Denken, Lesen und Beten mit Wojty³a

Die Heiligsprechung von Johannes Paul II. hält Polen schon jetzt auf Trab. Von Stefan Meetschen
Foto: dpa | Die mit vierzehn Metern höchste Statue von Papst Johannes Paul II. in Tschenstochau, Polen.
Foto: dpa | Die mit vierzehn Metern höchste Statue von Papst Johannes Paul II. in Tschenstochau, Polen.

Warschau (DT) Bald ist es soweit: Vom 1. bis 8. Februar 2014 werden die polnischen Bischöfe Papst Franziskus in Rom einen Ad-Limina-Besuch abstatten. Insgesamt 100 polnische Geistliche. Das Hauptthema bei der Begegnung wird – neben dem Weltjugendtag 2016 in Krakau – natürlich die bevorstehende Heiligsprechung des polnischen Papstes, Johannes Paul II., am 27. April dieses Jahres sein. Und in der Tat. Schon jetzt gibt es viel Gutes zu berichten über den Weg hin auf das vielleicht größte kirchliche Ereignis 2014. Denn nicht nur in Rom wird gebetet und gefeiert, auch in Krakau, Warschau und anderen polnischen Städten laufen die vielfältigen spirituellen und organisatorischen Vorbereitungen auf Hochtouren.

Wobei die Aufgaben zwischen Krakau und Warschau gut verteilt sind. So bietet das erst im vergangenen Jahr eröffnete und vor dem 27. April hoffentlich fertiggestellte Johannes-Paul-II.-Heiligtum „Fürchtet Euch nicht!“ in Krakau-£agiewniki sonntäglich um 12.30 Uhr spezielle Gottesdienste an, die mit Reliquien-Prozessionen zu Ehren des bald neuen Heiligen verbunden sind. Ebenso mit Dank- und Bittandachten. Dass Johannes Paul II. offiziell noch nicht heiliggesprochen ist, stört hier niemanden, zumal sein früherer Pressesprecher Joaquín Navarro-Valls erst kürzlich gegenüber polnischen Medien unterstrichen hat, dass sein früherer Vorgesetzter nicht erst ab dem 27. April ein Heiliger sein wird, sondern bereits „sein Leben lang“ ein Heiliger war. Eine theologisch sicher nicht ganz korrekte Erklärung, der man in Krakau aus vollem Herzen zustimmt.

Zum Beispiel auch an jedem 22. des Monats um 17 Uhr: Denn um diese Zeit findet im „Fürchtet Euch nicht“-Heiligtum eine Eucharistie mit Licht-Prozession statt, bei welcher die Lichtreichen Geheimnisse des Rosenkranzes, die Johannes Paul II. selbst in die Weltkirche eingeführt hat, gebetet werden. In jedem dieser insgesamt neun Monate betreuen andere Gläubige die Messefeier und die Prozession. Eine Monats-Novene, die auf ausdrücklichen Wunsch von Kardinal Stanis³aw Dziwisz, dem früheren Sekretär von Johannes Paul II. und jetzigen Metropoliten von Krakau, gebetet wird. Dziwisz ist es auch, der mit seinem allerneuesten Interviewbuch „U Boku Œwiêtego“ (An der Seite eines Heiligen) die literarische Werbetrommel für den Event rührt. Wobei man mit Blick auf den eher dürftigen Neuigkeitswert der im Buch enthaltenen Aussagen den Titel ruhig auch anders hätte formulieren können. Zum Beispiel im Umkreis oder in der Nähe eines Heiligen. Doch was soll’s. Im immer stärker säkularisierten Polen darf man sich freuen, dass Johannes Paul II. auf diese Weise vorübergehend wieder in der ersten Reihe der Verkaufsangebote in normalen Buchhandlungen und Kaufhäusern auftaucht, dicht bei den Menschen im Alltag. Was trotz all der Denkmäler und – aufgrund des aktuellen Anlasses – Sonderbriefmarken zu Ehren des großen Polen keineswegs selbstverständlich ist.

Auch in unmittelbarer Nähe zum Krakauer Heiligtum, nämlich bei den Schwestern der Muttergottes der Barmherzigkeit, die das Gedächtnis an die vom Papst hochverehrte Schwester Faustyna bewahren, gibt es viele Initiativen rund um das Ereignis in Rom, etwa den sogenannten „Funken der Barmherzigkeit“, der zwar auf den ersten Blick stärker an das Feuer der Olympischen Fackel erinnert, jedoch auf eine Bitte von Johannes Paul II. beim letzten Besuch in Polen anspielt, dass nämlich der Funke des Glaubens und der Barmherzigkeit weitergetragen werden möge. Das tun die Schwestern so gut sie es können. Immerhin ist der 27. April auch der Festtag der Göttlichen Barmherzigkeit.

Ein wenig intellektueller wirkt im Vergleich dazu das Warschauer Programm der Vorbereitung auf die Heiligsprechung. Was vielleicht daran liegt, dass die Organisation in der Hauptstadt in den Händen des jungen, intellektuellen Teams des Zentrums des Gedenkens an Johannes Paul II. liegt. Zusammen mit dem Metropoliten von Warschau, Kardinal Kazimierz Nycz, veranstaltet das Zentrum im erzbischöflichen Palast seit November Treffen, die unter dem Titel „Denken mit Wojty³a über …“ stehen. Theologen, Philosophen und andere Experten nehmen daran teil. Gegenstand der Betrachtungen sind: Gott, Menschen, Europa, Polen, Kirche und die Jugend. Zur geistigen Auflockerung werden dazu von prominenten Schauspielern Gedichte des Papstes gelesen, denn kreativ war das Allround-Genie aus Wadowice ja auch.

Wie Kardinal Nycz sagt, sollen diese Debatten helfen, das Erbe Wojty³as neu zu entdecken. Auch die Päpstliche Theologische Fakultät in Warschau, die Stiftung „Werk des neuen Millenniums“ und der Klub der katholischen Intelligenz (KIK) sind bei den Veranstaltungen mitbeteiligt.

Wer sich weniger philosophisch auf die Heiligsprechung vorbereiten möchte, muss aber nicht verzweifeln. Aktuell ist eine Website eröffnet worden, die das Bibelstudium unter Anleitung von Johannes Paul II. lehren möchte. Schließlich soll der polnische Papst zwei Wochen vor seinem Tod den Familien, „die gemeinsam das Wort Gottes lesen“, seinen besonderen Segen verheißen haben.

In der Bibel lesen an der Hand von Wojty³a – das kann man dank der modernen Medien inzwischen auch bequem unterwegs. Und das ist gut so, denn wenn man sich all die Reiseangebote der Pfarreien des Landes ansieht, bekommt man den Eindruck, dass die Heimat des Papstes um den 27. April herum nahezu leergefegt sein wird, weil alle entweder im Bus, Zug oder Flugzeug gen Rom sitzen. Die sichersten Hotelplätze dürften wohl diejenigen haben, welche ein Ticket bei der offiziellen Krakauer Diözesanreise mit Kardinal Dziwisz ergattert haben.

Wer nicht nach Italien reist, muss aber nicht verzweifeln. Zwei Wochen lang wird bald ein „Päpstlicher Zug zur Heiligkeit“ durch die 40 größten Städte Polens fahren. Ausgestattet mit Informations- und Gebetsmaterial rund um Johannes Paul II.

Wem das nicht genügt, der kann sich jetzt schon vor dem Fernseher sein eigenes privates Wojty³a-Heiligtum einrichten, das am Tag der Heiligsprechung abrufbereit ist, denn natürlich berichten viele polnische TV-Kanäle von der Heiligsprechung live aus Rom. Selbst diejenigen, die sonst an der Kirche kein gutes Haar lassen, werden sich als Korrespondenten vor Ort im internationalen Scheinwerferlicht sonnen. In Warschau und Krakau werden auf öffentlichen Plätzen für die wenigen Zurückgebliebenen Telebeamer aufgestellt. Konzerte, Gebetswachen und Prozessionen gehören ebenfalls zum weiteren Outdoors-Service-Angebot.

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