Der Geist des Ringens

„Als Journalist beim Konzil“: Der Würzburger Altbischof Paul-Werner Scheele hat seine Erfahrungsberichte zusammengestellt. Von Stefan Meetschen
Foto: KNA | Die Welt hat das Konzil über die Medien wahrgenommen: Ein Zeitungsleser auf dem Petersplatz in Rom während des II. Vatikanums.
Foto: KNA | Die Welt hat das Konzil über die Medien wahrgenommen: Ein Zeitungsleser auf dem Petersplatz in Rom während des II. Vatikanums.

Im Zuge seines spektakulären Rücktritts hat Papst Benedikt XVI. auch auf das Zweite Vatikanische Konzil zurückgeblickt. Es habe, so der Papst, eigentlich zwei Konzile gegeben. Denn: Neben dem wirklichen Konzil habe es auch ein „Konzil der Medien“ gegeben: „Und das war fast ein Konzil für sich selbst. Die Welt hat das Konzil über die Medien wahrgenommen. Das unmittelbar auf die Menschen wirkende Konzil war das der Medien, nicht das der Väter.“ Dieses Medien-Konzil sei, anders als das wirkliche, keine Glaubensveranstaltung gewesen, sondern habe „den Kategorien der Medien von heute gehorcht, außerhalb des Glaubens, mit einem anderen Interpretationsschlüssel. Das war ein politischer Schlüssel: Für die Medien war das Konzil ein Machtkampf zwischen verschiedenen kirchlichen Flügeln.“

Zumindest ein noch lebender Kirchenmann kann sich heute rühmen, auf diesen beiden Konzilen dabei gewesen zu sein – dem realen und dem virtuellen: Paul-Werner Scheele (84). Die gesamte dritte Session des II. Vatikanischen Konzils durfte der spätere Bischof von Würzburg nämlich als Journalist verfolgen. Im Auftrag der Wochenzeitung „Echo der Zeit“, in Fortsetzung der Berichterstattung von Pater Wolfgang Seibel, der die deutschen Leser über die ersten beiden Sessionen auf dem Laufen gehalten hatte. Eine spannende Zeit. Inhaltlich wie technisch, denn so bequem wie heute die Artikel via Internet von Land zu Land geschickt werden können, funktionierte es anno 1964 nicht.

Davon erzählt Scheele in einer aktuell zum Konzilsjubiläum erschienenen Zusammenstellung seiner zehn Berichte aus dem Vatikan. „Der Bericht musste jeweils per Express der italienischen Post anvertraut werden. Dann begann das große Zittern. Nie konnte man sich darauf verlassen, dass die Sendung pünktlich ankam. Um sicher zu gehen musste man den Bericht so zeitig verfassen, dass man gelegentlich nicht auf den Abschluss einer wichtigen Debatte eingehen konnte.“

Doch Scheele ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sorgfältig und ruhig, mit einem verständlichen Schuss Optimismus und Euphorie, berichtete er über die Ereignisse jeder Sitzungswoche. Den großen Zusammenhang immer im Blick. Wobei der langjährige Vorsitzende der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz schon damals die interkonfessionelle Perspektive schätzte und gerade diese Dimension des Konzils ausdrücklich hervorhebt: „Sicherlich wäre für die Reformatoren eindrucksvoll gewesen, wie man sich auf dem Konzil weithin um das Wort des Herrn bemüht. Das radikale Hören auf das Wort und der totale Gehorsam waren Zentralanliegen der Reformation.“ Denn das Wort, die Heilige Schrift erlebte beim Konzil so etwas wie eine Renaissance für das Bewusstsein, den Vollzug des gläubigen Lebens.

Packend schildert Scheele auch, wie sich die Bischöfe und Kardinäle allmählich zu positiven Aussagen über die Mitchristen in der orthodoxen Kirche und den kirchlichen Gemeinschaften durchrangen, auch wenn die ersten Abstimmungen aus Scheeles Perspektive noch sehr ungünstig verliefen. Der viel beschworene Geist des Konzils, er wird in den Berichten des Würzburger Altbischofs als Geist des Ringens erkennbar. Jedoch auch als ein Geist, der bei Diskussionen präzise Aussagen und Argumente verlangte. „Erstmalig hat das Konzil vor der Aussprache des gesamten Offenbarungsschemas praktiziert, was man bereits beim dritten Kapitel des Textes über die Kirche getan hat: Man ließ nicht, wie sonst üblich, einen von der Kommission gewählten Relator über die neue Vorlage berichten, sondern deren zwei, damit auch die Minderheit zu Wort kommen solle. Bischof Franjo Franic von Split war der Sprecher der 17 Kommissionsmitglieder, die sich gegen den Text in seiner jetzigen Form wandten, Erzbischof Ermenegildo Florit von Florenz brachte die Ansicht der 17 anderen zum Ausdruck. In etwa waren damit bereits die Bahnen der Diskussion vorgezeichnet.“

Eine derartig sachliche Dialog- und Gesprächskultur wünscht man sich heute von denen, die in großer Aufgeregtheit „Reformen“ fordern, obwohl doch die wesentlichen Streitpunkte beim Konzil geklärt wurden und nicht stets neu in Frage gestellt werden sollten. Dies könnte vielleicht auch helfen, die „Generalmobilmachung auf dem Weg zur Einheit“, von der Kardinal Bea sprach, zu bewirken. So ist es wirklich eine Freude, im Spiegel des theologisch gebildeten Journalisten zu lesen, wie klar die Konzilsväter die „großen Gegenwartsprobleme“ in den Blick nahmen und darlegten. Beispielsweise die Bedeutung der Familie. „Kardinal Suenens fand auch das rechte Wort, um naheliegende Missverständnisse in und außerhalb der Aula abzustellen. Ehrlich besorgt fragen manche: „Will die Kirche ihre jahrhundertelange Ehelehre verlassen? Wird das Konzil dem Druck der modernen Genusssucht nachgeben auf Kosten der Gebote des Herrn? Soll man denen nach dem Mund und dem Sinn reden, die egoistisch den Kindersegen verhüten?“ Es wäre verhängnisvoll, wenn man eine dieser Fragen bejahren müsste!“

Doch es sind nicht nur die schweren Fragen, die behandelt werden. Die Reisetätigkeit Papst Paul VI. spielt auch eine Rolle. Denn, dass ein Papst zuerst nach Jerusalem fliegt und dann eine Indien-Visite bekannt gibt, war für die 1960er Jahre noch etwas Ungewöhnliches. Dementsprechend besorgt klingt der Journalist Scheele in seinem Bericht: „Am Weltmissionssonntag 1964 hat Paul VI. im Petersdom ein neues Ziel bekannt gegeben: Er wird am Ende der diesjährigen Sessio nach Bombay fliegen. Ist damit die erste Richtung verlassen? Wird das besondere Zeichen der Pilgerfahrt ins Heilige Land nicht verdunkelt, wenn jetzt ein weiterer Flug nach Indien dazukommt und demnächst vielleicht noch manche ähnliche Aktionen?“ Solche Passagen liest man heute mit einem gewissen Schmunzeln wie natürlich auch den unter den Konzilsvätern kursierenden Witz, dass es keine vierte Session geben dürfe. Warum? „Während der ersten Sessio brach die Kubakrise aus. Zur Zeit der zweiten Sessio wurde Kennedy ermordet. Diesmal kam es zum Sturz Chruschtschows und zur Atombombenexplosion in China. Wer weiß, was da bei einer vierten Periode noch alles passiert.“ Der Geist des Humors war also auch ein bisschen anwesend. Beruhigend. Abgerundet wird das aufschlussreiche Buch, das selbst ein Dokument der Zeitgeschichte ist, mit einem Beitrag des Würzburger Generalvikars Karl Hillenbrand über das Konzil und seine Folgen. Eine lesenswerte Lektüre. Besonders im Jahr des Glaubens.

Paul-Werner Scheele: Als Journalist beim Konzil. Erfahrungen und Erkenntnisse in der 3. Session. Mit einem Beitrag von Karl Hillenbrand: Das Konzil und seine Folgen. Echter Verlag, 175 Seiten, ISBN 978-3-429-03263-0, EUR 9,90

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