„Der Weg zur unentgeltlichen Hingabe“

Foto: Kock | Mutter Maria Rita Piccione OSA.
Foto: Kock | Mutter Maria Rita Piccione OSA.

Am Karfreitag wird Papst Benedikt XVI. wieder den Kreuzweg im Kolosseum beten. Millionen von Menschen in aller Welt werden über die Medien daran teilnehmen. Die Texte wurden in diesem Jahr von der Augustinerin Maria Rita Piccione OSA verfasst. Diese Wahl war eine Überraschung. Vor ihr haben erst zwei Frauen den Kreuzweg verfasst, die Benediktinerin Anna Maria Canopi (1993) und die Schwester der evangelischen Gemeinschaft von Grandchamp Minke de Vries (1995) – im Jahre 2002 wurden einzelne Stationen von Frauen geschrieben. Schwester Maria Rita hatte im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen keinerlei Erfahrung mit dem Verfassen von Texten. Sie steht im Gegenteil seit ihrer Kindheit „mit dem Schreiben auf Kriegsfuß“, wie sie selbst sagt. Bevor sie 1987 mit 23 Jahren in das bei ihrer Heimatstadt Siena gelegene Kloster Lecceto eintrat, studierte sie Querflöte. 2008 wurde sie zur Präsidentin der Föderation der Augustinerinnen-Klöster „Mutter vom Guten Rat“ gewählt, der 24 Klausurklöster in Italien und eines auf den Philippinen angehören. In dieser Funktion lebt sie derzeit im römischen Kloster „Santi Quattro Coronati“ in unmittelbarer Nähe des Kolosseums. Dort sprach Claudia Kock für „Die Tagespost“ mit ihr.

Mutter Rita, Sie haben von Papst Benedikt XVI. den Auftrag erhalten, den diesjährigen Kreuzweg am Kolosseum zu verfassen. Wie kam es dazu?

Eines Tages im Februar, kurz vor dem Mittagessen, kam ein Anruf vom Staatssekretariat. Ich dachte sofort, dass in einem unserer Klöster etwas passiert sei, aber der Kardinalstaatssekretär beruhigte mich und sagte, er wolle mich um einen Dienst für den Heiligen Vater und die Kirche von Rom bitten: Ich sollte den Text für den Kreuzweg am Kolosseum schreiben. Ich war völlig sprachlos und konnte mir nicht erklären, warum er sich gerade an mich wandte. Der Kardinal wollte mir Mut machen und sagte: „Sie wollen dem Heiligen Vater diese Bitte doch wohl nicht abschlagen!“ Ich war sehr aufgeregt. Einerseits wollte ich der Kirche gehorchen, denn dies ist ein grundlegender Aspekt des Augustinerordens. Die besondere Verehrung und Liebe gegenüber der Kirche und dem Heiligen Vater ist in unseren Konstitutionen verankert. Einerseits wollte ich zusagen, andererseits kannte ich meine Grenzen: Ich sollte etwas schreiben, aber mit dem Schreiben stehe ich schon seit meiner Kindheit auf Kriegsfuß. Eine Mischung aus Ehrfurcht und Angst machte sich breit, und ich konnte nicht sofort antworten. So bekam ich eine Bedenkzeit.

Wie kam es zur Entscheidung?

Im Gebet kam ich dann zu folgendem Schluss: Ich hatte mir diese Aufgabe nie gewünscht. Die Entscheidung kam woanders her, und ich konnte sie nur im Glauben annehmen, im Glauben leben und im Glauben „Ja“ zu ihr sagen. Daraufhin habe ich zugesagt, aber ich habe Tage erlebt, an denen ich wirklich zu kämpfen hatte und meine Zusage mir verantwortungslos erschien. Denn allmählich wurde mir auch bewusst, worauf ich mich eingelassen hatte: ein Gebet unter dem Vorsitz des Heiligen Vaters, ein Gebet, das in die ganze Welt übertragen wird .... all das machte mir Angst.

Ein persönlicher Kreuzweg also...

Ja, ich habe wirklich einen Kreuzweg erlebt. Ich musste sogar den Tod in Kauf nehmen, indem ich mich innerlich darauf einstellte, dass ich eventuell scheitern könnte. Ich sagte mir: Ich übernehme nur einen Dienst. Wenn es nichts wird, wird es beiseite gelegt. Danach wurde ich ruhiger. Und dann machte ich mich an die Arbeit, weil sonst die Zeit knapp geworden wäre.

Haben die weiblichen Gestalten der Via Crucis Sie in besonderer Weise angesprochen?

Ja, vor allem die Gestalt der Veronika. Sie kommt zwar aus der Volksfrömmigkeit und ist uns nicht durch die kanonischen Evangelien überliefert, aber der Blick der Veronika erscheint mir typisch weiblich. 1995 schrieb Johannes Paul II. in seinem Brief an die Frauen, dass die Frau mit dem Herzen sieht. Vor allem bei Veronika fließen weibliche Züge in den Kreuzweg ein.

Liegt irgendeine Station Ihnen besonders am Herzen?

Eigentlich mag ich sie alle, denn in jede von ihnen ist mein Leben, mein Weg, meine Geschichte irgendwie eingeflossen. Sie sind für mich wie vierzehn Kinder. Für jede von ihnen gab es den Augenblick der Empfängnis, die Zeit des Austragens und dann die Geburt. Mit der Station, in der Jesus seiner Mutter begegnet und in der ich das Gebet erwähne, kann ich mich besonders gut identifizieren. Das Gebet ist gleichsam das „Verharren“ – auch im Augenblick des Leidens, das uns unverständlich ist. Gerade in diesem Verharren liegt die Kraft und die Dynamik des Gebets.

Die kontemplative Dimension war Ihnen also bei dieser Arbeit sehr wichtig?

Sie war meine Methode. Ich habe keine geisteswissenschaftliche Ausbildung, und es ist mir nicht gelungen, von vornherein ein Schema festzulegen. Ich betete also die einzelnen Stationen. Zunächst habe ich den Text zur Hand genommen und habe ich mich vor den Herrn gesetzt, um zu sehen, was kommt. Das ist auch sehr augustinisch: „Vulnerasti cor meum verbo tuo“ – Das Wort dringt in unser Herz ein und hinterlässt dort einen Eindruck. So wird es zum Gebet und zum Bekenntnis. Wenn man Jesus auf dem Kreuzweg betrachtet, begegnet das Herz auch seiner menschlichen Natur. Und das führt zum Bekenntnis, denn das Herz erkennt, wie elend es ist, verglichen mit der menschlichen Natur Jesu. An jeder Station gibt es eine kurze Betrachtung, ein Bekenntnis und dann ein Gebet zu Gott, damit wir nicht in unserem Elend verhaftet bleiben, sondern seine Gnade uns wieder aufhilft auf den Weg, der vor uns liegt. Diese Struktur hat sich aus der ersten Station ergeben, und ich habe sie dann beibehalten. Der Grundgedanke kommt aus dem Ersten Petrusbrief, wo es heißt: „Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt.“ Auf dem Weg zum Kalvarienberg hinlässt Christus Spuren. Jede Station ist gleichsam eine Spur seiner menschlichen Natur. Daneben habe ich auch ein Dokument der italienischen Bischöfe herangezogen, eine Orientierungshilfe für dieses Jahrzehnt: Zum guten Leben des Evangeliums erziehen. Wenn wir Jesus auf dem Kreuzweg nachfolgen, können wir im guten Leben des Evangeliums wachsen.

Welcher Beitrag kam aus dem Denken und der Spiritualität des heiligen Augustinus?

Dank Augustinus habe ich überhaupt zugesagt. Während der Bedenkzeit habe ich seine Epistel 48 an Eudoxius, den Abt von Capraia, gelesen. Er ermahnt ihn, nie einen Dienst abzulehnen, den die Kirche ihm anträgt. Andererseits soll er ihn nicht aus Ruhmsucht annehmen. Augustinus hat mich in der Zusage bestärkt. Der wichtigste Aspekt ist jedoch die menschliche Natur Jesu, die für die Bekehrung von Augustinus wichtig war. Im siebten Buch der Confessiones bekennt Augustinus, dass er bereits zu einem hohen Grad der Erkenntnis der Wahrheit gelangt war, Gott jedoch noch nicht „genießen“ konnte, und fragt sich, warum das so war. Und er gelangt zu folgendem Schluss: Ich war nicht demütig genug, um den demütigen Jesus anzunehmen. Die menschliche Natur Jesu ist für uns auch ein Ausdruck seiner Demut. In allen Stationen wird das Gebet mit dem augustinischen Ausdruck „demütiger Jesus“ eingeleitet. Es ist an den demütigen Jesus gerichtet. Dann sagt Augustinus: Ich hatte noch nicht begriffen, dass seine Schwachheit uns etwas lehrt. Auch dieser Aspekt war mir wichtig: dass die Schwachheit Jesu uns etwas für unser Leben lehrt. Ich weiß nicht, ob ich das im Text vermitteln konnte, aber ich wurde von Augustinus dazu inspiriert.

Die Liebe zum heiligen Augustinus teilen Sie mit dem Heiligen Vater. Sind Sie mit dem Denken Benedikts XVI. sehr verbunden?

Für Augustinus und für Benedikt XVI. spielt die Suche nach der Wahrheit eine große Rolle. Augustinus war stets auf der Suche nach der Wahrheit. Er hat Gott gefunden, weil ihn nach der Wahrheit dürstete, und diese aufrichtige Suche hat ihn zur Begegnung mit Gott geführt. Als der heutige Papst zum Bischof geweiht wurde, wählte er als Motto „Cooperatores veritatis“. Sein Dienst ist ein Dienst an der Wahrheit. Auch in seinen Worten kommt immer wieder zum Ausdruck, dass er Hüter der Wahrheit ist. Für mich ist dies das größte Geschenk, das er der Kirche macht. Das Thema der Wahrheit wird auch in den Gebeten aufgegriffen. Jede Station enthält ein Gebet zum demütigen Christus und zum Geist der Wahrheit.

Die Illustrationen in der Broschüre zum Kreuzweg stammen von einer Ihrer Mitschwestern aus dem Kloster Lecceto, Schwester Elena Manganelli.

Auch sie sind aus dem persönlichen Gebet heraus entstanden. Elena wurde bei ihrer Arbeit nicht von den Texten inspiriert; wir haben parallel gearbeitet. Ich habe ihr zwei Anhaltspunkte gegeben: der Blick auf Jesus und die Gegenwart des Heiligen Geistes. Sie hat das sehr gut umgesetzt und die Einsamkeit Jesu in seinem Leiden aufgezeigt. Es gibt kein schmückendes Beiwerk, keine Komparsen. Die Farbe ist sehr schlicht. Immer wird Jesus vom Blick des Vaters begleitet: ein Lichtstrahl, der auf das Bild trifft und zusammen mit einem anderen Element das Kreuz bildet. Ein Arm des Kreuzes ist also der Blick des Vaters, der Lichtstrahl. Die Gegenwart des Heiligen Geistes hat sie durch den Schatten einer Taube auf dem Bildhintergrund zum Ausdruck gebracht. Für uns beide war es ein bewegender Augenblick, als wir uns am Ende zusammensetzten und sahen, dass bei der Kreuzigung Jesu sowohl im Text als auch in der Illustration eine Veränderung stattfindet: Bei Elena ändert sich die Farbe, sie geht jetzt mehr ins Lila. Beim Gebet wird jetzt das Adjektiv „demütig“ weggelassen, als Zeichen dafür, dass die Kreuzigung eigentlich die Erhöhung Jesu ist.

Und der Ostermorgen?

Die letzte Station ist anders als alle anderen. Elena verwendet Blau, aus dem Weiß hervorsticht – eine Ankündigung des Ostermorgens, aber durch das Blau hat es noch etwas Erwartendes, Statisches an sich. Im Text steht an dieser Stelle nur die Betrachtung, während das Gebet durch die Stille ersetzt wird – die Stille, in der Gott spricht. Ich bin gespannt, wie sich das umsetzen lässt. Ich habe darum gebeten, dass eine Zeitlang Stille herrscht, vielleicht eine Minute. Man soll die Stille konkret spüren können.

Welche Botschaft hat das kontemplative Leben für die Welt und die Kirche von heute?

Ein befreundeter Benediktinerabt antwortete auf die Frage: „Wozu dient euer Leben?“ stets mit sichtlichem Vergnügen: „Zu nichts“. Der Wert unseres Lebens liegt darin, dass es unentgeltlich hingegeben wird. Das fehlt der säkularisieren Welt heute vielleicht am meisten. Man kann alles kaufen. Aber die Unentgeltlichkeit kann man nicht kaufen: Das wäre ein Widerspruch in sich. Der Kreuzweg lässt uns auf den gekreuzigten Christus schauen. Es ist der Weg zur unentgeltlichen Hingabe, zur hingeschenkten Liebe. Der Gekreuzigte ist die einzig glaubwürdige Wahrheit, denn sie ist ein reines Geschenk. Das ist unsere wichtigste Botschaft. Darüber hinaus vermittelt das kontemplative Leben das Wesentliche im Leben. Unser Leben ist sehr einfach; Außenstehenden kann es sogar monoton vorkommen. Aber wir sind darin glücklich, und das bringt die Menschen zum Nachdenken. Das Wesentliche ist die Liebe des Vaters zu seinen Kindern, das Wissen, Kinder zu sein, die unentgeltlich geliebt werden. Auch dieser Aspekt ist eine Spur, die Jesus uns auf dem Kreuzweg hinterlassen hat.

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24.09.2021, 10 Uhr
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