Deutsche Kirche kann von der tschechischen lernen

60 Jahre Katholische Akademie: Symposium zur Ostausrichtung des Bistums Regensburg. Von Markus Bauer

Schönsee (DT) Ihr 60-jähriges Bestehen feiert in diesem Jahr die in München angesiedelte, aber ganz Bayern verbundene Katholische Akademie Bayern. Dazu gibt es bis Oktober in den sieben bayerischen Bistümern spezielle Veranstaltungen, die jeweils diözesane Schwerpunkte zum Inhalt haben. Im Bistum Regensburg war dies kürzlich ein im „Centrum Bavaria Bohemica“ in Schönsee abgehaltenes Symposium zum Thema „Die Ostausrichtung des Bistums Regensburg in Geschichte und Gegenwart“. Im Zentrum stand eine Podiumsdiskussion mit dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, seinem Pilsener Amtskollegen TomᚠHolub und dem Regensburger Kirchenhistoriker Klaus Unterburger, moderiert vom Direktor der Katholischen Akademie Florian Schuller. Die Akademie war Hauptveranstalter, tatkräftig unterstützt von der Ackermann-Gemeinde.

Den am Ortseingang Schönsees als doppelköpfige Statue mit Blick nach Osten und Westen aufgestellten heiligen Johannes Nepomuk nahm der Geistliche Beirat der Ackermann-Gemeinde Monsignore Dieter Olbrich in seinem Grußwort als Ausgangspunkt. „Unter den Diözesen in unseren beiden Ländern nehmen Regensburg und Pilsen eine Brückenfunktion zwischen Christen aus Bayern und Böhmen ein“, stellte Olbrich fest.

Einen historischen Überblick zum Thema „Ostbayern und Böhmen in der Geschichte“ gab der Ordinarius für Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Regensburg Klaus Unterburger. Er beleuchtete in einem Parforce-Ritt die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Böhmen und Ostbayern vor allem im Bereich der Kirche mit Parallelen und Gemeinsamkeiten sowie natürlich auch unterschiedlichen Entwicklungen, die vor allem im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung und dem Nationalismus die Hauptursachen hatten – bis hin zu den jüngsten und schlimmsten Ereignissen im 20. Jahrhundert.

Bei der Podiumsdiskussion nahm Moderator Schuller einzelne Aspekte des Vortrags von Unterburger auf und fragte zunächst die beiden Bischöfe nach den für sie wichtigen historischen Epochen. Bischof Holub nannte das 19. Jahrhundert mit den vielen Änderungen, weil sich hier „Antworten für die heutige Zeit“ finden. Insbesondere die Industrialisierung, die in Böhmen sehr schnell und früh eingesetzt hat, habe vor allem bei Intellektuellen die Kritik sehr zugespitzt – unter anderem im Verhältnis zwischen Lehrern und Priestern. Bischof Voderholzer hingegen verwies auf das Gründungsjahr 1115 des Klosters Kladrau/Kladruby beziehungsweise auf die Jahre 1945/46. Denn im Zuge der Vertreibung ging Bischof Voderholzers Mutter damals bei Eslarn „schwarz über die Grenze“. Aber auch die Grenzöffnung 1989/90 nannte der Regensburger Oberhirte. „Jede der Jahreszahlen hat mit meinem eigenen Leben zu tun“, fasste Bischof Voderholzer zusammen. Er wies aber auch dem 19. Jahrhundert eine hohe Bedeutung als „Schlüssel für viele Probleme der weiteren Geschichte“ zu. „Das Christentum in seiner katholischen Ausprägung ist die beste Nationalismus-Prophylaxe, die es gibt“, erläuterte der Regensburger Bischof zum Aspekt des Nationalismus im 19. Jahrhundert.

Die Frage Schullers nach der Glaubenspraxis in seinem Bistum beantwortete Bischof Voderholzer zwar mit positiven Daten. Andererseits verschloss er nicht die Augen vor den Säkularisierungstendenzen. „Wir werden alles unternehmen müssen, um den Glauben als persönliche Überzeugung, als Grundhaltung gegen alle Widerstände und Anfechtungen zu stärken, um zur Kirche zu stehen. Dazu gehört auch, die Auskunfts- und Dialogfähigkeit zu fördern, und die Jugend mit Handwerkszeug auszurüsten, um redliche Christen zu sein.“ Hier könne die deutsche Seite durchaus von den „Realitäten in Pilsen oder Prag lernen“, konkretisierte der Regensburger Bischof.

Die Entwicklung der kirchlichen beziehungsweise katholischen Milieus ab dem 19. Jahrhundert bis heute skizzierte Unterburger auf Nachfrage des Moderators. Im Gegensatz dazu gab es in Böhmen keine katholischen Milieus. Dadurch könne, so der Kirchenhistoriker, die Kirche dort „als glaubwürdiger Vermittler von Antworten für Suchende“ wirken. Bischof Voderholzer sah es als richtig an, den Milieus nicht nachzutrauern. Vielmehr empfahl er, die „großen Schätze der Kultur, Musik, Kunst und Architektur, das heißt den ganzen Reichtum des Glaubens“ stärker in die pastorale Praxis einzubeziehen – also weg vom traditionellen Zugang hin zu einem persönlichen Zugang.

Diesen Ansatz unterstützte auch Bischof Holub. „Erleben ist anders als jede philosophische Reflexion“, konkretisierte er und verwies auf seine eigenen Glaubenserfahrungen als Militärseelsorger der tschechischen Armee in Bosnien-Herzegowina. Aber auch die bei Begegnungen häufig auftretenden Sprachprobleme zwischen Deutschen und Tschechen könnten etwa durch Kirchenmusik minimiert werden.

Bischof Voderholzer empfahl auch die vor allem in Grenzregionen organisierten Wallfahrten, an denen vielfach bereits Menschen beider Nationen teilnehmen. Auf die Bedeutung des gemeinsamen Feierns, wenn bei tschechischen Leuten bisweilen die Hintergründe nicht präsent sind, wies Bischof Holub hin. Für ihn sind zudem nicht selten persönliche Beziehungen wichtiger als institutionelle Beziehungen, vor allem wenn Institutionen – wie die katholische Kirche in Tschechien – einen schweren Stand haben.

Die etwas provokante Abschlussfrage von Moderator Schuller, ob Jan Hus eines Tages von der katholischen Kirche heiliggesprochen wird, beantworteten alle Podiumsteilnehmer negativ. „Jan Hus war ein großer Mann, aber in seiner Lehre schwierig“, meinte Bischof Holub. Den pastoraltheologischen Aspekt, wonach eine Heiligsprechung vom gläubigen Volks ausgehen muss, rückte Bischof Voderholzer in den Vordergrund. „Eine solche Verehrung des Volkes sehe ich nicht.“ Die Vielschichtigkeit und unterschiedlichen Einflüsse Jan Hus' erläuterte kurz Unterburger, aber auch Hus' Starrsinn. „Ein ganz angenehmer Zeitgenosse war er wohl nicht“, lautete Unterburgers Fazit.

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