Die Armen haben nachts kein Licht

Papst Franziskus bringt Bewegung in die Kirche Lateinamerikas: Impressionen einer Reise durch das katholische Mexiko. Von Bernhard Meuser
Foto: dpa | Ruhig schlafen unter dem Schutz des Bildes Unserer Lieben Frau von Guadalupe können die Pilger, die sich in Mexiko alljährlich zu Fuß auf den Weg nach Guadalupe machen.

Wie viele Einwohner Mexiko-Stadt hat, weiß man nicht so genau. Die einen sprechen von 22 Millionen, andere von 25 Millionen. Die Stadt in der Nacht anzufliegen, ist ein Traum. Auf über 2 000 Meter Höhe und mitten in einer malerischen Hügellandschaft gelegen, breitet sich dem Betrachter ein Meer aus orangefarbenen Lichtern dar. „Warum gibt es denn dazwischen immer wieder diese schwarzen Flächen?“, wollte ich wissen. Jorge Navarrete, unser mexikanischer Begleiter, wusste die Antwort: „Das sind die Viertel der Armen. Die Armen haben in der Nacht kein Licht.“ Konkret begegneten wir den Armen schon am nächsten Tag. Wir starteten mit einer Wallfahrt nach Guadalupe. Es war ein ganz gewöhnlicher Sonntag, aber uns erschien es, als habe sich die ganze bunte mexikanische Gesellschaft auf den Weg zu ihrer Mutter gemacht: Bitterarme, verhärmte Indios in traditionellen Gewändern, farbenfrohe Gruppen mit Maskentänzern, schmetternde Blaskapellen, jemand schleppte eine riesige Guadalupe-Madonna auf dem Rücken. Und überall junge Frauen mit ihren Kindern auf dem Arm. Arm und reich vereint an einem Ort der Gnade.

Auf Einladung der mexikanischen Kirche war ich mit meiner Frau eine Woche in dem mittelamerikanischen Land unterwegs, um den DOCAT vorzustellen. Es war wunderbar: Wir haben neue Freunde gewonnen, viele Jugendliche und Jugendseelsorger kennengelernt, konnten Laien bewundern, die sich für die Soziallehre engagieren, haben uns mit Bischöfen ausgetauscht und wurden überall mit großer Gastfreundschaft empfangen und umsorgt. Und als mich am Ende doch noch Montezumas Rache erwischte, wurde ich von allen Seiten mit Mitleid und hilfreichen Mittelchen überschüttet.

Die mexikanische Kirche – so erschien es uns – ist im Umbruch. Einerseits ist sie noch sehr traditionell orientiert – der eine oder andere Bischof gefällt sich noch in der „Prinzenrolle“ –, andererseits entfaltet sich von Papst Franziskus und den großen Sozialdokumenten der lateinamerikanischen Kirche her eine hinreißende soziale Dynamik. Noch ist der vorwiegende Charakter der einer Top-down-Kirche: Alle warten, was der Bischof, der Priester sagt. Aber es kommt eine neue Generation, die der pyramidalen Struktur Initiativen von unten entgegensetzt, sie vielmehr von unten ergänzt. Junge Menschen verstehen, dass sie die Kirche sind und dass jeder Einzelne der Anfang einer neuen kirchlichen und sozialen Realität sein kann. Evangelii gaudium und Laudato si sind in aller Munde, während Amoris laetitia kaum wahrgenommen wird. Dass sich in Europa alles um die Frage der Kommunionzulassung von wiederverheirateten Geschiedenen dreht, wurde mit ungläubigem Staunen quittiert: „Ihr habt Probleme!“ Es gab Veranstaltungen in Mexiko-Stadt, im tropischen Mérida auf der Halbinsel Cancun und in der Acht-Millionen-Metropole Guadalajara, jeweils vor mehreren hundert, meist jungen Leuten. Man musste sie bewundern, denn keine dieser Veranstaltungen dauerte weniger als dreieinhalb Stunden. In einem riesigen Theatersaal in Mexiko-Stadt mussten die Zuhörer sogar geschlagene viereinhalb Stunden ausharren, bis der Input-Tornado vorübergezogen war. Natürlich musste der Bischof sprechen, dann Professor X, dann der Vertreter der Organisation Y, dann gaben junge Leute, die unter den Armen leben, ein Zeugnis und schließlich wollte man auch noch den Gast aus Deutschland hören.

Ohne dass ich recht wusste, wie mir geschah, erzeugte ich einen Brüller; statt „pena“ (= Scham) verwendete ich das Wort „pena“ (= der Name des Präsidenten). Bingo, hundert Punkte: You made my day. Der mexikanische Präsident ist durch die Bank fast so unbeliebt wie Donald Trump. Mindestens bei Menschen, die der Kirche nahestehen, ist er der Inbegriff eines durch und durch korrupten Systems. Warum kann man durch bestimmte Teile des Landes nicht mehr reisen? Warum kriegt man die Drogenmafia nicht in den Griff? Warum leben 65 Prozent der Bevölkerung an der Armutsgrenze oder darunter? Warum gibt es dieses doppelte Mexiko – die Hauptstadt ist eine Metropole, die sich vor London oder Paris nicht verstecken muss – und diese qualmenden Elendsquartiere, in die der Gast nicht geführt wird? Überall diese Panzerwagen und diese schreckerregend „böse“ Polizei mit Maschinenpistolen. Darauf bekommt man immer die gleiche Antwort: Weil „das System“ davon profitiert, dass alles so bleibt, wie es ist.

Ein Beispiel für das soziale Drama des Riesenlandes, zugleich ein wunderbares Beispiel, wie die Kirche unter den Armen und ausgehend von ihnen darauf reagiert, sind „Las Patronas“, eine Gruppe von armen Frauen, die unter noch Ärmeren ein heroisches Werk vollbringt. Seit 23 Jahren, Tag für Tag, helfen sie den illegalen Migranten, die sich auf dem Güterzug „La Bestia“ 3 000 Kilometer durch Mexiko durchschlagen, auf den Dächern, den Puffern und Stegen, an Leitern festgekrallt. „Las Bestia“ wird auch „Der Zug des Todes“ genannt, denn viele der illegalen Reisenden erreichen niemals ihr Ziel. Sie stürzen vom Zug, fallen in die Hände korrupter Polizisten, werden erpresst, ermordet und verscharrt. Oder sie werden von Jugendbanden, die im Dienst der Drogenbosse stehen, überfallen und ausgeraubt oder als Drogenkuriere missbraucht. Man schätzt, dass Jahr für Jahr 10 000 und mehr dieser Migranten einfach „verschwinden“.

Wie gut, dass es Initiativen wie „Las Patronas“ gibt. Die Geschichte begann im Jahr 1995, als zwei Mädchen mit ihrem Frühstück unterwegs zur Schule waren. Sie kamen an „La Bestia“ vorbei, und ohne dass sie irgendetwas wussten vom Drama dieser Migranten, gaben sie ihnen einfach ihr Frühstück. Sie setzten damit eine Kettenreaktion in Gang, denn die Mutter – Norma Romero – tadelte sie nicht etwa, sondern sie machte mit. Und sie bewegte andere arme Frauen ihrer Gemeinde, ebenfalls Lebensmittel zu beschaffen, sie zuzubereiten, in Beuteln zu verpacken und zum Zug zu bringen, Tag für Tag. Das Schöne ist: „Las Patronas“ sind mitten im Herzen der Kirche Mexikos. Es sind gläubige Frauen, die beten und aus dem Evangelium leben: Vorbilder einer neuen Generation von jungen Christen. Jugendliche machen Praktika im nicht ungefährlichen Patronas („Las Patronas“ wohnen und wirken in einem Dörfchen namens Patronas). Vermittelt werden sie vom Mexikanischen Institut für die christliche Soziallehre (IMDOSOC). Dass überhaupt die Soziallehre mit Kraft nach vorne kommt in Mexiko, ist das Verdienst von IMDOSOC. Don Lorenzo Servitje Sendra, Chef der weltgrößten Bäckereikette „Bimbo“ und Vorkämpfer sozialer Gerechtigkeit in Mexiko, hat vor Jahren das Institut der Soziallehre gegründet und mit Mitteln ausgestattet. IMDOSOC ist im ganzen Land präsent – gewissermaßen der Motor der Veränderung in der Kirche. In den katholischen Schulen, an den Katholischen Universitäten, in den immer noch vollen Priesterseminaren, überall wird die Soziallehre gelehrt, gefördert, in praktischen Übungen konkretisiert.

Dass es jetzt den DOCAT gibt, und dass Papst Franziskus eine neue Generation von Jugendlichen haben möchte, die Soziallehre studieren und „Soziallehre auf zwei Beinen“ ist, kommt in Mexiko wie gerufen. Im Handumdrehen waren die ersten 20 000 Exemplare vergriffen, weitere 40 000 Bücher sind im Druck, und auch die werden nicht lange reichen. Vielleicht noch wichtiger ist der DOCAT als APP. Es ist nur zu wünschen, dass der DOCAT nun nicht vorrangig als Mittel doktrineller Schulung benutzt wird, sondern dass er an der Basis zum Medium einer Veränderung wird und ein Stück Kirche von unten inspiriert. Dass die jungen Leute genau das wollen, daran habe ich keinen Zweifel. Sie brennen für Papst Franziskus. Sie brennen für die Soziallehre. Sie wollen sie wirklich sein. Und dazu brauchen sie echte Kenntnisse. Wo es um Gerechtigkeit, Frieden, Erhalt der Schöpfung und die Aufgabe einer gerechten Sozialordnung geht, darf man nicht herumdilettieren.

Natürlich haben wir auch ein wenig vom touristischen Mexiko mitbekommen. Mexiko City hat einen faszinierend herausgeputzten historischen Stadtkern. Mérida ist ein Traum, architektonisch, vom Flair der Stadt, von den Resten der Maya-Kultur, von den karibischen Stränden her, die man in einer Autostunde erreicht. Man sollte allerdings im Winter fahren. Im Sommer ist die Hitze unerträglich und auch die Präsenz der Moskitos ist nicht zu unterschätzen. In Guadelajara haben wir natürlich die Mariachis gehört, eine Musik von stupender Wucht und Fröhlichkeit, freilich nicht nur unter der Oberfläche auch von gewalttätigem Charakter. Es geht nur fortissimo, und das stundenlang.

Als ein Häuptling Schmalzlocke uns noch einen gängigen Hit entgegenschmetterte, übersetzte uns ein junger Priester, was der Tenor unter dem Etikett Liebe verkaufte: „Ich töte dich! Nicht mit dem Messer. Sondern mit Blumen, mit Komplimenten, mit Küssen, mit denen ich dich überschütte!“ Alle sangen mit. Der Priester zuckte mit den Schultern und gab uns eine kurze Einführung in mexikanischen Machismo. Die Frauen sind noch immer die großen Verlierer in der mexikanischen Gesellschaft. Sich neben der Ehefrau noch eine oder mehrere Geliebte zu „halten“, scheint noch immer an der Tagesordnung zu sein.

Indem die mexikanische Kirche aber voll auf die Soziallehre setzt, und dies nicht nur in der Armutsfrage, gibt es auch eine neue Wertschätzung der Frau. Es gibt nicht nur „Las Patronas“. Ich habe gleich ein Dutzend junger, innovativer Frauen kennengelernt, die auf ihre Weise das Elend der mexikanischen Männergesellschaft durchbrechen. Sie erschienen mir stärker als die Männer, die im Vordergrund alles beherrschen. Sie setzen beispielsweise Mülltrennung durch, betreiben ökologische Projekte. Sie leben konkret mit den Armen. Sie bringen Gesten der Zärtlichkeit in eine brutale Welt. Und sie verbinden es mit einer tiefen Jesusfrömmigkeit: Nur mit Christus kann man die Wirklichkeit verändern.

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IMDOSOC: www.facebook.com/imdosocoficial/

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