.

Hiltscher wurde 1959 in Bayreuth geboren, studiert hat er in Würzburg. Man darf gespannt sein, was der Denker nach bereits sieben Büchern als nächstes veröffentlichen wird.

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