Der unbekannte Papst

Vor fünfzig Jahren verstarb Johannes XXIII., ein Papst, den es zu entdecken gilt. Von Ulrich Nersinger
Foto: KNA | Der selige Johannes XXIII.
Foto: KNA | Der selige Johannes XXIII.

Vom „Papa buono“ als einem unbekannten Papst zu sprechen, scheint gewagt zu sein. Doch vieles von dem, was über Johannes XXIII., vormals Angelo Giuseppe Roncalli, zu Papier gebracht wurde, entspricht so ganz und gar nicht der Persönlichkeit und geschichtlichen Bedeutung des Mannes, der von 1958 bis 1963 auf dem Stuhl des heiligen Petrus saß. Schon vor einem halben Jahrhundert hatte man den Papst in ein Klischee gepresst, das seiner nicht gerecht wird. Wenige Monate vor seinem Tod am 3. Juni 1963 war dem Papst ein Büchlein überreicht worden, das mit einer Unzahl von Anekdoten sein Pontifikat beleuchtete. Als ihn kurze Zeit später einer seiner geistlichen Kammerherren fragte, ob es ihm denn gefallen habe, antwortete der Papst mit einem Lächeln: „Oh ja, aber es sind Geschichten, die ich von Benedikt XIV. und Pius IX. kenne.“ Volkstümliches Auftreten, das den beiden genannten Päpsten zugesprochen wurde, verband ihn mit diesen, aber er wollte weder sich noch seine Vorgänger darauf reduziert wissen.

Als Pius XII. nach einem Pontifikat von fast zwanzig Jahren verstarb, wünschten sich viele Kreise in der Ewigen Stadt einen Nachfolger, dem eine nicht solange Regierungszeit beschieden war. Wladimir d’Ormesson, der ehemalige Botschafter Frankreichs beim Heiligen Stuhl, schrieb damals, man verspüre in Rom das Bedürfnis nach einem kurzen Pontifikat, das von einer gefälligen und profillosen Persönlichkeit ausgefüllt werden solle. Der Thron Petri blieb dann in der Tat nur wenige Jahre von der Person besetzt, die am 28. Oktober von den Kardinälen gewählt wurde und den Namen „Johannes XXIII.“ annahm. Aber Profil zeigte der neue Pontifex vom ersten Augenblick an, und gefällig war er nur im Fokus oberflächlicher Betrachter. Eine kleine Episode – eine originäre Anekdote – zu Beginn des Pontifikates illustriert dies deutlich und überzeugend.

Damals war es noch üblich, dass jeder Kardinal von einem Angehörigen der Nobelgarde in das Konklave geleitet wurde. Der Offizier, der den Patriarchen von Venedig eskortierte, kannte den Weg, den er mit seinem Schutzbefohlenen nehmen musste. Angelo Roncalli war das Quartier des Kommandanten der adeligen Leibwache als Unterkunft zugeteilt worden. Dort angekommen nahm der Kardinal wahr, wie der Nobelgardist seine Blicke durch das Appartement seines Vorgesetzten streifen ließ. Verschmitzt bemerkte er: „Keine Sorge, ich werde alles an seinem Ort lassen und nichts mit nach Venedig nehmen!“ Der Gardist errötete und trat ab. Als Johannes XXIII. nach seiner Wahl die feierliche Huldigung der Kardinäle entgegennahm, stand der Offizier als Ehrenwache an seiner Seite. Ihm raunte der Papst nach der Zeremonie leise zu: „Sie sehen, mein Lieber, alles wird hier im Vatikan bleiben.“ Wacher Verstand und entschiedenes Auftreten paarten sich in dem neuen Papst mit großer Menschenfreundlichkeit. Als Kontrapunkt zu seinem unmittelbaren Vorgänger sah sich Johannes XXIII. nicht – zu sehr war er mit dem Wirken des Pacelli-Papstes in schwierigster Zeit vertraut und empfand große Hochachtung vor ihm. Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und eine Reihe von Erkrankungen hatten zwar den Reformbestrebungen Pius’ XII. Grenzen gesetzt, doch sie waren von diesem initiiert worden. So die grundlegende Erneuerung der Liturgie der Kar- und Osterwoche.

Die Enzykliken, Homelien und Ansprachen Pius’ XII. fanden in dem Konzil, das Johannes XXIII. in einem mutigen und notwendigen Schritt ausrief, die ihnen gebührende Achtung. Die bisher größte Kirchenversammlung der Geschichte sah der Papst nicht als eine Revolution an, sondern in der Tradition des katholischen Glaubens stehend. In seiner Eröffnungsansprache zeigte der Papst den 2 540 Konzilsvätern den Sinn und Zweck der Versammlung auf: die beinahe zweitausendjährige Lehre der Kirche dem Volk Gottes von heute zu erklären.

Wer das Denken und Handeln Johannes XXIII. verstehen möchte, muss durch das medial gefällige und durch Rührseligkeit projezierte Bild des gemütlichen, beleibten und großväterlichen Menschen hindurchblicken. Die acht Apostolischen Rundschreiben des Papstes geben Zeugnis von einem Pontifikat, durch das er „die unvergängliche Lebenskraft der Kirche“ vermitteln wollte. Als seine bekannteste Enzyklika gilt „Pacem in terris“, die er wenige Wochen vor seinem Tod verfasste. Den Wahlspruch Pius’ XII. aufgreifend („Opus Iustitiae Pax – Gerechtigkeit schafft Frieden“) belässt es der Papst nicht bei bloßen Ermahnugen, sondern er setzt seine Gedanken in ein beeindruckendes philosophisch-theologisches Konzept, das ein beständiges Ruhen der Waffen bewirken soll: „Der Friede muss ein leeres Wort bleiben, wenn er sich nicht in jenem Ordnungsgefüge entwickelt, das Wir voller Hoffnung in diesem Rundschreiben in Umrissen angedeutet haben: Wir meinen ein Ordnungsgefüge, das in der Wahrheit gegründet, nach den Richtlinien der Gerechtigkeit erbaut, von lebendiger Liebe erfüllt ist und sich schließlich in der Freiheit verwirklicht.“ Garant und Umsetzer dieses Postulats ist für den Papst der Friedensfürst ,per se‘, Jesus Christus, „denn er selbst ist ja der Friede“ (Eph 2, 14).

Die Enzykliken, die aus der Feder Johannes XXIII. stammen, wollten nicht beschriebenes Papier sein, als fromme Worte der persönlichen Erbauung dienen. Durch ihre Verlebendigung der Tradition waren und sind sie Programme, die nach Umsetzung rufen. Der Papst wusste, dass der Einsatz, den sie verlangen, vorgelebt werden musste. Als im Herbst 1962 die Welt während der Kubakrise am Rande der atomaren Vernichtung stand, handelte Johannes XXIII. als Pontifex Maximus, als „oberster Brückenbauer“. Er ließ den verfeindeten Parteien einen aufrüttelnden Friedensapell zukommen. Für Nikita Chruschtschow war die Botschaft des Papstes in dieser Zeit „der einzige Hoffnungsschimmer“. An dem Tag, an dem sich der sowjetische Staats- und Parteichef zum Einlenken bereit erklärt hatte, druckte die „Prawda“, das publizistische Sprachrohr Moskaus, die Worte Johannes XXIII. ab. „Was der Papst für den Frieden getan hat, wird in die Geschichte eingehen“, bekannte Chruschtschow.

Auch fünfzig Jahre nach dem Tod des Papstes ist es keine vertane Zeit, sich mit seiner Person, seinen Schriften und seinem Wirken zu beschäftigen. Das objektive Studium Johannes XXIII. erschließt dem Interessierten den Weg, den die katholische Kirche mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils beschritten hat, und entreißt einen bedeutenden Papst, der am 3. September 2000 in das Verzeichnis der Seligen aufgenommen wurde, der Verkitschung und der oberflächlichen, selbstgefälligen Betrachtung und Verwendung.

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