Den Worten müssen noch die Taten folgen

Kurienkardinal Jean-Louis Tauran über Joseph Ratzinger, „sein“ Frankreich und die Religionspolitik von Nicolas Sarkozy

Der Journalist John L. Allen vom amerikanischen „National Catholic Reporter“ hat Joseph Ratzinger als ausgesprochen „frankophil“ bezeichnet. Was halten Sie von dieser Aussage?

Ich muss sagen, dass der Papst ein ausgezeichnetes Französisch ohne jeden deutschen Akzent spricht. Es ist von einer Eleganz, wie sie selbst unter meinen Landsleuten selten anzutreffen ist. Dafür, dass Ratzinger für Frankreich eine besondere Vorliebe hegt, bin ich gewissermaßen ein Augenzeuge.

Woran denken Sie da?

Ich erinnere mich etwa an die Rede, die er 1992 gehalten hat, als er von der „Académie des Sciences morales et politiques“ am „Institut de France“ als ausländisches assoziiertes Mitglied aufgenommen wurde. Es handelte sich um eine Lobrede auf seinen Vorgänger auf diesem Sitz: Andrej Sacharow. Oder an den wunderbaren Vortrag, den er 2004 in Caen aus Anlass des sechzigsten Jahrestages der Landung alliierter Truppen

in der Normandie als Gesandter von Johannes Paul II. zum Thema „Auf der Suche nach Frieden“ gehalten hat. Ohne die zahlreichen privaten Reisen zu erwähnen, die Ratzinger in unser Land unternommen hat, wie etwa zu den Abteien von Le Barroux und Fontgombault. Oder die berühmte Vorlesung, die er im November 1999 an der Sorbonne gehalten hat. Alles Ereignisse, welche die außergewöhnliche Vorliebe Ratzingers für Frankreich zeigen.

Welche Themen wird der Papst bei der Reise anschneiden, die ihn jetzt nach Paris und Lourdes führt?

Natürlich kenne ich die Inhalte der päpstlichen Reden nicht. Aber ich glaube zu wissen, was man sich in Frankreich vom Papst erwartet: eine klare Aussage über einen gesunden Laizismus bei seiner Rede im Elysée-Palast und ein erleuchtendes Wort über die Kultur in seiner Ansprache an die Akademiker. Sie selbst waren angenehm beeindruckt von den Worten, die der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy geäußert hat, als er im Dezember 2007 das Amt eines Ehrendomherrn der Lateransbasilika einnahm.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung, die es danach unter Präsident Sarkozy gegeben hat?

Seine Worte waren sehr ermutigend. Ich muss jedoch zugeben, dass ihnen bis heute keine konkreten Taten gefolgt sind. Zu einer rechtlichen Anerkennung der Ausbildung an den kirchlichen Universitäten und Fakultäten ist es zum Beispiel nicht gekommen. Und doch war dies im Lateran angedeutet worden. Hierbei handelt es sich schließlich nicht um eine Reform, die besonders schwer umzusetzen wäre.

Sarkozy hat noch als Minister der Republik im Jahr 2004 ein Buch mit dem Titel: „La République, les religions, l'espérance“ (Die Republik, die Religionen, die Hoffnung) geschrieben. Was hat Ihnen an diesem Buch gefallen?

Es hat mir gefallen, dass es von einem Minister geschrieben worden ist, der keine Angst hat, über die Religion zu sprechen, der sagt, dass sich die Christen ihres Glaubens nicht schämen und keinerlei Minderwertigkeitskomplexe zu haben müssen. Doch das ist nicht alles. Sarkozy hat in seinem Buch in gewisser Weise die Möglichkeit angekündigt, das berühmte Gesetz von 1905 über die Trennung von Kirche und Staat neu zu überarbeiten, um eine direkte Finanzierung der großen Religionen durch den Staat zu ermöglichen. Damit hat er mit einem weiteren Tabu der französischen Politik gebrochen.

Und doch hat Sarkozy in einem Interview mit „La Croix“ gesagt, eine Änderung des Gesetzes von 1905 stehe nicht auf seinem Programm, da in Frankreich in diesem Punkt kein Konsens bestehe.

Ja, das habe ich gelesen. Doch er hat es trotzdem in seinem Buch geschrieben. Und dabei handelt es sich für einen französischen Politiker um eine ungewöhnlich offene Einstellung. Wir werden sehen, ob es ihm als Präsidenten gelingt, den notwendigen Konsens zu finden, um das neu zu fassen, was im Gesetz von 1905 obsolet ist. Es ist kein Geheimnis, dass Frankreich unter Jacques Chirac zu den drei größten Gegnern gehörte, als es darum ging, das Christentum in der Europäischen Verfassung zu erwähnen. Glauben Sie, dass sich diese Einstellung unter Sarkozy noch ändern könnte? – Wenn man das Buch von Sarkozy liest, hat man den Eindruck, dass er dafür wäre, die christlichen Wurzeln Europas öffentlich anzuerkennen. Häufig wird vergessen, wie viel Europa der Kirche verdankt: die Schulen, die Universitäten, sogar die Demokratie. Man muss immer daran denken, dass die erste Form von direkt ausgeübter Demokratie die geheime Wahl des Abts in den benediktinischen Klöstern war. Das sind die Tatsachen.

Wie steht es um den Gesundheitszustand der Kirche in Frankreich?

Zweifellos gibt es nur wenige wirklich praktizierende Katholiken, und der Priestermangel ist dramatisch. Das Christentum hat – im Gegensatz zu Italien – keinen Einfluss auf das öffentliche Leben, es bestimmt die öffentliche Debatte nicht. Doch es gibt kleine Hoffnungszeichen, wie etwa ein leichter Anstieg der Berufungen, der, um die Wahrheit zu sagen, bei den Traditionalisten stärker ist. Und dann sind in diesem

Sommer auch aus Lourdes gute Nachrichten gekommen.

Welche?

Anlässlich des Jubiläums der Erscheinungen hat es einen großen Andrang von Pilgern gegeben. Viele junge Menschen, viele Familien mit vielen Kindern. Ein wirklich bewegendes Glaubenszeugnis. Das haben auch die weltlichen Medien gemerkt, die dieses Ereignis mit Interesse und Respekt behandelt haben. Ohne Arroganz und Ironie, wie es in der Vergangenheit häufig vorkam. Und das ist – das können Sie mir glauben – für Frankreich ein kleines Wunder.

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