Der Papst in Hochform

Benedikt besucht das Geburtshaus des China-Missionars Josef Freinademetz – „Ein höchst aktueller Heiliger“ – Tausende bereiten ihm einen begeisterten Empfang

Oies (DT) Oies, der Geburtsort des heiligen Josef Freinademetz, in den Südtiroler Dolomiten gelegen, erwartete am Dienstag eine Kurzvisite des Heiligen Vaters. Papst Benedikt entschied sich dafür, den Besuch an dem bekannten Südtiroler Pilgerort öffentlich zu machen. Aus der erwarteten Kurzvisite wurde ein richtiger Papstbesuch. Der Papst hielt sich zwei Stunden in dem kleinen Bergdorf auf 1 500 Meter Seehöhe auf. Gegen 17 Uhr landete er mit einem Militärhubschrauber.

Auf dem Weg zum Geburtshaus des Heiligen nahm er sich viel Zeit, um mit den Gläubigen zu sprechen. Die etwa 4 000 Pilger waren sichtlich bewegt, einen so gutgelaunten und herzlichen Papst zum Anfassen zu erleben. Papst Benedikt segnete und küsste Kinder und unterhielt sich mit den vorwiegend ladinischen Einwohnern des Gadertals. Pater Peter Irsara, der geistliche Betreuer des Pilgerheiligtums, begrüßte den Papst und führte ihn ins Geburtshaus des Heiligen, das heute als Museum dient. Josef Freinademetz, der am 15. April 1852 in Oies geboren wurde, war ein bedeutender Chinamissionar. Er schloss sich 1879 den Steyler Missionaren an. Josef Freinademetz und Johann Baptist Anzer waren die ersten Chinamissionare der 1875 in Steyl gegründeten Ordensgemeinschaft. Freinademetz landete in Hongkong und wirkte später in der chinesischen Provinz Süd-Shantung.

Als er 1879 von der italienischen Hafenstadt Ancona mit dem Schiff nach Hongkong aufbrach, wusste er noch nicht, dass er seine geliebte Südtiroler Heimat nicht mehr wiedersehen würde. Sein Wirken war anfangs von großen Schwierigkeiten begleitet. Schließlich eroberte er die Herzen der Chinesen und wurde, wie er selber sagte, den „Chinesen ein Chinese“. Papst Benedikt erinnerte beim Besuch der kleinen Pilgerkirche an die Worte des Missionars, der am 5. Oktober 2003 von Papst Johannes Paul II., zusammen mit seinem Ordensgründer Pater Arnold Janssen heiliggesprochen wurde: „Der heilige Joseph Freinademetz wollte nicht nur als Chinese leben und sterben, sondern auch im Himmel Chinese bleiben. So identifizierte er sich mit diesem Volk, in der Gewissheit, dass dieses sich für den Glauben an Jesus Christus öffnen würde.“

Glaube ist keine Entfremdung

Der Papst bezeichnete in seiner kurzen Ansprache Pater Freinademetz als einen höchst aktuellen Heiligen. Er sprach davon, dass China heute politisch, wirtschaftlich und auch im weltanschaulichen Bereich immer wichtiger werde: „Es ist notwendig, dass dieses große Land sich dem Evangelium öffnet. Josef Freinademetz zeigt uns, dass der Glaube für keine Kultur und kein Volk eine Entfremdung darstellt, weil alle Kulturen Christus erwarten und vom Herrn nicht zerstört werden: Im Gegenteil, sie erreichen ihre Reife.“ Der Papst schloss mit der Bitte, dass dieser große Heilige uns allen Mut mache, in unserer Zeit den Glauben erneut zu leben und Christus entgegenzugehen, denn Er allein könne die Völker und Kulturen einen. Im Geburtsort des berühmten Chinamissionars sprach Benedikt XVI. auch ein kurzes Gebet für China. Nach dem Anschlag in der nordwestchinesischen Stadt Kaschgar betete er für einen friedlichen Verlauf der Olympischen Spiele in Peking. Bereits beim sonntäglichen Angelusgebet in Brixen drückte der Papst seine Hoffnung darüber aus, dass die Olympischen Spiele zu einem guten Beispiel für das Zusammenleben von Menschen verschiedenster Herkunft im Respekt ihrer gemeinsamen Würde werden mögen.

Der Postulator im Heiligsprechungsprozess von Josef Freinademetz, Pater Giancarlo Girardo, begrüßte den Heiligen Vater in der Kirche, die dem Heiligen geweiht ist. Pater Peter Irsara überreichte dem Papst eine kleine Marienstatue. Vor Verlassen der Kirche bedankte sich Papst Benedikt noch beim Kirchenchor, der ihn mit dem ladinischen Freinademetz-Lied begrüßt hatte. Die Ladiner stellen die älteste Volksgruppe Südtirols dar und leben vorwiegend in den Berggebieten der Dolomiten. Als kleine Volksgruppe empfinden sie es als besondere Auszeichnung, mit Pater Freinademetz der Weltkirche einen Heiligen geschenkt zu haben. Nach dem Auszug aus der Kirche bot sich dem Papst ein buntes Bild: Musikkapellen und Trachtengruppen aus dem Gadertal standen dem Oberhaupt der katholischen Kirche Spalier. Immer wieder hörte man die bekannten „Benedetto-Rufe“.

Als Papst Benedikt mit einem Fahrzeug des Vatikans zum Hubschrauberanlegeplatz gebracht wurde, stoppte man den Wagen, weil Pilger dem Papst einen Korb mit Pilzen übergeben wollten. Nach zwei Stunden Aufenthalt in den Dolomiten bestieg der Papst wieder den Hubschrauber des italienischen Militärs, der ihn sicher in die Bischofsstadt Brixen brachte. An der Begegnung in Oies nahm neben dem Sekretär des Papstes, Prälat Georg Gänswein, auch Georg Ratzinger teil. Am Mittwochvormittag lud Papst Benedikt die Priester, Diakone und Seminaristen der Diözesen Bozen-Brixen zu einer Fragestunde in den Dom zu Brixen. Eine solche Begegnung gehörte schon bisher zum Urlaubsprogramm des Papstes.

Dieses Treffen hatte rein privaten Charakter, sodass weder die Fragen der Priester noch die Antworten des Papstes an die zahlreich erschienenen Medienvertreter weitergegeben wurden. Die akkreditierten Journalisten durften nur am Gebetsteil mit dem Papst teilnehmen; als die Fragestunde begann, mussten sie den Dom wieder verlassen. Der Pressesprecher des Papstes, Pater Federico Lombardi, fasste bei der anschließenden Pressekonferenz einige Fragen der Priester an den Papst zusammen. Die Fragen reichten vom Priestermangel über die Schöpfungsverantwortung der Christen bis hin zum Sinn des menschlichen Leidens. Ein Seminarist wollte wissen, wie er das „Wirken des Heiligen Geistes“ von Sydney in den Alltag mitnehmen könne. Der Papst riet, den Tag einzuteilen und dabei Gebetszeiten einzuplanen, „um auf den Geist zu hören“. Er empfahl auch das regelmäßige Lesen des Wortes Gottes und die Feier der Eucharistie. Einer der Teilnehmer des Treffens, Dekan Ignaz Steinwender, Pfarrer von Zell am Ziller, sagte im Gespräch mit dieser Zeitung, dass er das Treffen geistlich und sehr herzlich erlebte: „Der Heilige Vater, so hatte ich den Eindruck, wirkte in sich ruhend und sehr geistlich, wobei sein intellektuelles Niveau beeindruckte.“ Dekan Steinwender sprach auch davon, dass die Fragen der Priester teilweise auch alte Ladenhüter oder längst geklärte Randthemen enthielten, die der Papst souverän, aus einer geistlichen Tiefe heraus behandelte.

„Eviva el Papa“

Die Begegnung des Heiligen Vaters mit den Priestern dauerte fast eineinhalb Stunden. Anschließend empfing der Papst noch eine kleine Gruppe von ausgewählten Gläubigen und Mitarbeitern des Priesterseminars vor dem Brixener Seminar. Eine Gruppe Spanier sorgte derweil für eine gute Akustik. Immer wieder riefen sie dem Papst „Eviva el papa“ zu. Papst Benedikt scheint die Tage in Brixen zu genießen.

Die zahlreichen Gläubigen rund um den Brixener Dom durften jedenfalls einen strahlenden und erholten Papst erleben, der seit vielen Jahrzehnten eine große Zuneigung zu Südtirol verspürt. Viele Jahre hat er gemeinsam mit seinem Bruder Georg und seiner Schwester Maria seinen Sommerurlaub in Brixen verbracht. Diözesanbischof Wilhelm Egger sprach während des Papsturlaubs davon, dass die Tage mit Papst Benedikt auch für die Gläubigen der Diözese Bozen-Brixen ein besonderes geistliches Ereignis darstellen. Benedikt XVI. wird nach dem sonntäglichen Angelusgebet noch einen weiteren Tag in Südtirol verbringen. Am Montagnachmittag wird er nach einer kurzen Verabschiedungsfeier Südtirol verlassen, und an seinen Sommersitz Castelgandolfo zurückkehren.

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