Die Aufgabe des Hirten

Vor siebzig Jahren starb Pius XI. – Ein Kongress in Rom hat sich jetzt mit diesem entschiedenen Gegner der Diktaturen seiner Zeit befasst

Rom (DT) Papst Pius XI. war ein „großer Hirt“, der sich durch Mut und seine Festigkeit auszeichnete, mit denen er es verstand, die Kirche in einer Welt zu führen, die von zahlreichen und schweren Problemen belastet war. Mit diesen Worten würdigte Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone in seinem Einleitungsreferat zu einem internationalen Kongress die Gestalt Pius' XI., der zwischen dem Schatten des Ersten Weltkrieges und den Vorzeichen des Zweiten Weltkrieges der römischen Kirche vorstand.

Der Kongress wurde anlässlich des 70. Todestages Papst Rattis (31. Mai 1857 – 10. Februar 1939) vom Päpstlichen Komitee für Geschichtswissenschaften organisiert und fand unter dem Thema „Die Sorge Pius' XI. für die Kirche im Licht der neuen archivarischen Quellen“ vom 26. bis 28. Februar im Vatikan statt. Zu den Kapazitäten, die sich mit einer der Schlüsselfiguren der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen, gehörten neben Kardinal Bertone der Präfekt des Vatikanischen Geheimarchivs, Bischof Sergio Pagano, der französische Historiker Philippe Levillain, der deutsche Spezialist für die Pontifikate Pius XI. und Pius XII., Thomas Brechenmacher sowie der Geschichtswissenschaftler und Direktor der vatikanischen Zeitung „L'Osservatore Romano“, Giovanni Maria Vian.

In seinem umfangreichen Einleitungsreferat zum Kongress unterstrich Kardinal Bertone, dass Pius XI. eine Persönlichkeit ersten Ranges im Leben der Kirche am Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen sei. „Die menschliche und kirchliche Geschichte Pius' XI. ist wirklich erstaunlich: sie könnte sogar als unwahrscheinlich definiert werden“, so Bertone. Nach seiner Wahl zum Papst habe Achille Ratti sofort eine außerordentliche Neigung zur Regierung und zur Leitung der Geschicke der Kirche an den Tag gelegt. Er habe dies mit fester Hand und vorausschauend getan.

Währens seines Pontifikats habe Papst Pius XI. alle Bemühungen der verschiedenen Völker gefördert, die darauf abzielten, die Wunden des Ersten Weltkriegs zu heilen und eine Rückkehr zu den Bruderkriegen zu vermeiden. Dennoch sei seine irdische Pilgerreise gerade in dem Augenblick zu Ende gegangen, als sich die Spannung mit dem faschistischen Regime aufgrund der von Mussolini gewollten Rassengesetze verschärft und sich Europa einem neuen Weltkrieg genähert habe. Kardinal Bertone rief den gut hundert Anwesenden in Erinnerung, dass sich „die kirchliche Sendung dieses Papstes vor einem Szenarium abspielte, das nicht finsterer hätte sein können“. Papst Ratti habe sich mit fünf Diktatoren auseinandersetzen müssen: Mussolini in Italien, Salazar in Portugal, Franco in Spanien, Stalin in der Sowjetunion und Hitler in Deutschland. Hinzugekommen seien darüber hinaus die Weltwirtschaftskrise 1929, die Verfolgung der Katholiken in Mexiko und der Bürgerkrieg in Spanien sowie die Eroberung Äthiopiens durch das faschistische Italien und die Rassengesetze. In diesem schwierigen Kontext habe der Papst entschlossen und mutig gehandelt und sich dabei der wertvollen Hilfe seiner beiden Staatssekretäre bedient: Kardinal Pietro Gasparris und dann Kardinal Eugenio Pacellis, des späteren Pius' XII. Bertone bezeichnete das pastorale Wirken von Pius XI. als „wirklich überraschend“. Es sei ihm nämlich gelungen, mehrere Fronten miteinander zu vereinbaren. Die Internationalisierung der Kirche von Rom sei in jenen Jahren in großem Umfang vorangeschritten und durch Entscheidungen geprägt worden, die sich später als von wesentlicher Bedeutung offenbaren sollten.

Pius XI. habe es vermocht, die Kirche kraftvoll zu leiten, indem er mit neuen Augen auf die Missionen und die katholische Verwurzelung innerhalb und außerhalb Europas geblickt habe. Der Papst sei gegenüber den hervortretenden neuen kulturellen Fragestellungen sensibel gewesen und habe die Katholiken zum sozialen Einsatz gedrängt. Abschließend erinnerte Kardinal Bertone daran, dass dank der Öffnung der vatikanischen Archive durch Papst Benedikt XVI. am 30. Juni 2006 die Geschichtsschreibung des langen Pontifikats Pius' XI. neue Impulse erhalten und neue Ergebnisse hervorgebracht habe.

Diese ersten Ergebnisse bildeten die Grundlage der Erörterungen der Tagung, die während des abschließenden runden Tisches gerade wegen ihrer lebhaften Arbeiten als ein erster großer Erfolg bei der Analyse und Wertung der neuen archivarischen Quellen dargestellt wurde. Das Päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaften wird in der nächsten Zukunft für eine rasche Veröffentlichung der Beiträge der einzelnen Gelehrten sorgen, die ein neues und facettenreiches Bild der großen Gestalt eines Papstes zum Vorschein kommen lassen haben, der in der schwierigsten Zeit des 20. Jahrhunderts dazu berufen war, sein Hirtenamt und seine Verantwortung für die Universalkirche auszuüben. Er tat dies mit jenem kleinen Apparat, der gerade unter seiner Regierungszeit durch den Abschluss der Lateranverträge (11. Februar 1929) hervorgegangen war. Das winzige Territorium, gerade einmal 44 Hektar groß, das nun mitten in Rom den neuen Kirchenstaat bildete, war für Pius XI. „jenes bisschen an Körper, das notwendig ist, um die Seele zusammenzuhalten“.

In ihrer abschließenden Wertung legte Lucetta Scaraffia, Professorin für zeitgenössische Geschichte an der römischen Universität „La Sapienza“, den Akzent auf zwei Hauptereignisse des langen Pontifikats Pius XI., dies mit einem „von außen nach innen“ gerichteten Blick. Die Historikerin machte diese in der Universalen Missionarischen Ausstellung während des Heiligen Jahres 1925 sowie in der Enzyklika „Casti connubii“ (31. Dezember 1930) aus. Erstere sei im Rahmen der Erneuerung der Idee des Jubeljahres gestanden, während dessen nach Rom nicht nur zur Verehrung der heiligen Stätten eingeladen wurde, um Zeugnis vom Christsein abzulegen. Mit der Ausstellung habe der Papst die Bedeutung der christlichen Missionen für die wissenschaftliche anthropologische Forschung betonen wollen, um auf sich auf diese Weise mit einer rein säkularen Anthropologie zu konfrontieren. Die Enzyklika „Casti connubii“ stelle einen Wendepunkt in der Ausübung des päpstlichen Lehramtes dar, insofern es sich um das erste Rundschreiben handle, mit dem der Papst Weisungen für die Sexualmoral gibt. Damit habe er das Thema der Geburtenregelung, gerade auch in Verbindung mit eugenischen Tendenzen, als ein Grundproblem der Modernität erkannt und ein prophetisches Wort für die künftige Lehre der Kirche im Bereich der Sexualethik gesprochen. Gerade diese Enzyklika lässt für Scaraffia erkennen, wie sehr sich Pius XI. um die modernen kulturellen Problemhorizonte kümmerte.

Als Gesamtergebnis der Tagung ist festzuhalten, dass allein eine genaue archivarische Analyse der Dokumente das wahre Antlitz des Menschen und Papstes Pius XI. zutage treten lässt. Gerade diese Forschung gestattet es, einer vorurteilsbelasteten Geschichtsschreibung den intellektuell redlichen Weg zu weisen, der es verbietet, eine Gestalt wie Pius XI. verkürzt mit allein säkularen Wertungsprinzipien zu begegnen. Pius XI. ist kein Papst, der „Politik“ betreibt. Alle Beiträge der Tagung ließen verstehen, dass sein gesamtes Wirken das Wirken des Oberhirten der Kirche war, in dessen Mittelpunkt die Verkündigung des Evangeliums stand. Der wesentliche Interpretationsschlüssel eines Pontifikats besteht somit in der Erkenntnis, dass alle Politik darauf abzielen muss, dies zu erreichen.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier