Der Wahn vom betenden „Dritten Reich“

Thomas Marschler über den katholischen Theologen Karl Eschweiler. Von Harm Klueting
Foto: KNA | Papst Pius XI.
Foto: KNA | Papst Pius XI.

Dieser Mann könne „wohl nur pathologisch gewertet werden“, so notierte Thea Sternheim, Gemahlin des Dramatikers Carl Sternheim, 1935 in ihrem Tagebuch. Gemeint war der 1886 in Euskirchen geborene Karl Eschweiler, der – 1911 in Köln zum Priester geweiht, 1921 in Bonn zum Doktor der Theologie promoviert und 1922 habilitiert – von 1928 bis zu seinem Tod 1936 ordentlicher Professor der Dogmatik und Apologetik an der Staatlichen Akademie in Braunsberg in Ostpreußen war, der akademischen Bildungsstätte der Priester des Bistums Ermland. Ihm – seiner Theologie und seiner nationalsozialistischen Verirrung – hat Thomas Marschler, Professor für Dogmatik in Augsburg, eine Studie gewidmet, die Maßstäbe setzt.

Zeitkritische Diagnose verband ihn mit

katholischen

Intellektuellen

Mit seinem 1926 erschienenen Hauptwerk „Die zwei Wege der neueren Theologie. Georg Hermes – Matthias Joseph Scheeben. Eine kritische Untersuchung des Problems der theologischen Erkenntnis“ und mit anderen Arbeiten galt der Dogmenhistoriker als bedeutender Theologe, dessen Deutung des theologischen Denkens seit der katholischen Aufklärung anhand des Paradigmas „Natur und Gnade“ mit dem Ziel der Analyse der Lage der Theologie seiner Zeit und dessen scharfe, Ökonomisierung und Industrialisierung in den Blick nehmende Gegenwartskritik manche in ihm einen katholischen Karl Barth und in seiner Theologie eine katholische Variante der dialektischen Theologie sehen ließen. Die zeitkritische Diagnose verband ihn mit katholischen Intellektuellen wie dem Jesuiten Erich Przywara oder dem Juristen Carl Schmitt, mit dem der Bonner Privatdozent befreundet war. Wichtig für Eschweilers Sicht waren sein Verständnis der „Barockscholastik“ – der Begriff stammt von ihm – der Jesuitentheologen des 16. und 17. Jahrhunderts und des Molinismus – der auf den Jesuiten Luis de Molina zurückgehenden theologischen Gnadenlehre – als Ursprung der Neuzeit mit den von ihn perhorreszierten Negativmomenten und seine von ihm als thomistisch verstandene Gegenposition dazu.

„Das zentrale Problem der nachtridentinischen Theologie war die Frage, wie der Mensch den Glauben als übernatürliches, gnadenhaftes Geschenk Gottes so begreifen kann, dass damit seine eigene natürliche Freiheit nicht wie in den Systemen der Reformatoren in Frage gestellt oder gar verneint werden muss. Auf der Suche nach der Vereinbarkeit von Gnade und Freiheit vollzogen die Theologen nach Eschweiler den entscheidenden Schritt in Richtung Neuzeit. Die Denker des (Hoch-)Mittelalters, an erster Stelle Thomas von Aquin, wollten die Verknüpfung von Natur und Gnade leisten, die im Erfasstwerden des Seelengrundes durch die heiligmachende Gnade wurzelt und darum nicht in Konkurrenz zum natürlichen Wissen tritt.“

Eschweiler favorisierte eine Theologie, die die Trennung von Natur und Gnade nicht zuließ. Die Natur sei auf die Gnade hingeordnet, während die Gnade die für sich allein unvollkommene Natur vollende. Er suchte die Ablösung von dem „Hauptstrom der neuzeitlichen Theologie noch entschiedener als Scheeben zu vollziehen und damit die Abkehr vom Weg der falschen molinistischen Natur-Gnade-Scheidung zu vollenden“. Mit anderen Worten: „Mit dem ,Ende des Aufklärungsideals‘, das Eschweiler nach dem Ersten Weltkrieg diagnostiziert hatte, war seiner Wahrnehmung zufolge das ,reine Vernunftwesen‘ als Mythos und Aberglaube erwiesen worden und mit ihm die ,neutrale Wissenschaft‘.“

Von hieraus öffnet sich der Weg zu dem Eschweiler, der nach eigenen Aussagen bei der Abfassung eines Gutachtens für den Kölner Erzbischof Kardinal Schulte über die politische Lage und die Kirche im April 1933 zu dem Entschluss gekommen war, der NSdAP beizutreten. Als „Parteigenosse“ schrieb er dem Nationalsozialismus theologische Relevanz und heilsgeschichtliche Bedeutung zu. Der Theologe, der in der Braunsberger Hochschule in Parteiuniform auftrat, konnte schreiben: Dass „der Gekreuzigte für die Hakenkreuzler ist“, dass „man strenger und harter Nationalsozialist werden müsse, um wieder ehrlich beten zu lernen“, oder dass „die Arbeit im Gefolge Adolf Hitlers wirksamste Arbeit im Weinberg des Herrn ist“. Er verstieg sich zu dem Wort: „Das neue Reich will beten“. Ohne den rassistischen Antisemitismus zu übernehmen, fand er mit theologisch begründetem Antijudaismus Anschluss an die Diskriminierung der Juden. Besonders heftig wurden seine verbalen Ausfälle gegen politischen Katholizismus, römische Kurie, Jesuitenorden und gegen das Reichskonkordat von 1933, in dem er „einen direkten Angriff der internationalen Mischpoke auf das neue Reich“ sah: „Das grinsende Gesicht des Herrn ,Staatssekretärs‘ Seiner Heiligkeit lauert hinter jedem Artikel.“

In einem anonymen Gutachten zu dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933, das die eugenisch begründete Zwangssterilisation betroffener Personen erlaubte – die Enzyklika „Casti Connubii“ Papst Pius' XI. von 1930 hatte die Sterilisation verboten –, nahm Eschweiler – nach den von Marschler bestätigten Forschungsergebnissen von Hans Preuschoff und auch in den Augen der beteiligten Zeitgenossen war er der Verfasser – positiv dazu Stellung. Das führte 1934 zu seiner von der römischen Konzilskongregation ausgesprochenen Suspension vom Priesteramt, die aber keinen Verlust der Lehrbefugnis als Professor der Theologie nach sich zog. Bezüglich einer Lösung von der Suspension – 1935 erfolgte tatsächlich die Rekonziliation – ließ Eschweiler wissen: „Ich bin zu allem bereit. Nur eines könnte ich nicht, nämlich eine Bedingung unterschreiben, die es mir unmöglich machen würde, Adolf Hitler die Treuepflicht, die ich als Parteimitglied und als Staatsbeamter ihm mehrfach in freiem heiligem Eid geschworen habe, unbedingt zu halten.“ Eschweiler hoffte auf Unterstützung durch das Regime, die aber ausblieb.

Der Nationalsozialismus wurde für ihn so zu einer „mächtigen

Fremdprophetie“

Marschler sucht nach einer Erklärung und findet sie – neben Momenten der kollektiven und der individuellen Biografie – auf dem Feld der Theologie. Er sieht die Grundlage seines Bekenntnisses zum Nationalsozialismus in Eschweilers Umgang mit dem Natur-Gnade-Modell, das ihn „das Ineinander von ,Natur und Gnade‘ unmittelbar in der Differenziertheit von ,(nationalsozialistischer) Weltanschauung und Glaube‘ beziehungsweise ,Staat und Kirche‘ wiedererkennen ließ. Der Nationalsozialismus wurde für ihn so zu „einer mächtigen Fremdprophetie“, die durch „unverfälschte ,Naturhaftigkeit‘“ bewirken zu können schien, was die Kirche selbst in der Neuzeit seit langem nicht mehr durchzusetzen vermochte“, zum „Traum vom ,Reich‘, in dem sich politische und religiöse Ordnung nicht bloß in wechselnden konvergierenden Optionen begegnen, sondern das beide schon jetzt zu einer idealen Zwei-Einheit verbindet“, zu einem „Stück verzeitlichter Eschatologie“ – kurz zum Wahn vom betenden ,Dritten Reich‘“.

Thomas Marschler: Karl Eschweiler (1886–1936). Theologische Erkenntnislehre und nationalsozialistische Ideologie. (Quellen und Studien zur neueren Theologiegeschichte 9), Regensburg, Pustet 2011, 428 Seiten,

ISBN 978-3-7917-2320-4, EUR 44,–

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