Dezentralisierung als Weg gegen die Zwänge

Überraschendes in der Festschrift für den Würzburger Kirchenrechtler Hallermann. Von Urs Buhlmann

Eine schöne neue Welt des Kirchenrechts wird in der Festschrift für den emeritierten Würzburger Kirchenrechtsprofessor Heribert Hallermann ausgebreitet. Der von 2003 bis 2016 dort Lehrende hat sich besonders für die Wechselwirkung zwischen der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils und seinem Fach interessiert.

Dazu will der Innsbrucker Fachvertreter Konrad Breitsching einen Beitrag leisten und nennt die nun tonangebende Volk- Gottes-Theologie eine Verbesserung gegenüber dem vorherigen Verständnis der Kirche als Leib Christi, weil dies „unter ökumenischer Rücksicht einen Fortschritt bedeutet“ habe. Es bedürfe aber kirchenrechtlicher Strukturen, die die in ,Lumen gentium‘ angesprochene „relative Selbstständigkeit der Teilkirchen“ stärke und ihr den „nötigen Entfaltungsraum für ihre Eigenprägung“ lasse.

In diesem Zusammenhang sei die Rolle der Bischofskonferenzen zu beachten, die derzeit mit „zu wenig Kompetenzen“ ausgestattet seien und „rechtlich aufgewertet“ werden müssten. Konkret hält Breitsching eine wesentliche Mitwirkung der Bischofskonferenz bei der Bischofswahl für sinnvoll und möglich.

Sabine Demel, Professorin in Regensburg, bringt zunächst ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass die Kirche durch das letzte Konzil einen „grundlegenden Wandel in ihrem Selbstverständnis vorgenommen“ habe. In Bezug auf das Eheverständnis und mit Blick auf die mangelnde Kirchenbindung vieler Katholiken bei gleichzeitig ungebrochener Nachfrage nach der kirchlichen Hochzeit stellt Demel die Frage: „Muss es für katholische Christen/Christinnen weiterhin nur die Alternative geben, entweder in der katholischen Kirche zu heiraten und damit zugleich das Ehesakrament zu empfangen oder nicht das Ehesakrament zu empfangen und damit zugleich keine kirchlich gültige Ehe schließen zu können?“

Über das gesetzgeberische Wirken Pauls VI. berichtet Prälat Markus Graulich, einer der Mitherausgeber des Bandes. Der Papst habe loyal in Rechtsform gebracht, was das Konzil gewünscht habe, dabei aber auch einmal eigenmächtig gehandelt. Mit der Errichtung der Bischofssynode 1965 habe er eine in der Konzilsaula noch im Gang befindliche Diskussion aufgegriffen und entschieden. Damit ist die interessante Situation entstanden, „dass eine Einrichtung, die als Frucht des Konzils betrachtet wird, aus historischer und rechtlicher Perspektive letztlich eine Gründung des Papstes ist, der in diesem Fall den Wunsch der Konzilsväter interpretiert, ohne dass der Meinungsbildungsprozess in der Konzilsaula schon zu einem Abschluss gekommen wäre“. Graulich attestiert dem Pontifex insgesamt, „in Umsicht und Treue den Brückenschlag zwischen Konzil und Kirchenrecht vollzogen zu haben“.

Für den Münchener Kanonisten Stephan Haering hat das letzte Konzil „vom alten Modell der Societas perfecta zur Beschreibung der Kirche weitestgehend Abstand genommen“. Die Kirche sei nun nicht länger „eine in Wahrheit unsichtbar existierende Größe, die sich irgendwelcher Mittel bedienen muss, um erkennbar zu werden und äußerlich wirken zu können“. Sie trete seither dem Staat gegenüber als „sowohl geistliche Communio als auch sichtbare soziale Gemeinschaft in untrennbarer Einheit“. Auch wenn Staat und Kirche klar getrennt seien, plädiert Haering für eine Kooperation beider. Dabei dürfe die Kirche aber „nicht verstaatlicht werden“.

Ludger Müller, der Wiener Kirchenrechtler, beschäftigt sich mit dem Diakonat, den er eine „oftmals übersehene Weihestufe“ nennt. Er macht auf das Problem der Zweit-Heirat eines verwitweten Diakons mit Zivilberuf aufmerksam. Nach geltendem Recht gilt für ihn das Ehehindernis der Weihe, obwohl ein verheirateter Diakon den Zölibat gar nicht versprechen muss. Müller mahnt hier Änderungen an.

Auch Wilhelm Rees, Innsbruck, beschäftigt sich mit den Bischofskonferenzen, denen das Zweite Vatikanische Konzil erstmals einige Gesetzgebungsrechte übertragen habe. Unter Berufung auf Papst Franziskus, der in „Evangelii gaudium“ von der Notwendigkeit einer „heilsamen Dezentralisierung“ spricht, stelle sich nun aber die Frage, ob den Konferenzen nicht auch eine „gewisse authentische Lehrautorität“ zukomme. Jedenfalls gelte es, „die Kompetenzen der Bischofskonferenzen zu erweitern, ohne der Gefahr der Zersplitterung zu erliegen“. Rees empfiehlt in Analogie zu den orientalischen Kirchen, die Bischofskonferenzen in die Nähe „eigenberechtigter Kirchen“ zu rücken.

Der scharfzüngige Münsteraner Kanonist Thomas Schüller behandelt die Pfarrgemeinderäte deutscher Prägung. Er erzählt die Geschichte dieser Institution und nimmt dann eine auf Deutschland bezogene Sichtung ihrer konkreten Ausgestaltung im Lichte der größerer werdenden Seelsorgsräume vor. „Die pastorale Lyrik in der euphemistischen Umschreibung solcher Konstrukte ist facettenreich und bunt“. Er erwähnt die komplexe Doppelgestalt des Gremiums als Beratungsorgan des Pfarrers und zugleich „entscheidendes Organ zur Förderung und Koordinierung des Laienapostolats“, mit operativen Aufgaben also. Doch ist es für Schüller letzten Endes nicht weiter bedeutsam, ob man die Rechte der Laien in dieser Institution, der er einen hohen Bedeutungsverlust attestiert, enger oder weiter fasse. Angesichts einer „durch und durch klerikalisierten Kaste von jungen Priestern in Deutschland, die mehrheitlich Beratung durch Gläubige eher als lästiges Übel denn als theologische Notwendigkeit betrachtet“, sei es müßig, über Änderungen in der rechtlichen Ordnung für die Räte nachzudenken. Wer sagt denn, dass Kirchenrechtler nicht polemisch sein können?

Das Motu Proprio „Mitis Iudex Dominus Iesus“ von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015 nimmt sich Bernd Dennemarck, Fulda, vor. Mit ihm will der Pontifex die Verfahren für Ehenichtigkeitserklärungen im lateinischen Kodex des kanonischen Rechts vereinfachen und beschleunigen. So gibt es jetzt einen kürzeren Eheprozess vor dem Diözesanbischof als Richter, während zugleich die zweitinstanzliche Überprüfung nicht mehr zwingend vorgeschrieben ist.

Eine vielschichtige historische Miniatur aus aktuellem Anlass steuert Wolfgang Klausnitzer, Fundamentaltheologe in Würzburg, bei. „Martin Luther und der Papst“ kann als Geschichte einer Radikalisierung gelesen werden. Alexander Zerfaß, Liturgie-Professor in Salzburg, nimmt Liturgiepolitik als Machtpolitik und als Verteidigungsstrategie in den Blick. Wirkliches Verständnis für den letzten großen Liturgiker unter den Päpsten, Benedikt XVI., kann er nicht entwickeln. Mit Verve verteidigt Mathias Pulte, Mainz, die neue Grundordnung für kirchliche Dienst- und Arbeitsverhältnisse, die in Deutschland seit zwei Jahren in Kraft ist. Sie habe „mehr Rechtsklarheit geschaffen“.

Festschriften sind ihrer Natur nach Bestands- ebenso wie Momentaufnahmen. In einigen Beiträgen dieses Bandes wird deutlich, dass die Nationalkirche offenbar von manchen und wohl auch von einigen der als nüchtern angesehenen Kirchenrechtler besonders eifrig herbeigesehnt wird. Die Kirchenhistoriker könnten ihren Kollegen das übliche Ende derartiger Versuche mit geringem Aufwand aufzeigen. Doch ist jede Epoche unmittelbar zu Gott, wie schon Leopold von Ranke wusste. Anders formuliert: Ein jeder hat das Recht auf seine eigenen Irrtümer.

Markus Graulich/Thomas Meckel/Matthias Pulte (Hrsg.): Ius canonicum in communione christifidelium, Festschrift zum 65. Geburtstag von Heribert Hallermann. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017, 782 S., ISBN 978-3-506-78565-7, EUR 88,-

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer