Die Diktatur des Mainstreams

Das spanische Bistum Alcalá de Henares löst eine Kontroverse um die Begleitung Homosexueller aus. Von José García
Bischof Juan Reig Pla
Foto: IN | Bischof Juan Reig Pla.

Bischof Juan Antonio Reig Pla von Alcalá de Henares in der Nähe von Madrid ist dafür bekannt, für die Gültigkeit der katholischen Sexualmoral einschließlich der Enzyklika „Humanae vitae“ öffentlich einzutreten, und ebenso die Genderideologie ohne Umschweife zu verurteilen. Damit macht er sich den Zeitgeistgehilfen gegenüber angreifbar. So zuletzt, als am 1. April die Onlinezeitung eldiario.es die Ergebnisse der „verdeckten Ermittlung“ durch einen Redakteur veröffentlichte. Ángel Villascusa gab sich als junger Homosexueller aus, der seine sexuelle „Orientierung“ ändern möchte. Er wandte sich an eine Therapeutin vom Familien-Orientierungszentrum „Regina Familiae“. Das „Centro Diocesano de Orientación Familiar“ hat sich laut der Webseite des Bistums auf die ganzheitliche Betreuung von Familienproblemen spezialisiert.

Seinem Bericht zufolge nahm Redakteur Ángel Villascusa an einer Sitzung teil, die von einer Frau namens B.V. geleitet worden sei. Die Onlinezeitung hebt hervor, die „Pseudotherapeutin“ sei kein Mitglied des Psychologenverbandes Madrid und deshalb „zu keinerlei Therapien ermächtigt“. Sie sei vielmehr beim Madrider Ableger des Päpstlichen Instituts „Johannes Paul II.“ angestellt, wo sie ein „Master für Ehe- und Familienwissenschaften“ verantworte. B.V. arbeite mit Bischof Reig Pla seit vielen Jahren zusammen.

Villascusa bezichtigt die Diözesaneinrichtung „illegaler“ Behandlungsmethoden. Denn im Land („Autonome Gemeinschaft“) Madrid gilt seit Juli 2016 ein Landesgesetz, das „die Förderung und Durchführung von Aversions- oder Konversionstherapien, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung oder die Geschlechteridentität einer Person zu verändern“ als „sehr schwerwiegenden Verstoß“ bezeichnet. Darin heißt es weiter: „Für die Begehung dieses Verstoßes ist die Zustimmung der Person, die sich solchen Therapien unterzieht, irrelevant.“ Verboten ist gemäß Gesetz die „Aversions-, Reparations- oder Konversionstherapie“, die etwa durch den Hollywood-Spielfilm „Der verlorene Sohn“ (DT vom 28. Februar) ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt ist. Nach der Verabschiedung des Landesgesetzes „zum umfassenden Schutz gegen LGTBI-Phobie“ bezeichneten die Bischöfe von Alcalá de Henares und von Getafe, deren Bistümer im Land Madrid liegen, das Gesetz als „Angriff auf die Meinungs- und Religionsfreiheit“ sowie als „Anschlag gegen die Werte, auf denen die Freiheit der Erziehung basiert“.

Etliche spanische Leitmedien weisen darauf hin, dass das Sozialministerium des Landes Madrid Ermittlungen sowohl gegen die Therapeutin B.V. als auch gegen Bischof Reig Pla eingeleitet habe. Der Sprecher der Landesregierung Pedro Rollán wird mit den Worten zitiert: „Sollte es zu einem Verstoß gekommen sein, wird die entsprechende Strafe verhängt – Es kann nicht anders sein“. Die Rede ist von einer Geldstrafe in Höhe von 20 000 bis 45 000 Euro.

Das Bistum Alcalá leugnet die Durchführung solcher „Aversions-, Reparations- oder Konversionstherapie“. Es spricht vielmehr von der „Annahme und rechter Seelsorge für Personen, die eine gleichgeschlechtliche Anziehung empfinden“. Dabei bezieht es sich auf seiner Homepage auf die Richtlinien der Spanischen Bischofskonferenz, die im April 2012 ein Dokument mit dem Titel „Die Wahrheit der menschlichen Liebe. Orientierungen zur ehelichen Liebe, zur Genderideologie und zum Familienrecht“ veröffentlichte. Die von den spanischen Bischöfen erarbeiteten Kriterien seien „von entscheidender Bedeutung für die rechte Seelsorge von Männern und Frauen, die eine gleichgeschlechtliche Anziehung verspüren, in Familienorientierungszentren, in Pfarreien, Bewegungen, Gemeinschaften und anderen kirchlichen Einrichtungen“.

Konkreter auf die Möglichkeit einer Behandlung geht der Päpstliche Rat für die Familie in der Erklärung „Menschliche Sexualität: Wahrheit und Bedeutung. Orientierungshilfen für die Erziehung in der Familie“ vom 8. Dezember 1995 ein: „In vielen Fällen kann, insbesondere wenn die Praxis homosexueller Handlungen nicht verfestigt ist, eine geeignete Therapie zu positiven Ergebnissen führen.“ Und weiter: „Die Eltern ihrerseits sollten sich, wenn sie ihre Söhne und Töchter in der Kindheit oder Jugend über das Vorkommen solcher Neigungen oder entsprechender Verhaltensweisen unterrichten, von erfahrenen und kompetenten Personen helfen lassen, um jede Möglichkeit der Unterstützung auszuschöpfen.“

Die Spanische Bischofskonferenz sprach Bischof Reig Pla und den Mitarbeitern des Familien-Orientierungszentrums (COF) „Regina Familiae“ des Bistums ihre „Unterstützung und Zuneigung“ aus. Der Sekretär der Bischofskonferenz Luis Argüello bezeichnete die Nachrichten über die COF-Veranstaltungen als „Manipulation der Wahrheit und absichtliche Desinformation“. Argüello verteidigte die Gewissensfreiheit des Einzelnen, „Hilfe und Begleitung“ in Menschen und Institutionen zu suchen, denen er vertraut, etwa der Kirche, „wenn er glaubt, einen männlichen oder weiblichen Körper und eine Orientierung zu haben, die ihm grundsätzlich nicht nach diesem Körper erscheint, und er deshalb in Sorge und Unbehagen lebt“.

Nach Erscheinen des Artikels bekam eldiario.es eine Reihe Leserbriefe von Betroffenen, die an der Behandlung im COF teilgenommen haben, von denen 27 veröffentlicht werden. Deren Sprache unterscheidet sich deutlich von der des „Gesetzes zum Schutz gegen LGTBI-Phobie“. So schreibt ein junger Mann: „Ich wollte das Leben als Schwuler nicht. Alles, was ich dort gesehen habe, ist schäbig und falsch, voller Lügen und Schmerzen. Es ist die Hölle. Wörtlich und im übertragenen Sinne. Das COF Alcalá, und insbesondere B.V., halfen mir. Sie begleiteten mich, nahmen mich an und lehrten mich, zu reifen und ein Mann zu sein.“ Und weiter: „Niemand hat mich dazu gezwungen, daran teilzunehmen. Niemand. Weder meine Eltern, noch meine Geschwister oder meine Freunde, weder B.V., noch der Bischof. Niemand. Ich habe es getan, weil ich es so wollte.“ Ein anderer schreibt: „Seit vielen Jahren habe ich die Hölle erlitten, auf einer Insel ohne Hoffnung eingesperrt zu sein, weil ich an einen Zustand gebunden war, der als ,Neigung zum gleichen Geschlecht‘ bezeichnet wird. Eine Zeit lang war ich hinter anderen Jungen her. Sie dachten, dass ich so ,geboren‘ wurde. Verschiedene Psychologen bestätigten diese Behauptung. Es half mir jedoch nicht, glücklich zu sein oder aus meinem depressiven Zustand herauszukommen. Im Gegenteil, ich war so gequält, dass ich drei Selbstmordversuche fast hintereinander beging. Im COF habe ich gelernt, dass diese Neigung nicht angeboren ist. Die Theorien, die das behaupten, sind absurd und gehen völlig an der Realität vorbei. Ich habe festgestellt, dass ich seit meiner Kindheit große emotionale Mängel hatte.“

Wieder ein anderer: „Ich bin traurig über die Intoleranz und über die Diktatur des Mainstreams, die von der Gay-Lobby aufgezwungen wird.“ Einen ähnlichen Tenor haben alle anderen Briefe.

Auf den Widerspruch einer Gesellschaft, die akzeptiert, dass sich jemand heute als Mann, morgen als Frau und übermorgen vielleicht als bisexuell „empfindet“ oder bezeichnet, und sich deshalb einer Behandlung zur Geschlechtsumwandlung unterzieht, die aber Menschen mit homosexuellen Neigungen Unterstützung versagt, wenn sie mit dieser Neigung nicht zufrieden sind, hat etwa die Plattform „HazteOír“ hingewiesen: „Das Land Madrid subventioniert mit Ihrem und mit meinem Geld die Geschlechtsumwandlung für jeden, der es wünscht. Es übernimmt ebenfalls die sehr teuren hormonellen Behandlungen. Wenn ein Bürger jedoch frei entscheidet, dass er Hilfe oder Rat über seine Homosexualität erhalten möchte, kann gegen diejenigen, die auf die Anliegen dieser Person eingehen, eine Geldstrafe von bis zu 45 000 Euro verhängt werden – sollte festgestellt werden, dass sie versuchen, die sexuelle Orientierung des Einzelnen zu ändern.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Bischofskonferenzen Bischöfe Familien Geldstrafen Homosexualität Johannes Paul Johannes Paul II. Katholizismus Onlinezeitungen Paul II. Seelsorge Sexualität Sexuelle Neigungen

Kirche