Die Bedeutung der Sakramente verstehen

Der Heilige Vater ermutigt die Priester zur Katechese: Im Wortlaut die Ansprache während der Generalaudienz am 5. Mai 2010

Liebe Brüder und Schwestern!

Am vergangenen Sonntag, bei meinem Pastoralbesuch in Turin, durfte ich zu meiner Freude im Gebet vor dem heiligen Grabtuch verweilen und mich den mehr als zwei Millionen Pilgern anschließen, die es während seiner feierlichen Ausstellung in diesen Tagen betrachten konnten. Dieses heilige Leinentuch kann dem Glauben Nahrung und Kraft geben und die christliche Frömmigkeit stärken, weil es dazu drängt, zum Antlitz Christi zu gehen, zum Leib des gekreuzigten und auferstandenen Christus, um das österliche Geheimnis zu betrachten, die Mitte der christlichen Botschaft. Wir, liebe Brüder und Schwestern, sind – jeder entsprechend seiner Funktion, also mit der Aufgabe, die der Herr ihm anvertrauen wollte – lebendige Glieder des auferstandenen, lebendigen und in der Geschichtet wirkenden Leibes Christi (vgl. Röm 12, 5). Heute, in dieser Katechese, möchte ich auf die besonderen Aufgaben der Priester zurückkommen. Der Überlieferung nach sind es im wesentlichen drei Aufgaben: lehren, heiligen und leiten. In einer der vorhergehenden Katechesen habe ich über das erste dieser drei Ämter gesprochen: die Lehre, die Verkündigung der Wahrheit, die Verkündigung des in Christus offenbarten Gottes oder – mit anderen Worten – die prophetische Aufgabe, den Menschen mit der Wahrheit in Verbindung zu bringen, ihm zu helfen, das Wesentliche in seinem Leben und in der Wirklichkeit zu erkennen.

Eine Person heiligen heißt, sie mit Gott in Verbindung bringen

Heute möchte ich kurz mit Euch über die zweite Aufgabe des Priesters nachdenken, die Aufgabe der Heiligung des Menschen, vor allem durch die Sakramente und den Gottesdienst der Kirche. Hier müssen wir uns vor allem fragen: Was bedeutet das Wort „heilig“? Die Antwort lautet: „Heilig“ ist die besondere Eigenschaft des göttlichen Seins, also vollkommene Wahrheit, Güte, Liebe, Schönheit – reines Licht. Eine Person heiligen bedeutet demnach, sie mit Gott in Verbindung zu bringen, mit diesem Seinem Licht-sein, Wahrheit-sein, reine-Liebe-sein. Es ist natürlich, dass diese Verbindung den Menschen verwandelt. In der Antike herrschte die feste Überzeugung: Niemand kann Gott sehen, ohne sofort zu sterben. Zu groß ist die Kraft der Wahrheit und des Lichts! Wenn der Mensch diesen Strom des Absoluten berührt, überlebt er das nicht. Andererseits gab es auch die Überzeugung: Ohne ein Mindestmaß der Verbindung zu Gott kann der Mensch nicht leben. Wahrheit, Güte, Liebe sind fundamentale Bedingungen seines Daseins. Die Frage lautet: Wie kann der Mensch diese fundamentale Verbindung zu Gott finden, ohne überwältigt von der Größe des göttlichen Seins zu sterben? Der Glaube der Kirche sagt uns, dass Gott selbst diese Verbindung herstellt, dass er uns allmählich in wahre Abbilder Gottes verwandelt.

So sind wir erneut bei der Aufgabe des Priesters angelangt, zu „heiligen“. Kein Mensch kann von sich, von seiner eigenen Kraft aus, den Anderen mit Gott in Verbindung bringen. Ein wesentlicher Bestandteil der Gnade des Priestertums ist die Gabe, die Aufgabe, diese Verbindung herzustellen. Das geschieht durch die Verkündigung des Wortes Gottes, in dem uns Sein Licht entgegenkommt. Das geschieht auf besonders dichte Weise durch die Sakramente. Das Eintauchen in das Ostergeheimnis des Todes und der Auferstehung Christi erfolgt durch die Taufe, es wird gestärkt durch die Firmung und die Versöhnung und genährt von der Eucharistie, dem Sakrament, das die Kirche als Volk Gottes, Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes aufbaut (vgl. Pastores gregis, 32). Es ist folglich Christus selbst, der heiligt, der uns in die Sphäre Gottes hineinzieht, doch als Geste seiner unendlichen Barmherzigkeit beruft er einige, bei Ihm zu sein (vgl. Mk 3, 14) und trotz ihrer menschlichen Armseligkeit durch das Weihesakrament an Seinem Priesteramt teilzuhaben, Diener dieser Heiligung zu werden, Spender Seiner Geheimnisse, „Brücken“ der Begegnung mit Ihm, seiner Vermittlung zwischen Gott und den Menschen und zwischen den Menschen und Gott (vgl. PO, 5).

In den letzten Jahrzehnten hat es Tendenzen gegeben, die darauf ausgerichtet waren, in der Identität und in der Sendung des Priesters der Dimension der Verkündigung den Vorrang einzuräumen und sie so von der Dimension der Heiligung zu lösen; häufig ist behauptet worden, es sei notwendig, eine rein sakramentale Seelsorge zu überwinden. Ist es jedoch möglich, das Priesteramt authentisch auszuüben, indem man die sakramentale Seelsorge „überwindet“? Was bedeutet es gerade für die Priester, zu evangelisieren, worin besteht der sogenannte Primat der Verkündigung? Wie es in den Evangelien heißt, erklärt Jesus, dass die Verkündigung des Reiches Gottes das Ziel seiner Mission ist; diese Verkündigung ist jedoch nicht nur eine „Rede“, sondern sie schließt gleichzeitig auch sein Handeln ein; die Zeichen, die Wunder, die Jesus vollbringt, zeigen an, dass das Reich als gegenwärtige Wirklichkeit kommt und dass es am Ende mit Seiner Person zusammenfällt, mit seiner Hingabe, wie wir heute bei der Lesung des Evangeliums gehört haben. Dasselbe gilt für den geweihten Diener: er, der Priester, repräsentiert Christus, den Gesandten des Vaters, er führt seine Mission fort, durch das „Wort“ und das „Sakrament“, in dieser Gesamtheit von Leib und Seele, von Zeichen und Wort. In einem Brief an Bischof Honoratus von Thiabe sagt der heilige Augustinus in Bezug auf die Priester: „Die Diener Christi, die Diener Seines Wortes und Seines Sakramentes, mögen also das tun, was er aufgetragen oder zugelassen hat“ (Epist. 228, 2). Es ist notwendig, darüber nachzudenken, ob nicht vielleicht in einigen Fällen die Unterbewertung der treuen Ausübung des „munus sanctificandi“ eine Schwächung des Glaubens an die Heilswirksamkeit der Sakramente selbst sowie schließlich an das gegenwärtige Wirken Christi und seines Geistes durch die Kirche in der Welt dargestellt hat.

Wer also erlöst die Welt und den Menschen? Die einzige Antwort, die wir geben können, lautet: Jesus von Nazareth, Christus und Herr, gekreuzigt und auferstanden. Und wo verwirklicht sich das heilbringende Geheimnis des Todes und der Auferstehung Christi? Im Wirken Christi durch die Kirche, vor allem im Sakrament der Eucharistie, die die erlösende Opfergabe des Sohnes Gottes gegenwärtig macht, im Sakrament der Versöhnung, durch das man aus dem Tod der Sünde zu neuem Leben zurückkehrt, und in jedem anderen sakramentalen Akt der Heiligung (vgl. PO, 5). Es ist daher wichtig, eine angemessene Katechese zu fördern, um den Gläubigen zu helfen, die Bedeutung der Sakramente zu verstehen, doch es ist ebenso notwendig, dem Vorbild des heiligen Pfarrers von Ars folgend, bereitwillig, großherzig und aufmerksam den Brüdern und Schwestern die Schätze der Gnade zu schenken, die Gott in unsere Hände gelegt hat, deren „Herren“ wir nicht sind, sondern deren Bewahrer und Verwalter. Vor allem in dieser unserer Zeit, in der einerseits der Glaube schwächer zu werden scheint und andererseits ein tiefes Bedürfnis und eine verbreitete Suche nach Spiritualität sichtbar werden, ist es notwendig, dass jeder Priester sich in Erinnerung ruft, dass in seiner Sendung die missionarische Verkündigung und der Gottesdienst und die Sakramente niemals getrennt sind und dass er eine gesunde Sakramentenpastoral fördert, um das Volk Gottes anzuleiten und ihm zu helfen, in Fülle die Liturgie zu leben, den Gottesdienst der Kirche, die Sakramente als ungeschuldete Geschenke Gottes, freie und wirksame Akte seines Heilswirkens.

Wie ich in der Chrisam-Messe dieses Jahres in Erinnerung gerufen habe: „Das Zentrum des Gottesdienstes der Kirche ist das Sakrament. Sakrament bedeutet, dass zuallererst nicht wir Menschen etwas tun, sondern dass Gott uns im voraus mit seinem Handeln entgegengeht, uns ansieht und zu sich hinführt.... Gott rührt uns an durch materielle Wirklichkeiten... die er in seinen Dienst nimmt, zu Instrumenten der Begegnung zwischen uns und sich selber macht“ (Chrisam-Messe, 1. April 2010). Die Wahrheit, nach der im Sakrament „nicht wir Menschen etwas tun“, betrifft auch das priesterliche Bewusstsein und muss es betreffen: Jeder Priester weiß wohl, dass er ein notwendiges Instrument im Heilshandeln Gottes ist – aber eben immer nur ein Instrument. Dieses Bewusstsein muss demütig und großherzig machen bei der Verwaltung der Sakramente, in der Beachtung der kirchenrechtlichen Bestimmungen, aber auch in der tiefen Überzeugung, dass die eigene Sendung darin besteht, dafür zu sorgen, dass sich alle Menschen, vereint mit Christus, Gott als lebendiges und heiliges Opfer darbringen, das Ihm gefällt (vgl. Röm 12, 1).

Was den Primat des „munus sanctificandi“ und die richtige Auslegung der Sakramentenpastoral betrifft, ist wiederum der heilige Jean Marie Vianney beispielhaft, der eines Tages einem Mann, der ihm sagte, er habe keinen Glauben und würde gerne mit ihm diskutieren, zur Antwort gab: „O, mein Freund, da seid Ihr an der falschen Adresse, ich weiß nicht zu argumentieren..., doch wenn Ihr Trost braucht, dann geht dorthin (sein Finger wies auf die unerbittliche Kniebank [des Beichtstuhls]), und glaubt mir: viele andere haben sich vor Euch dort hinbegeben und sie haben es nicht bereut“ (vgl. Monnin A., Il Curato d'Ars. Vita di Gian-Battista-Maria Vianney, Bd. I, Turin 1870, S. 163–164).

Liebe Priester, lebt die Liturgie und den Gottesdienst mit Freude und Liebe: Es ist eine Handlung, die der Auferstandene in der Kraft des Heiligen Geistes in uns, mit uns und durch uns vollzieht. Ich möchte die kürzlich ausgesprochene Aufforderung wiederholen, „in den Beichtstuhl zurückzukehren als den Ort, an dem man das Sakrament der Versöhnung feiert, aber auch als den Ort, an dem man öfter ,wohnt‘, damit der Gläubige Barmherzigkeit, Rat und Trost finden, sich von Gott geliebt und verstanden fühlen und die Gegenwart der göttlichen Barmherzigkeit erfahren kann, neben der Realpräsenz in der Eucharistie“ (Ansprache vor der Apostolischen Pönitentiarie, 11. März 2010).

Christus will uns eine unendliche Barmherzigkeit schenken

Und ich möchte auch jeden Priester auffordern, intensiv die Eucharistie zu feiern und zu leben, die den Kern der Aufgabe zu heiligen bildet; es ist Jesus, der mit uns sein, in uns leben, uns sich selbst schenken und uns die unendliche Barmherzigkeit und Zärtlichkeit Gottes zeigen will; es ist das eine Liebesopfer Christi, das gegenwärtig wird, das sich unter uns verwirklicht und bis zum Thron der Gnade, zur Gegenwart Gottes gelangt, die Menschheit umfasst und uns mit Ihm vereint (vgl. Begegnung mit dem Klerus der Diözese Rom, 18. Februar, 2010). Und der Priester ist berufen, Diener dieses großen Geheimnisses zu sein, durch das Sakrament und durch sein Leben. „Die lange kirchliche Tradition hat die Wirkkraft des Sakraments zu Recht von der konkreten Lebenssituation des einzelnen Priesters losgelöst; dadurch werden die rechtmäßigen Erwartungen der Gläubigen adäquat geschützt“, doch dies „mindert nicht das notwendige, ja unverzichtbare Streben nach moralischer Vollkommenheit, das in jedem wirklich priesterlichen Herzen wohnen muss“: Zu Recht erwartet das Volk Gottes von seinen Priestern auch, dass sie Vorbild des Glaubens und Zeugnis der Heiligkeit sind (Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für den Klerus, 16. März 2009). Und in der Feier der heiligen Geheimnisse findet der Priester den Ursprung seiner Heiligung (vgl. PO, 12–13).

Liebe Freunde, seid Euch des großen Geschenks bewusst, das die Priester für die Kirche und für die Welt darstellen; durch ihr Amt fährt der Herr fort, die Menschen zu erlösen, fährt er fort gegenwärtig zu werden, zu heiligen. Wisst Gott zu danken, und seid vor allem Euren Priestern durch Euer Gebet und Eure Unterstützung nahe, besonders in Schwierigkeiten, damit sie immer mehr zu Hirten nach dem Herzen Gottes werden. Danke.

Die Pilger deutscher Sprache begrüßte der Papst mit den Worten:

Von Herzen heiße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache willkommen und heute besonders auch die Familien und Freunde der neuen Rekruten der Schweizergarde. Mit Freude grüße ich ebenfalls die Wallfahrer aus dem Bistum Roermond mit Bischof Wiertz und Weihbischof De Jong, die aus Anlass des 450-jährigen Bestehens ihrer Diözese zu den Gräbern der Apostelfürsten gepilgert sind. Euch alle ermutige ich, auf dem Weg der Heiligung durch den häufigen Empfang des Sakraments der Versöhnung und der Eucharistie voranzuschreiten. Der Heilige Geist mache euch alle zu Boten der Liebe Christi.

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