Der Streitfall um Schrift und Tradition

Mit seiner These der „materiellen Schriftsuffizienz“ versuchte Josef Geiselmann, auf katholische Art evangelisch zu denken. Von Urs Buhlmann

Tübinger Theologie enthielt wohl auch früher schon Sprengstoff: Mitte der 1950er Jahre legte der Tübinger Dogmatiker Josef Rupert Geiselmann (1890–1970) seine These von der „materiellen Schriftsuffizienz“ vor, behauptete also, dass die Heilige Schrift in Fragen der Glaubens- und Sittenlehre keiner inhaltlichen Ergänzung durch die Tradition der Kirche bedürfe. Das war eine Kampfansage an die herrschende „Zwei-Quellen-Theorie“, der zufolge Bibel und Tradition die zwei Materialquellen der göttlichen Offenbarung seien. Die evangelische Seite hatte den Geiselmannschen Ansatz freilich schon immer vertreten und unter den Obertitel „sola scriptura“ gestellt. Geiselmann löste damals, so sein Schüler Walter Kasper, „die wohl bedeutendste theologische Kontroverse der Nachkriegszeit“ aus. In seiner glänzenden, von Barbara Hallensleben betreuten Dissertation hat Daniel Eichhorn, Priester der Petrusbruderschaft, die These des Tübingers, die vor und während des Konzils heftig diskutiert wurde, unter die Lupe genommen.

In seiner klar und stringent aufgebauten Arbeit stellt Eichhorn zunächst als „weltanschauliche Grundlage“ für den Vorstoß des Tübinger Professors dessen Beeinflussung durch die Existenzialtheologie Rudolf Bultmanns heraus. Zwar setzt sich Geiselmann von dem Marburger Gelehrten und dessen Versuch, Bibel und Glaube, weg vom antiken Weltbild, für Menschen der heutigen technischen Zivilisation durch eine existenzialistische Deutung und radikale Entmythologisierung verstehbar zu machen, ab. Das bedeutete einen Verzicht auf alle Wunder Jesu oder überhaupt auf ein „übernatürliches“ Eingreifen Gottes in dieser Welt. Auch von den in der Schrift überlieferten Worten Jesu ließ Bultmann so gut wie nichts übrig. „Scharf kritisiert Geiselmann Bultmanns Mangel an Interesse für die erfolgte Heilsgeschichte und dessen Abwendung von der Bibel. In ausdrücklicher Reaktion auf Bultmann wendet er sich der Heilsgeschichte und der Bibel zu, und folglich stärkt seine These der Schriftsuffizienz die Bibel.“ Er zeigt sich als frommer Theologe und rechnet ausdrücklich mit dem Wirken Gottes in der Geschichte, wie es die Bibel lehrt.

Man tut Geiselmann also Unrecht, wenn man ihn als ungeduldigen Neuerer, wie der von ihm maßgeblich beeinflusste Hans Küng, einstuft. Der aus Neu-Ulm stammende Sohn eines kleinen Beamten war eher ein schwäbischer Sturkopf, der aus großer Kenntnis der theologischen Quellen heraus argumentierte und dabei unverrückbar am einmal Erkannten festhielt. Er hatte, anders etwa als der große evangelische Exeget Edmund Schlink, kein Problem mit der 1950 durch Papst Pius XII. erfolgten Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, die geradezu als Lehrbuchbeispiel für das Zueinander von Schrift und Tradition dienen kann. Denn die explizite biblische Grundlage dafür ist mager und die Bezugnahmen aus der Tradition stammen erst frühestens aus dem fünften Jahrhundert. Doch für den Tübinger war die assumptio „Offenbarungswahrheit“ beziehungsweise „Glaubenswahrheit“ und gehörte zu dem der Kirche anvertrauten Glaubensgut, wie auch die vom Papst bei den Bischöfen vor dem Akt durchgeführte Umfrage gezeigt habe. Im Übrigen: „Nach mehr als dreißigjähriger Forschung auf dem Gebiete der Dogmenforschung wüsste ich kein einziges Dogma anzugeben, das bei seiner Dogmatisierung nach menschlichen Maßstäben gemessen ,opportun‘ war. Sie waren alle für viele, oft für sehr viele höchst inopportun, und sie haben sich alle aus späterer Sicht gesehen als höchst opportun erwiesen.“ So spricht kein Revoluzzer, es stellt sich also noch einmal verstärkt die Frage, warum Geiselmann mit der These von der materiellen Schriftsuffizienz etwas vorgelegt hat, was sich nicht durchgesetzt hat und auch nicht vom Zweiten Vatikanum, wie der Urheber hoffte, angenommen wurde.

Geiselmanns geistige Wurzeln lagen, wie Daniel Eichhorn zeigen kann, in der intellektualistisch geprägten Theologie des Ersten Vatikanums und seiner Dogmatischen Konstitution Dei Filius, die so manche Theologen zu sogenannten „Modernisten“ werden ließ, weil sie dagegen aufbegehrten, dass man Gott quasi wie auf dem Reißbrett auseinandernehmen und „beweisen“ könne. Das Zweite Vatikanum suchte nach neuen Wegen und hielt in seiner Offenbarungs-Konstitution Dei Verbum fest, dass die Kirche ihr Wissen über das Geoffenbarte nicht allein aus der Heiligen Schrift schöpfe, ohne aber dieses „Mehr“ im Einzelnen zu bestimmen. Die Konzilsväter des 20. Jahrhunderts ließen durchaus ihren Willen erkennen, die Zwei-Quellen-Theorie nicht mehr als einzig verbindlich zu betrachten – anders als der streitbare Aachener Theologe Heribert Schauf, der in der Auseinandersetzung mit Geiselmann so weit ging, die Zwei-Quellen-Theorie als bindende Lehre der Kirche zu deuten. Sie legten den Schwerpunkt aber nicht auf die Vermittlung der Offenbarung (eine oder zwei Quellen hin oder her) sondern setzten beim Wort Gottes, beim Offenbarungsereignis selbst an. Es ging ihnen, so Eichhorn, um ein dynamischeres Verständnis der loci theologici – womit die herkömmlichen Bahnen der Zwei-Quellen-Theorie verlassen wurden, ohne den Raum der Geiselmannschen Konzeption zu betreten. Das Zweite Vatikanum legt sich nicht fest, wie es die Begriffe „Offenbarung“ und „Tradition“ im Kontext von Bibel, Exegese, Kirche und Lehramt geklärt sehen will. Eichhorn: „Ein eigentliches sola scriptura kann weder Geiselmann noch dem II. Vatikanischen Konzil zugeschrieben werden: Für Geiselmann gilt die Schriftsuffizienz ausschließlich in materialer Hinsicht, die formale Eindeutigkeit der Selbstauslegung der Schrift in protestantischer Perspektive weist er ausdrücklich zurück.“ Also blieb alles auf halbem Wege stecken? Eichhorn: „Laut Walter Kasper wollte Geiselmann der Unverfügbarkeit des Wortes Gottes und dessen kritischer Funktion gegenüber Tradition, Kirche und Theologie dienen. Die theologische Durchführung zeigt jedoch Grenzen und Mängel durch bleibende Abhängigkeiten von den Positionen, die Geiselmann abwehren will.“ Der Autor bezieht das im Einzelnen auf den Offenbarungsbegriff, des Professors Sicht auf Exegese als vorwiegend rückwärts gewandte, „historische Aufgabe“, die von ihm vorgenommene starke Abgrenzung der heiligen Geschichte von der übrigen Geschichte und seine Annahme, dass Tradition nichts weiter sei als ein die Bibel deutender „Annex zur Schrift“. Gegen alles lassen sich wohlbegründete Gegenargumente finden. Man kann dieser mustergültig geratenen Dissertation entnehmen, dass Geiselmanns Versuch, gleichsam auf katholische Weise evangelisch zu denken, gescheitert ist und scheitern musste. Daniel Eichhorn gesteht ihr aber zu, die Diskussion um die Frage, wie Gott sich uns zuwendet und zu erkennen gibt, entscheidend vorangebracht zu haben, was in der revidierten Geschichtstheologie des Zweiten Vatikanums – in Dei Verbum – sich dann Bahn gebrochen habe.

Daniel Eichhorn: Katholisches Schriftprinzip? Josef Rupert Geiselmanns These der materiellen Schriftsuffizienz. Studia Oecumenica Friburgensia Bd. 63, Aschendorff Verlag, Münster 2016,

289 Seiten, ISBN 978-3-402-11999-0,

EUR 45,–

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