Der Tod des Diktators

1953 stirbt Stalin und der Kampf um sein Erbe beginnt – Die DT dokumentiert die Ereignisse. Von Carl-Heinz Pierk
Death mask of Soviet dictator Josef Stalin is exhibited inside Stalin's museum in his hometown of Gori
Foto: Reuters | Für die Einen ist er ein Verbrecher. Es gibt auch noch Anhänger, die in Stalin einen großen Staatsmann erkennen wollen. Sie besuchen etwa das Museum in seiner Heimatstadt, wo auch die Totenmaske ausgestellt wird.

T he Death of Stalin“, eine britisch-französische Koproduktion, macht aus dem Sterben des sowjetischen Diktators eine absurde Film-Komödie. Noch während der Diktator mit dem Tod ringt, bringen sich hinter den Kulissen seine Höflinge als mögliche Nachfolger in Stellung, darunter Nikita Chruschtschow, der Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU, Geheimdienstchef Lawrenti Berija, Stalins Stellvertreter Georgi Malenkow und Außenminister Wjatscheslaw Molotow. Schnell versinkt das Regime und die gesamte Sowjetunion in einem unüberschaubaren Chaos, Chruschtschow und Co. kämpfen um die Parteispitze und zusätzlich melden sich auch noch Stalins Kinder Swetlana und Wassili zu Wort. Ein Intrigantenstadl. Aber: Ist es erlaubt, über den Tod eines der grauenvollsten Massenmörder der Geschichte zu lachen, angesichts der Millionen Toten, die Stalins Herrschaft gekostet hat?

Nachfolger rüsten sich zumKampf

Als Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, in der Nacht vom 28. Februar auf den 1. März 1953 auf seiner Datscha Kunzewo, rund 15 Kilometer von Moskau entfernt, einen Schlaganfall erlitt, erfuhr die Welt lange nichts davon. Stalin hatte mit Chruschtschow, Malenkow, Bulganin und Berija bis vier Uhr morgens gegessen und getrunken. Die Gäste fuhren im Anschluss nach Hause. Weder die Leibwächter noch die engsten Mitarbeiter sind auf den Ernstfall vorbereitet, als der wachhabende Offizier meldet, er habe Stalin bewusstlos im Arbeitszimmer vorgefunden. Wann ihn der Schlag getroffen hatte, konnte niemand genau sagen, denn der Wache war es untersagt, Stalin zu stören.

Die vier inzwischen wieder herbeigeeilten Zech-Genossen ahnten wohl, dass es mit Stalin zu Ende ging. Doch niemand wollte sich bereits jetzt als Nachfolger in Stellung bringen. Noch atmete Stalin ja. Die nach einigem Zögern herbeigerufenen Ärzte diagnostizierten einen Schlaganfall und bemühten sich hektisch, Stalins Leben zu retten. „Da hob er plötzlich die linke Hand, die noch beweglich war, und wies mit ihr nach oben und drohte uns allen.“ So hat es Stalins Tochter Swetlana Allelujewa überliefert. Eine Szene wie aus einem Horrorfilm. Erst am 4. März veröffentlichte die staatliche Nachrichtenagentur Tass eine Mitteilung der Regierung über die Erkrankung Stalins: „Das ZK der KPdSU und der Ministerrat der UdSSR machen Mitteilung von dem Unglück, das unsere Partei und unser Volk getroffen hat – von einer schweren Erkrankung des Genossen Stalin.“ Demnach habe Stalin in der Nacht vom 1. auf den 2. März in seiner Moskauer Wohnung eine Hirnblutung erlitten und leide unter Herz- und Atmungsstörungen. Am 5. März 1953 stellten die Ärzte um 21.50 Uhr den Tod fest, der erst am nächsten Morgen offiziell bekannt gegeben wurde.

Und Nikita Chruschtschow war es schließlich, der beim Kampf um die Stalin-Nachfolge triumphierte. Der hoch gehandelte und gefürchtete einstige Geheimdienstchef Berija dagegen kam vor ein Erschießungskommando. Die Parteiführung hatte nach Stalins Tod Untersuchungen über das ganze Ausmaß der Verfolgung vornehmen lassen. Doch sollten die Ergebnisse zunächst geheim bleiben. Chruschtschow ergriff dann die Initiative und setzte in heftigen Diskussionen durch, sie auf dem am 14. Februar 1956 eröffneten 20. Parteitag bekannt zu geben: „Wir haben uns mit der jetzt und zukünftig für die Partei überaus wichtigen Frage zu befassen, wie der Kult mit der Person Stalins sich allmählich entfalten konnte, dieser Kult, der in einer ganz bestimmten, konkreten Phase zur Quelle einer Reihe außerordentlich ernster und schwerwiegender Verfälschungen der Parteigrundsätze, der innerparteilichen Demokratie und der revolutionären Gesetzlichkeit wurde.“ An vielen Beispielen schilderte Chruschtschow, wie prominente Parteikader im Auftrage Stalins umgebracht worden waren. Damit ließ er den „Unsterblichen“ endgültig sterben. Dazu diente auch sein Beschluss, den einbalsamierten Stalin von Lenins Seite im Mausoleum zu entfernen.

Neue Welle der Verehrung

Heute erlebt Russland eine neue Welle der Verehrung für Stalin, vor allem wegen seiner Rolle als Sieger im Zweiten Weltkrieg. Stalin Superstar. In die Geschichte ging der Diktator aber vor allem auch ein mit Zwangsumsiedlungen, Gulags und Millionen Terroropfer. Eine offene Debatte über die Verbrechen wird eher gemieden.

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