Der Schreiber der Seherin

Clemens Brentano und die selige Anna Katharina Emmerick: Günter Scholz über das Leben des Dichters. Von Harm Klueting

„Es sollte eigentlich nur ein kurzer Besuch werden“, so schreibt Günter Scholz über Clemens Brentano, der 1819 in Berlin im Umkreis der evangelischen Pfarrerstochter Luise Hensel, der Dichterin des Abendgebetes „Müde bin ich geh zur Ruh“, von der ehemaligen Nonne des 1811 säkularisierten Augustinerinnenklosters Agnetenberg in Dülmen im Münsterland, der 2004 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochenen Anna Katharina Emmerick, gehört hatte. Aber es wurden fünf Jahre. Bis zu ihrem Tod im Februar 1824 blieb Brentano bei der stigmatisierten Visionärin.

Scholz – Verfasser des seit 2010 in fünfter Auflage vorliegenden Buches „Anna Katharina Emmerick. Kötterstochter und Mystikerin“ – zeichnet das Leben des 1778 als Sohn einer wohlhabenden Familie in Frankfurt am Main – der aus Oberitalien stammende und in zweiter Ehe mit Maximiliane von La Roche, der Mutter von Clemens Brentano, verheiratete Vater war Inhaber des größten Frankfurter Handelshauses – geborenen Dichters der Romantik nach, der bis zu seiner Begegnung mit Anna Katharina Emmerick seine Tage als Lebemann verbrachte. Seine problematische Beziehung zu Frauen – zwei für die Frauen unglückliche Ehen, eine durch den Tod der Frau im Kindbett, eine durch Scheidung beendet, viele Liebschaften und zwischendurch Beziehungen zu Prostituierten – erklärt Scholz mit dem Verlust der früh verstorbenen Mutter.

Sein poetisches Werk – die gemeinsam mit Achim von Arnim zusammengetragene, zwischen 1806 und 1808 in drei Bänden veröffentlichte Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“, seine Formung des einfachen Volksliedes zum Kunstlied und die große Leistung, „einen der deutschen Sprache abgelauschten Sprachklang in dem ,Volksliedton‘ zu finden und als Form der Lyrik zu kreieren“, sein in seinem Roman „Godwi“ enthaltenes Loreley-Gedicht „Zu Bacharach am Rheine/ Wohnt eine Zauberin/ Die war so schön und feine/ Und riss viel Herzen hin“ – würdigt er. Sein dichterisches Genie stellt er – unter anderem durch die Untersuchung der Versmaße des „Abendständchens“: „Hör, es klagt die Flöte wieder,/ Und die kühlen Brunnen rauschen./ Golden wehn die Töne nieder,/ Stille, stille, lass uns lauschen“ – eindrucksvoll heraus.

Deutlich wird aber auch der Wendepunkt in diesem Leben mit der nach vielen Enttäuschungen und Zusammenbrüchen „ins Religiöse gesteigerten Liebenssehnsucht“, die Brentano schreiben lässt: „Da die Zeit mir den Glauben genommen hatte, so konnte sie mir doch nie das Bedürfnis dazu nehmen. Meine Liebe, meine Hinneigung zu anderen waren die Sakramente, von welchen ich allen himmlischen Trost begehrte, und so musste freilich meine Hoffnung oft niederbrechen“. Scholz sieht darin durch Brentano „das tiefe Erschrecken vieler Menschen im 19. Jahrhundert formuliert: das Erschrecken vor dem durch die Säkularisation leergeräumten Himmel“.

Die Begegnung mit der Seherin von Dülmen lässt den nach Liebe Hungernden eine Frau ganz anderer Art entdecken als all die Frauen vorher, eine Frau fern aller erotischen Ausstrahlung, einfach und ungebildet, aber eine Heilige: „Der bisher Heimatlose fühlte sich aufgenommen in eine ihn einbindende Gemeinschaft, in die katholische Kirche, in die er sich als ,Pilger‘ einreihte, die sich in der täglichen Messfeier und dem Empfang der Eucharistie immer wieder neu als eine von Christus inspirierte Gemeinschaft, als Leib Christi konstituiert. Seine Sehnsucht nach einem ihn ausfüllenden Beruf fand er in der Rolle als ,Schreiber‘ der ,Visionen‘ der Anna Katharina Emmerick erfüllt“, und zwar so sehr, dass er seinen Namen auf dem Titelblatt der Emmerick-Schriften verschwieg und als Autorin nur „Anna Katharina Emmerick, die Nonne aus Dülmen“ nannte.

Zwischen 1819 und 1824 saß Brentano täglich am Bett der Kranken und zeichnete ihre Visionen auf. Daraus entstand das 1833, neun Jahre nach dem Tod der Seherin, veröffentlichte Werk „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christus nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Augustinerin des Klosters Agnetenberg zu Dülmen“ mit Brentanos einleitendem „Lebensumriss der Anna Katharina Emmerich“ – ein „Leben Jesu“ mit vielen Geschichten, die in den kanonischen Evangelien nicht enthalten sind. Nach seinem Tod – Brentano starb 1842 – folgten aus seinem Nachlass drei weitere Bände des Werkes „Das arme Leben unseres Herrn Jesu Christi nach den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich“.

Eine Frucht der Schreiber-Tätigkeit Brentanos am Krankenbett der Emmerick war auch „Das Leben der heiligen Jungfrau Maria“, das zu Lebzeiten Brentanos zur Hälfte und nach seinem Tod 1852 von seinem Bruder Christian vollständig veröffentlicht wurde – ein Marienleben, in dem nach den Visionen der Seherin viele im Neuen Testament nicht erwähnte Details aus dem Leben der Jungfrau und Gottesmutter mitgeteilt werden. Dazu gehört die Geschichte von dem Sterbehaus Mariens in dem antiken Ephesos im Westen der heutigen Türkei, wo Lazaristen aus Smyrna 1891 die Ruine eines Hauses fanden, das der Beschreibung in den Emmerick-Visionen entsprach. Nachdem Papst Leo XIII. das Haus 1896 zum Wallfahrtsort erklärt hatte, wurde das Marienhaus ein populäres Pilgerziel, das seitdem auch drei Päpste aufgesucht haben: Paul VI. 1967, Johannes Paul II. 1979 und Benedikt XVI. 2006. Dazu Scholz: „Sie lassen sich nicht dadurch stören, dass schon länger in Jerusalem das Grab mit dem Sarkophag Mariens verehrt wird. Mit Sicherheit handelt es sich bei dem gefundenen Raum nicht um das wahre Sterbehaus Mariens, mit großer Wahrscheinlichkeit ist auch nicht einmal die Beschreibung des Ortes von Anna Katharina Emmerick. Es ist wohl eine Erfindung Brentanos“, wie Scholz mit Verweis auf Werner Vortriedes Aufsatz „Clemens Brentanos Anteil an der Kultstätte in Ephesus“ in der „Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte“ von 1960 anmerkt. Was auch immer richtig sein mag: Das Buch ist eine lohnende Lektüre.

Günter Scholz: Clemens Brentano 1778–1842. Poesie – Liebe – Glaube. Aschendorff Verlag, Münster 2012,

144 Seiten, ISBN 978-3-402-12950-0,

EUR 14,80

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