Der Weg ins überhelle Dunkel

Eine literarische Reise in das Reich der Mystik: Die Werke des Dionysius Areopagita in einer Übersetzung von Edith Stein. Von Barbara Stühlmeyer

Es ist ein kleiner Band, in dem die vier Werke jenes bis heute unbekannten Autors zusammengefasst sind, deren Inhalt zugleich so reich und vielschichtig ist, dass er gut und gerne eine ganze Bibliothek füllen könnte. Das Corpus Dionysiacum, so viel ist sicher, ist das Werk eines Mystikers, den man zunächst mit jenem Dionysius identifizierte, der in der Apostelgeschichte als einer derjenigen erwähnt wird, die der Apostel Paulus auf seinen Missionsreisen bekehrte. Der Autor selbst verwendet diesen Namen nicht, aber er legt mit dem Satz „Du aber, lieber Timotheus, übe dich angespannt in mystischer Schau“, eine Spur, mit der er offenkundig bewirken möchte, für einen neutestamentlichen Zeitgenossen gehalten zu werden. Dass er dies nicht ist, vielmehr vermutlich im frühen Mittelalter, näherhin um 500 nach Christus lebte, zeigen andere Spuren, jene nämlich, die der spätantike Philosoph und Universalgelehrte Proklos, der, 412 in Konstantinopel geboren und 485 in der griechischen Hauptstadt gestorben, fast 50 Jahre lang die neuplatonische Schule von Athen leitete, hinterließ.

Dionysius war möglicherweise ein syrischer Mönch, vielleicht ein Bischof. Ganz sicher war er ein Mystiker, dessen Gedankenwelt das gesamte Mittelalter hindurch all jene, die tiefer und weiter sahen, maßgeblich beeinflusst hat. Es geht nicht zu weit, festzustellen, dass viele Werke der abendländischen Mystik ohne Dionysius kaum denkbar sind. Hildegard von Bingen greift in der sechsten Schau des ersten Buches ihres Liber Scivias Dionysius Lehre von den neun Engelchören auf und erweitert sie um einen zehnten, den zu bilden die Menschen durch ihr Einstimmen in das Lob Gottes berufen sind. Auch manch spekulativer Gedanke des Mystikers und Theologen Meister Eckhart wurde durch die neuplatonische Interpretation der christlichen Glaubensgeheimnisse inspiriert. Nikolaus von Kues, heute der Patron der Theologiestudierenden, schätze Dionysius' Werke sehr, und auch Thomas von Aquins wunderbare Formulierung „Bonum est diffusivum sui – das Gute ist das Verströmen seiner selbst“, hat ihre Wurzeln in der hellsichtigen Formulierungskunst des Areopagiten.

Die neuplatonische Interpretation des christlichen Glaubens, die in der Spätantike und im Mittelalter so beliebt war, ist, wie der Theologe Bruno Kern in seinem kundigen, einen guten Einblick in Struktur und Inhalt bietenden Vorwort zu dieser Werkausgabe anmerkt, keineswegs unumstritten. Doch bei aller Nähe zu platonischem Gedankengut und natürlich der Verwendung entsprechender Begriffe, wie dem der Emanation, dem Hervorgehen der Welt aus dem göttlichen Einen, bewahrt Dionysius die christlichen Grundauffassungen. Im Hinblick auf den Schöpfungsglauben gelingt Dionysius dies durch die Betonung der christlichen Grundeinsicht, dass Gott die Liebe ist. Sie, die Liebe, ist der Grund für das Ausströmen Gottes in die Schöpfung, in dem er, und auch dies ist genuin christlich, ganz bei sich bleibt und am Ende die Schöpfung wieder an sich zieht. Dionysius ist weder Pantheist noch Gnostiker. Die Materie gilt ihm nicht als minderwertig und das Böse versteht er als Mangel an Gutem. Da Dionysius dualistische Tendenzen völlig abgehen, bedarf es in seiner mystischen Theologie auch keines Demiurgen, der sich an der bösen Materie die Hände schmutzig macht, zugleich aber leider allein durch seine Existenz die Einheit Gottes infrage stellt.

Die breitflächige Rezeption des Areopagiten, dessen Werke die Namen „Mystische Theologie“, „Von den göttlichen Namen“, „Himmlische Hierarchie“ und „Kirchliche Hierarchie“ tragen, setzt unter der Regentschaft König Ludwigs des Frommen um 800 ein. Zu diesem Zeitpunkt gelangten die Schriften Dionysius? in den Westen und antworteten dort in den nächsten Jahrhunderten auf die offenbar dauerhaft virulente Frage, wie man mystische Schau und theologische Reflektion in Einklang bringen kann. Die „mystische Theologie“ gibt darauf die einleuchtende Antwort, dass das überhelle Licht Gottes für den Menschen und die, man lese und staune, „einfachen, absoluten, unwandelbaren Geheimnisse der Theologie in [das] überhelle Dunkel des in Geheimes einweihenden Schweigens enthüllt werden“. Pech für die Schreibtischtheologie. Hier findet man keine Leitlinien, keine Paper, sondern eine durchbetete Theologie, die es wagt, wie Dionysius weiter ausführt, Sinnestätigkeit und Verstandestätigkeit, ja sogar alles Sinnfällige und geistig Fassbare hinter sich zu lassen und sich direkt in das Wagnis der Schau zu stürzen. Bemerkenswert und nachahmenswert. Das dachten jedenfalls die großen Mystikerinnen und Mystiker, die Dionysius' Schriften so sehr liebten. Weil sie aber wie alle Theologen am Ende doch etwas so begreifen möchten, dass sie es auch benennen können, handelt Dionysius' zweites Werk von den göttlichen Namen, oder vielmehr von ihm, der viele Namen hat und durch keinen von ihnen festlegbar ist. Wie sehr dies im Einzelfall auch erschüttern mag, Gott passt definitiv in keine Schublade. Dionysius ist in diesem Punkt bemerkenswert modern und im Grunde so etwas wie ein Vorläufer der negativen Theologie. Erfahrbar wird Gott jedoch, so betont der Mystiker, in seinem Wirken in der Schöpfung. Doch auch hier gilt, es sind Lichtspuren zu erkennen, das lebendige Licht, wie Hildegard es nannte. Dieses Licht aber kann nur selten und von wenigen geschaut werden. Ja, man kann sich Gott durch Analogien nähern, aber seine Wirklichkeit übersteigt sie alle.

Diesen Schwerpunkt der Überbietung der Ähnlichkeit durch eine je größere Unähnlichkeit war auch ein Kernthema für Erich Przywara, den jesuitischen Mentor Edith Steins. Ihrer kongenialen Übersetzung ist es zu danken, dass die Werke des Areopagiten über das theologische Fachpublikum hinaus vielen zugänglich gemacht werden können. Edith Stein hatte, weil es ihrem Wesen entsprach, einen besonderen Sensus für die Verbindung von erfahrungsgesättigter, tief verinnerlichter Mystik und sprachlogischer Entfaltung wesentlicher Gedanken. In ihrer Übersetzung tritt Dionysius dem Leser so lebendig entgegen, dass seine Gegenwart spürbar wird, wenn man prägnante Sätze liest wie den, dass die Theologie zugleich vielumfassend und ganz klein sei.

Andere Sätze gleichen einem intellektuellen Schleudergang, etwa wenn Dionysius im zweiten Kapitel seiner mystischen Theologie definiert: „Zu diesem überhellen Dunkel wünschen wir zu gelangen und durch Nicht-Sehen und Nicht-Erkennen zu schauen und zu erkennen, was das Schauen und Erkennen übersteigt, das Nicht-Schauen und Nicht-Erkennen selbst; denn dieses ist das wahre Schauen und Erkennen und der überwesentliche Lobpreis des Überwesentlichen durch Ausschaltung alles (endlichen) Seienden, ähnlich denen, die ein naturgewachsenes Götterbild bearbeiten und alles darum Gelagerte entfernen, was die reine Schau der verborgenen Gestalt hindert, und durch bloßes Entfernen die verborgene Schönheit, die ihm an sich eigen ist, an den Tag zu bringen.“ Wer solche Sätze schreibt, hat seine Formulierungen nicht bei Twitter trainiert, sondern sich den Herausforderungen des Nachdenkens gestellt und ins Gebet versenkt. In Dionysius' Gedankenwelt einzutauchen braucht Zeit, aber der Gewinn ist beträchtlich.

Dionysius Areopagita: Über alles Licht erhaben. Die Werke. Übersetzt von Edith Stein. Topos, Kevelaer, 2016,

236 Seiten, ISBN 978-3-8367-1009-1,

EUR 12, 95

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