Den Wandel fortsetzen

Viel Verantwortung auf jungen Schultern: Franz-Josef Overbeck als Bischof von Essen eingeführt

Essen (DT) Am Sonntag ist Franz-Josef Overbeck im Dom zu Essen mit einem feierlichen Pontifikalamt als neuer Ruhrbischof eingeführt worden. Papst Benedikt XVI. hatte den ehemaligen Münsteraner Weihbischof am 28. Oktober zum Nachfolger des – zuvor zum Bischof von Münster berufenen – Felix Genn ernannt.

400 geladene Gäste, darunter mehr als 34 Bischöfe, nahmen daran teil. Unter ihnen waren der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Périsset, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Erzbischof von Freiburg, Robert Zollitsch, sowie der Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner als Metropolit der Kölner Kirchenprovinz, außerdem Overbecks Vorgänger im Amt des Ruhrbischofs, der Bischof von Münster, Felix Genn. Auch internationale Gäste waren im Essener Dom zugegen, etwa aus der Partnerdiözese Hongkong, Bischof John Tong Heng, sowie der Vorsitzende der ukrainischen Bischofskonferenz, der Bischof von Lviv (Lemberg), Czesaw Kozon. Zu den zahlreichen Vertretern aus Gesellschaft und Politik zählten unter anderem Bundestagspräsident Norbert Lammert und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers.

Zu Beginn des Pontifikalamts hieß der bisherige Diözesanadministrator des Ruhrbistums, Weihbischof Franz Vorrath, den neuen Ruhrbischof willkommen. „Wir sind uns sicher, dass wir gemeinsam mit Ihnen die Herausforderungen, vor denen unser Bistum und die Region stehen, aus der Kraft des Glaubens bewältigen werden“, unterstrich Vorrath.

Meisner: Der Bischof ist nicht in erster Linie Chef

Mit den Worten „Nehmen Sie die Last der Verantwortung auf Ihre jungen Schultern, die Kirche von Essen zu leiten, zu begleiten und zu schützen!“ überreichte der Nuntius, Erzbischof Périsset, die Ernennungsurkunde des Papstes an Bischof Overbeck. Sodann übergab Kardinal Meisner ihm den Hirtenstab und geleitete den neuen Bischof zur Kathedra, dem Bischofsstuhl. Die Einführung eines Bischofs sei etwas anderes als die Übernahme eines Konzerns durch einen neuen Direktor oder Vorstandsvorsitzenden, hob der Kardinal hervor: „Hier handelt es sich um einen zutiefst biblisch-geistlichen Vorgang. Denn ein Bischof ist nicht in erster Linie ,Chef‘ seines Bistums, sondern er ist das sakramentale Zeichen, dass die Diözese Essen in lebendiger Kontinuität mit dem apostolischen Anfang verbunden und damit in Christus ist.“

Franz-Josef Overbeck übernimmt als vierter Bischof von Essen die Leitung der 1958 gegründeten Diözese. Zugleich ist er mit 45 der zurzeit jüngste Bischof Deutschlands. Overbeck kennt die Menschen der Region, weil er selbst aus ihr stammt: 1964 in Marl geboren, nach dem Abitur 1983 Theologiestudium in Münster, ab 1984 dann sechs Jahre lang Studium der Philosophie und Theologie an der Gregoriana in Rom. Diese Jahre haben ihn geprägt. „Römer bleibt man Zeit seines Lebens“, mit diesem Satz wird Overbeck zitiert. In Rom habe er eine „verdichtete Form des Katholizismus“ erlebt. Das habe seinen kulturellen und kirchlichen Horizont erweitert.

Im Oktober 1989 empfing er in Rom die Priesterweihe durch den damaligen Kardinal Joseph Ratzinger. Es folgten weitere Stationen: unter anderem die Kaplanszeit in Haltern, Promotion an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Domvikar am Paulus-Dom und Bischöflicher Beauftragter für den Ständigen Diakonat im Bistum Münster. Daran schlossen sich die Bischofsweihe und die Monate als Diözesanadministrator bis zur Einführung von Bischof Genn in Münster. Am 29. Oktober diesen Jahres schließlich wurde Franz-Josef Overbeck durch Papst Benedikt XVI., von dem er vor zwanzig Jahren in Rom die Priesterweihe empfangen hatte, zum neuen Oberhaupt des Bistums Essen ernannt.

Der neue Bischof übernimmt die noch junge Diözese in einer Zeit enormer finanzieller und auch struktureller Herausforderungen: Seit 1958 ist die Zahl der Kirchenmitglieder im Bistum Essen von etwa 1, 5 Millionen um mehr als ein Drittel auf knapp 900 000 Katholiken zurückgegangen. Die wichtigsten Gründe sind vor allem Abwanderung und Geburtenrückgang und nur zum Teil Kirchenaustritte. Hier sind die Zahlen im Ruhrbistum in den letzten Jahren erfreulicherweise rückläufig. Sinkende Kirchensteuereinnahmen aber bringen neue, schwierige Fragestellungen für die Zukunft des Bistums mit sich, erfordern Umdenken und Umstrukturierungen in Pfarreien, Kindergärten, Schulen und anderen kirchlichen Einrichtungen.

In seiner Amtszeit hatte Bischof Genn deshalb erhebliche Teile der notwendigen Strukturreformen auf den Weg gebracht und damit einen Prozess des Wandels eingeleitet, den der neue Bischof fortsetzen wird. In seiner Predigt anlässlich seiner Amtseinführung nahm der neue Bischof Bezug auf die Tradition, den Bischof von Essen als „Ruhrbischof“ zu bezeichnen. „Dieser Titel bedeutet, dass die Kirche von Essen Verantwortung für alle Menschen in der Region trägt. Angesichts der Konzentration vieler sozialer und wirtschaftlicher Probleme unseres Landes speziell im Ruhrgebiet wird besonders deutlich, worum es auf Dauer für die Menschen in Deutschland und europaweit gehen wird.“

Vier Aufgaben als Schwerpunkte benannt

Franz-Josef Overbeck benannte vier konkrete „Gestaltungsaufträge“ für Zukunft, an denen die Kirche von Essen mitwirken muss. Damit verdeutlichte er, worin er seine Aufgabenschwerpunkte als Bischof für die nächsten Jahre sieht. An erster Stelle nannte er das Gebot der Solidarität und die Schaffung eines Wirtschaftssystems, das diesem solidarischen Anspruch gerecht werde. Der zweite Gestaltungsauftrag beziehe sich auf den Bereich Bildung: „Für uns alle heißt das, aus christlicher Verantwortung Jugendlichen eine Chance zur Ausbildung zu geben, ihnen die Kraft des Anfangs zuzutrauen und sie dabei zu begleiten.“

Der dritte Auftrag für die Zukunft gelte der Familie: „In ihr erfährt der junge Mensch Geborgenheit, lernt er zu vertrauen, wagt Freiheit, übt ein Leben in Gemeinschaft und Verantwortung.“ Angesichts zunehmender Belastungen und Gefährdungen des Lebens in Familie würden sich für die katholische Kirche drängende Fragen stellen: „Hier gilt es, nicht nur ein Plädoyer für Familie als Keimzelle der Gesellschaft zu halten, sondern sie auch nach Kräften zu unterstützen und zu fördern, damit junge Menschen Familie als Heimat erfahren können.“

Einen vierten Gestaltungsauftrag nannte der neue Ruhrbischof noch: ein auf Integration ausgerichtetes Zusammenleben aller Menschen im Ruhrgebiet. „Hierbei denke ich nicht nur an das gemeinsame caritative Engagement der Kirchen in unserer Region und die geistliche Ökumene zwischen den christlichen Konfessionen, sondern auch an die immer neue Herausforderung eines Miteinanders mit Menschen anderer Religionen und Glaubensüberzeugungen.“ Bischof Overbeck erklärte, dass ein offener Dialog ein wesentlicher Impuls für die Zukunft sei.

Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Rüttgers hob in seinem Grußwort am Schluss des Pontifikalamts die Verbundenheit der Kirche von Essen mit den Menschen in der Region hervor, die in dem Titel „Ruhrbischof“ zum Ausdruck komme. Der Ministerpräsident ermutigte den neuen Bischof, sich aktiv in die Gestaltung der Gesellschaft einzumischen. Er bezeichnete Overbeck als einen Mann der kirchlichen Soziallehre, dem vor allem Freiheit und Verantwortung des Menschen, aber auch Ausrichtung auf gemeinschaftliches Leben wichtig seien. „Mahnen Sie uns, wenn die Maßstäbe verrücken, wenn der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt steht. Mahnen Sie uns, dass wir fest werden in dem, was Bestand hat.“

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