Der Papst als Anwalt der Einheit

„Amoris laetitia“ verkündet keine neue Lehre und legt den Priestern mehr Ehevorbereitung und eine intensive Ehepastoral ans Herz. Von Andreas Wollbold
Papst Franziskus: Sein jüngstes Schreiben hat es in sich.
Foto: dpa | Papst Franziskus hat den theologischen Fakultäten reichlich Stoff für wissenschaftliche Arbeiten geliefert: Sein jüngstes Schreiben hat es in sich.

Die Grausamkeiten zuerst, lautet eine Faustregel. Ja, ein bisschen brutal ist es schon, was die Öffentlichkeit von „Amoris laetitia“ erwartet: ein päpstliches Machtwort, ein „Roma locuta, causa finita“ bei den heiß diskutierten Themen der letzten Jahre. Brutal ist es, das 325 Nummern umfassende, in der warmen Sprache eines Hirten verfasste nachsynodale Schreiben auf ein halbes Dutzend heiße Punkte zusammenzuschmelzen. Aber es muss sein, bedenkt man, welche Erwartungen seit der Ankündigung der Synode 2014 geweckt wurden – auch in kirchlichen Kreisen und sogar im direkten Umfeld des Papstes. In Erinnerung ist auch sein unmissverständliches Pochen auf die „suprema potestas“, die höchste Amtsgewalt des Papstes, am Ende der Synode 2015. Was also sagt Papst Franziskus zur Homo-Ehe, zur wilden Ehe, zur zweiten Ehe und wie die Lieblingsthemen alle heißen? Erweist sich Franziskus als Revolutionär im Vatikan, als liberaler Reformer, oder ist er konservativ „zurückgekrebst“? Die Antwort ist schlicht und ergreifend: Franziskus ist Papst, der Anwalt der Einheit, und als solcher hat er sich auch erwiesen.

Vor allem die Einheit der Lehre. Gibt es neue Normen, vielleicht sogar einen Bruch in der Lehre? Ein schlichtes Nein. Franziskus verwahrt sich ausdrücklich dagegen und erinnert, „dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte“ (300). Gewiss, vor Beginn der Synode 2014 hatte man den Eindruck, das Apostolische Schreiben „Familiaris consortio“ von Johannes Paul II. (1981) sei Schnee von gestern und seine „Theologie des Leibes“ tauge nur noch für theologiegeschichtliche Oberseminare. Jetzt schreibe die Kirche ihre Sexuallehre neu. Weit gefehlt! 26 Mal erwähnt Franziskus das Schreiben und macht sich Kernaussagen zu eigen. Ebenso sind die berühmten Mittwochskatechesen des polnischen Papstes zentrale Inspiration für seine Aussagen zu Liebe, Leiblichkeit und Fruchtbarkeit (155f.). Zudem erinnert er daran, dass Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe nicht zur Diskussion stehen. Hier und da wünscht man sich ein ausdrücklicheres Eintreten für diese Überzeugung. Doch dies legt nur die Aussageabsicht umso klarer frei: die Ermutigung zur unermüdlichen Seelsorge selbst in den scheinbar schwierigsten Situationen.

Völlig legitim und traditionelle Lehre ist es dabei, den Blick auf die „praktische Unterscheidung angesichts einer Sondersituation“ zu lenken, die aber „nicht in den Rang einer Norm erhoben werden kann“ (304). Sprich: Normen werden nicht relativiert oder gar umgewertet, wohl aber ist es Aufgabe kluger, kirchlicher Seelsorge, die Normanwendung genau zu prüfen. Hier wird noch eine Menge Arbeit auf die Theologenausbildung zukommen, damit angehende Seelsorger zu dieser Prüfung auch wirklich befähigt sind.

Einheit aber auch des Bischofskollegiums. Streckenweise wirkt „Amoris laetitia“ wie eine Relecture der beiden Familiensynoden. 32 Mal führt das Schreiben die Synode von 2014 an, 53 Mal die von 2015. Franziskus hat auf die mutigen, ja prophetischen Stimmen bei den Synoden und in deren Umfeld gehört: „Ich danke für viele Beiträge, die mir geholfen haben, die Probleme der Familien der Welt in ihrem ganzen Umfang zu betrachten“ (4). Respektvoll, anerkennend und demütig macht er sich zum Sprachrohr des Weltepiskopates, ohne seine eigene Stimme unkenntlich zu machen. (Nebenbei vollbringt er damit das Werk der Barmherzigkeit, wenigstens drei zukünftigen Doktoranden Stoff für Arbeiten unter dem Titel „Der Papst und die Synoden“ geliefert zu haben!) Kollegialität ist für ihn kein bloßes Schlagwort. Für eine so robuste Autorität wie den Menschen Jorge Mario Bergoglio brauchte es dafür sicher einen Lernweg. Er ist ihn gegangen, zum Wohl der Kirche und der Menschen.

Und nun konkret: Was sagt Franziskus zur Familienplanung? Da ist der geradezu entwaffnende Satz: „Die kinderreichen Familien sind eine Freude für die Kirche“ (167). Eher en passant, aber unmissverständlich erinnert er an „Humanae vitae“ und ermutigt „zur Anwendung der Methoden, die auf den ,natürlichen Zeiten der Fruchtbarkeit‘ (Humanae vitae, 11) beruhen“ (222, vgl. 80). Ein wenig mehr dazu hätte man sich vom Fünften Kapitel („Die Liebe, die fruchtbar wird“) erwarten dürfen, trotz mancher schöner Passagen, etwa wenn es tröstliche Worte für ungewollt kinderlose Paare findet.

Wie die beiden Synoden weist „Amoris laetitia“ vor- und außereheliches Zusammenleben klar auf die Ehe als Ziel hin, will zugleich aber wertschätzend auf solche Paare zugehen. Dieser Weg liegt Papst Franziskus, und gerne greift er auf die Unterscheidung zurück: Gesetz der Gradualität ja, aber keine Gradualität des Gesetzes. Wichtig ist, dass er dies auch jeder Seelsorge als unerlässlichen Maßstab vorschreibt: „Da es im Gesetz selbst keine Gradualität gibt (vgl. Familiaris consortio, 34), wird diese Unterscheidung niemals von den Erfordernissen der Wahrheit und der Liebe des Evangeliums, die die Kirche vorlegt, absehen können“ (300). Überraschend deutlich warnt er sogar vor einer solchen Verwechslung, „um die schwerwiegende Gefahr falscher Auskunft zu vermeiden wie die Vorstellung, dass jeder Priester schnell ,Ausnahmen‘ gewähren kann“ (300). Ohne Erläuterung missverständlich erscheint dann aber die Behauptung: „Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ,irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben“ (301). Denn dies setzt voraus, dass solche Paare ernsthaft eine Ordnung ihrer Beziehung im Sinn eines enthaltsamen Miteinanders anstreben. Dass jemand „sich in einer konkreten Lage befinden [kann], die ihm nicht erlaubt, anders zu handeln und andere Entscheidungen zu treffen, ohne eine neue Schuld auf sich zu laden“ (301), schließt doch ein, alles Mögliche zu tun, um den Geboten treu zu sein. Mehrfach wird für die Berücksichtigung „mildernder Umstände“ auch Thomas von Aquin angeführt, aber leider gegen dessen eigene Intention. Eine solche Steinbruch-Scholastik ist bedauerlich, aber leider inzwischen auch in einigen moraltheologischen Handbüchern anzutreffen.

Und die homosexuellen Verbindungen? Franziskus hat sicher gut daran getan, das Thema weitgehend aus seinen Überlegungen zur Familie herauszuhalten (250f.). Selbstverständlich ist er aber gegen eine Gleichstellung dieser Verbindungen mit der Ehe: „Die eheähnlichen Gemeinschaften oder die Partnerschaften zwischen Personen gleichen Geschlechts, zum Beispiel, können nicht einfach mit der Ehe gleichgestellt werden“ (52). Stattdessen ermutigt er zur Begleitung, damit die Betroffenen „Hilfen bekommen können, um den Willen Gottes in ihrem Leben zu begreifen und ganz zu erfüllen“ (250).

Schließlich die zweite Ehe nach Scheidung, zwischenzeitlich das Thema der Diskussion. Ausführlich geht „Amoris laetitia“ im achten Kapitel darauf ein. Die Leitperspektive ist die Inklusion: „Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern“. Niemand soll sich aus der Kirche ausgeschlossen fühlen: „Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums!“ (297). Die konkreten Möglichkeiten des Mittuns werden ausgelotet. Gleichzeitig hält der Papst eindeutig und ohne Wenn und Aber an der Unauflöslichkeit der Ehe fest. Für die in einer neuen Beziehung Lebenden setzt er auf viererlei: die Unterscheidung zwischen der objektiven Ungeordnetheit der Lebensweise und der Frage subjektiver Schuld angesichts der etwas unglücklich so genannten „mildernden Umstände“, das verantwortliche Gewissen, die kluge und mitfühlende seelsorgliche Begleitung und der Wille zum schrittweisen Wachstum in der Liebe inmitten der schwierigen Situationen. All das kann vollkommen im Rahmen der traditionellen Lehre verstanden werden. Es ist aber doch streckenweise sehr unscharf formuliert. Leider fehlt der ausdrückliche Verweis auf die Enthaltsamkeit als Weg, auch in zweiter Ehe dem Willen Gottes zu entsprechen. Wohlgemerkt, der Papst bejaht die Lehre seiner Vorgänger uneingeschränkt und nimmt keinerlei Korrektur vor. Insofern sind Schuld, Gewissen, Seelsorge und Wachstum weiterhin an deren Prinzipien gebunden. Doch eine kleine Erinnerung daran hätte den Text vor großen Missverständnissen bewahrt. So könnte es passieren, dass man jetzt etwa auf der Ebene von Bischofskonferenzen Regelungen sucht, die diese Prinzipien vernachlässigen, und sich dabei fälschlich auf das Wort des Papstes beruft: „Außerdem können in jedem Land oder jeder Region besser inkulturierte Lösungen gesucht werden, welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen“ (3). Jede solche Lösung muss nach dem Dokument jedoch im Rahmen der kirchlichen Ehelehre bleiben.

Bemerkenswert ist dagegen, dass der Kommunionempfang Wiederverheirateter nicht angesprochen ist oder gar ausdrücklich dazu ermutigt wird, auch nicht in Einzelfällen. Nur in den zwei Fußnoten 336 und 351 wird auf die Hilfe der Sakramente hingewiesen, ohne dass die geltende Verhinderung wiederverheirateter Geschiedener damit aufgehoben wird. Dasselbe gilt übrigens auch für den Kommunionempfang in einer konfessionsverschiedenen Ehe (247).

Notwendigerweise bestimmen die „Grausamkeiten“ die erste Einschätzung von „Amoris laetitia“. Doch das ist nicht alles, ja nicht einmal das Beste an diesem Dokument. Es nennt Probleme und Belastungen beim Namen, auch die „gender“-Ideologie (56). Es ermutigt zu einer intensiven Ehevorbereitung und -begleitung. Umso mehr kann man nur die Bitte von Papst Franziskus beherzigen, das Dokument nicht „hastig ganz durchzulesen“. Familien und Seelsorger sollten „es Abschnitt für Abschnitt geduldig vertiefen… oder nach dem suchen, was sie in der jeweiligen konkreten Situation brauchen“ (7). Dann erst entfaltet es seinen Reichtum an christlicher Lebensweisheit, seine eigentliche Stärke. Wer dagegen nach einer neuen Lehre sucht, der sucht darin vergebens.

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