Die Augen des Glaubens offenhalten

Der deutsche Kurienkardinal Paul Josef Cordes befasst sich mit den Grenzen der Psychologie

Mit seinem Buch „Besiege das Böse mit dem Guten. Grenzen der Psychologie und die Kraft des Glaubens“ berührt Paul Josef Kardinal Cordes heiße Eisen. Das Böse, die Psychotherapie, die Religion – ausreichend Ingredienzien für eine explosive Mischung. Dabei benutzt er seine theologischen Studien als Basis, um gekonnt human- und naturwissenschaftliche Erkenntnisse in einen neuen Rahmen zu stellen und zum Teil auch neu zu deuten.

Cordes beginnt seine Reise bei Rabbi Baal Shem Tov, der lehrte, der Gerechte würde seine bösen Neigungen während seines ganzen Lebens bekämpfen, doch würde ein gewisser Bodensatz immer bleiben. Der Mensch kann das Böse in sich selbst nicht vollständig vertreiben. Auschwitz und Ground Zero stecken den Rahmen menschlicher Bosheit ab: hier stoße die Psychologie an ihre Grenze. Der Kardinal verwendet die psychoanalytische Studie von Alice Miller über Adolf Hitler, um klarzumachen, dass die psychoanalytische Erkenntnis „was das Kind in den ersten Lebensjahren passiert, schlägt unweigerlich auf die ganze Gesellschaft zurück“ wohl nicht die ganze Dimension des Bösen befriedigend abdeckt. Falsche Pädagogik alleine reiche nicht als Erklärungsmodell für menschenverachtende Verbrechen.

Im Gegensatz dazu bestritt der Psychologe Jerrol M. Post, dass die Selbstmordattentäter vom 11. September mental unzurechnungsfähig gewesen seien. Während Miller hier ihre Theorie verabsolutierte und letztlich die Freiheit leugnete, konnte Post die Grenzen seiner Methode anerkennen. Cordes arbeitet heraus, dass alle Empirie schon wegen der Grenzen, die sie sich selbst gesetzt hat, das Böse nur sektoriell erfassen kann.

In der Tat ist das Böse auch nicht wirklich Objekt der empirischen Wissenschaften: Als Theologe weiß Cordes, dass alle unter der Macht der Sünde stehen und dass die Gottlosigkeit und die innere Verneinung Gottes das Böse bewirken. Aus dem Herzen des Menschen kommt das Böse und macht den Menschen unrein (Mk 7, 21 ff).

Sigmund Freud, so Cordes, reduziere psychisches Leben auf die Impulse der Triebe. Er klammere die Geistbegabung des Menschen aus und unterschlage seine Offenheit und seinen Drang zur Selbsttranszendenz. Psychoanalytische Theorien würden mitunter missbraucht werden, um den Menschen von der Religion zu „befreien“, die man für eine Neurose hält. Freuds Atheismus habe nicht einfach die Geringfügigkeit einer Fußnote, er halte schon mal jemanden für krank, der nach dem Sinn und Wert des Lebens fragt. Das arme Ich sei angstvoll eingespannt zwischen Es, Über-Ich und Außenwelt, ihm gegenüber gebe es nur „Objekte“. Cordes identifiziert als das Traurigste an Freuds System, dass das auf sich selbst zurückgeworfene Ich über die Du-Vergessenheit zur Gott-Vergessenheit gelangt. Gottesleugnung macht nun aber notwendigerweise blind für die Sünde.

Joachim Scharfenberg, Ordinarius für Psychologie in Kiel formuliert: „Dass ein religiöser Glaube und die auf die Weltanschauung der Wissenschaft gegründete Psychoanalyse sich miteinander vertragen könnten, hielt Freud selbst bis an sein Lebensende für eine reine Unmöglichkeit.“ Auch die Kirche übte in ihrer Unterweisung gegenüber der Psychologie durchgehend bemerkenswerte Zurückhaltung. Das II. Vatikanum erwähnt sie in all den vielen Konstitutionen und Dekreten nur ein einziges Mal und empfiehlt vorsichtig ihren besonnenen Gebrauch (GS 62).

Sehr differenziert entwickelt der deutsche Kurienkardinal (Albert Görres folgend) den Leidensdruck falscher Schuldgefühle, anhand derer man aber nicht auch das Bewusstsein realer Schuld austilgen solle, da man sonst die Menschlichkeit des Menschen zerstöre. Die Psychologie sei eine unselbstständige Wissenschaft, die mehr als jede andere auf Ergänzung durch Philosophie und Theologie angewiesen bleibe. Dem glaubenslosen Menschen liege es nahe, in der Psychologie Wege der Selbsterlösung zu suchen.

Dennoch darf die Phobie des Abstands den Seelsorger nicht auf Dauer leiten. Er suche für den Vollzug seiner Sendung nach der Wahrheit auch in religionsfernen Disziplinen, habe als Katholik keine Angst davor, die Kraft seines Verstandes zum besseren Verständnis von Mensch und Welt einzusetzen. Dazu ermuntern ihn schließlich Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Die Einsichten der Psychologie werden in dem vorliegenden Buch auf ihren Nutzen für verschiedene Seelsorgsbereiche abgeklopft – für die Wahrnehmung der guten und bösen Kräfte des Herzens, für die Wertung von Schuldgefühlen und nicht zuletzt für das verzweigte System kirchlicher Beratungsdienste. Ebenso können die Daten der Psychologie für den „Hunger nach Gott“ wichtige Fingerzeige geben – besonders im Kontext geistlicher Exerzitien und der Gruppendynamik. Auch der hohe Wert der sakramentalen Beichte und des individuellen Sünderbekenntnisses tritt durch die psychologische Forschung neu ins Licht und erhält etwa durch die Wiener Schule der Sprachpsychologie eine interessante Bestätigung.

Cordes stellt fest, dass unbedachte Allianzen der kirchlichen Pastoral mit der Psychologie für den Glaubenden durchaus abträglich werden könnten. Wohl werde niemand deshalb das Kind mit dem Bade ausschütten, dennoch tendiere empirisches Denken im pastoralen Vollzug immer dahin, die Oberhand zu gewinnen. So treffe auch uns nicht selten der Vorwurf des Herrn – Petrus gegenüber: „Du denkst nicht die Gedanken Gottes, sondern die der Menschen“ (Mt 16, 23).

Es sei schwer, in unseren Tagen die Augen des Glaubens offen zu halten. Fraglos haben Gesellschaft und Welt eine stark säkularisierende Kraft. Mancher Christ möchte sich darum abschotten, der Wahrheitsfrage auf seinem kleinen vertrauten Hinterhof nachgehen. Genau das wäre aber laut Cordes ein Weg, die Kirche auf die viel beklagte „Nischenexistenz“ zu beschränken. Doch wer ihn einschlüge, würde die Appelle der Päpste unserer Tage in den Wind schlagen: die Tür der Kirche für die Gesellschaft offen zu halten; Vernunft und Glaube zusammenzudenken; von der Horizontalen unserer Existenz auch dann nicht zu lassen, wenn öffentliches Denken die Vertikale verschlingt. Das vorliegende Buch wird dem Christen dafür eine wertvolle Hilfe sein.

„Besiege das Böse mit dem Guten“, diese Aufforderung des heiligen Paulus entfaltet Kardinal Cordes als befreienden Weg für den einzelnen Menschen und die Kirche. Ein lesenswertes Buch.

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