Den Kern des Evangeliums neu entdecken

In Rom beginnt der „Erste Weltkongress der Barmherzigkeit – Schwester Faustyna und Johannes Paul II. als geistige Inspiratoren

Rom (DT) Wieder steht das katholische Rom im Zeichen des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. Wenn sich morgen dessen Todestag zum dritten Mal jährt, wird nicht nur Benedikt XVI. einem feierlichen Gottesdienst vorstehen. Diese Messe ist dann auch Auftakt für den „Ersten Apostolischen Weltkongress der Barmherzigkeit“, der bis kommenden Sonntag in der Audienzhalle des Vatikans stattfinden wird und eng mit dem Pontifikat des polnischen Papstes verbunden ist. Denn Johannes Paul II. sei es gewesen, der seit seiner Jugend vom Geheimnis der Göttlichen Barmherzigkeit fasziniert war, erklärte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn vor einem Jahr vor Journalisten, als er den Weltkongress vorgestellt hat. Im Heiligen Jahr 2000 hatte Johannes Paul II. das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit eingeführt. Es wird am ersten Sonntag nach Ostern, dem Weißen Sonntag begangen.

Eine radikale Ermutigung an die Verunsicherten

Papst Wojtyla war 2005 am Vorabend dieses Barmherzigkeits-Sonntags gestorben. Kardinal Schönborn ist der Präsident und der Initiator des Treffens und fasste dessen Ziel so zusammen: Für viele Menschen ist die Kirche nicht gerade das Sinnbild für Barmherzigkeit. Vielmehr werde der Kirche „doktrinäre Enge“ und „moralische Rigidität“ vorgeworfen. Umso mehr sei der „Erste Weltkongress der Barmherzigkeit“ als „sehr radikale Ermutigung“ gedacht, den Kern des Evangeliums – nämlich die Barmherzigkeit – neu zu entdecken.

An dem Kongress können Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien teilnehmen, die das Apostolat der Barmherzigkeit in ihrer Diözese bereits verbreiten oder in Zukunft stärker verbreiten wollen. Aber das Zusammentreffen trägt auch ökumenische und interreligiöse Züge. Persönlichkeiten aus den orthodoxen und reformatorischen Kirchen, aus Judentum und Islam sowie Gäste mit atheistischem und agnostischem Hintergrund werden zu Wort kommen.

Am ersten Tag des Kongresses will man den Veranstaltern zufolge das Thema „Die prophetische Intuition Papst Johannes Pauls II. in Bezug auf das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit“ behandeln. Danach soll die Barmherzigkeit in das Mysterium, die Gemeinschaft und die Mission der Kirche eingebettet werden. Plenarsitzungen, Eucharistische Anbetung, Gebetsvigilien, eine Lichterprozession durch die Straßen Roms, Workshops und Runde Tische zu theologischen, pastoralen und biblischen Themen sollen zur Verinnerlichung der Botschaft von der Göttlichen Barmherzigkeit beitragen und zu ihrer Verbreitung anregen.

Im Jahr 2002 hatte Johannes Paul II. bei der Einweihung des polnischen Heiligtums der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau-£agiewniki gesagt: „Außer der Barmherzigkeit Gottes gibt es keine andere Quelle der Hoffnung für die Menschen“. In £agiewniki hatte die Ordensfrau und Mystikerin Faustyna Kowalska gelebt, in deren Visionen die Göttliche Barmherzigkeit eine zentrale Rolle spielte. Mit ihrer Gestalt ist der Barmherzigkeits-Sonntag auf engste verbunden. Faustyna Kowalska wurde 1905 in Polen als Tochter einer armen, kinderreichen Bauernfamilie geboren. Im Alter von zwanzig Jahren trat sie in Krakau-Lagiewniki ins Kloster ein, wo sie in der Küche, im Garten sowie in der Pförtnerstube Dienst tat. Ihr spirituelles Leben war reich an Visionen und mystischen Gaben. Schwester Faustyna starb am 5. Oktober 1938 im Alter von 33 Jahren im Ruf der Heiligkeit an Tuberkulose. Am 18. April 1993 wurde sie von Papst Johannes Paul II. selig- und am 30. April 2000 schließlich heiliggesprochen.

Eine auf der ganzen Welt verbreitete Andachtsform

Ein vollständiges Zeugnis des Auftrags von Schwester Faustyna enthalten die Seiten ihres „Tagebuchs“, das sie während der letzten vier Jahren ihres Lebens schrieb. Das nach ihren Angaben gemalte Gnadenbild des barmherzigen Christus ist in der ganzen Welt bekannt. Es entspricht einer Christus-Vision von Schwester Faustyna aus dem Jahr 1931: „Ich reiche den Menschen den Becher, mit dem sie kommen werden, um aus der Quelle der Barmherzigkeit Gnade zu schöpfen“. Der verstorbene Papst war von Jugend auf mit dieser Frömmigkeitsform verbunden. Eine seiner ersten Enzykliken – „Dives in Misericordia“ von 1980 – war dem Thema der göttlichen Barmherzigkeit gewidmet. Die Verehrung Schwester Faustynas begann schon kurz nach ihrem Tod. Während des Zweiten Weltkrieges verbreiteten polnische Soldaten die Botschaft der göttlichen Barmherzigkeit in der ganzen Welt. So gelangten das Bild der Schwester aus Krakau, ihre Botschaft und die entsprechenden Andachtsformen bis in den Iran, ins Heilige Land, in den Libanon, nach Ägypten und von dort nach Libyen und weiter nach Italien. Vor allem in Italien und in Lateinamerika ist das Vertrauen auf die Göttliche Barmherzigkeit in dem von Schwester Faustyna überlieferten Bild weit verbreitet. „Ihre schlichte Botschaft“, erklärte Kardinal Schönborn vor einem Jahr bei der Vorstellung des Kongresses, „ist das große Gegenbild gegen den Hass. Auch der Kongress in Rom soll deutlich herausarbeiten, dass die Barmherzigkeit der eigentliche Frieden in der Welt, unter den Völkern und den Religionen ist. Sie hilft, das wahre Antlitz Gottes, aber auch das wahre Antlitz des Menschen, das wahre Antlitz der Kirche zu entdecken. Von vielen Gläubigen“, so der Kardinal weiter, werde es dabei „als besonderes Zeichen gewertet, dass Johannes Paul II. am Vorabend des Sonntags der Barmherzigkeit gestorben ist, den er selbst im Heiligen Jahr 2000 eingeführt hatte. Nach der liturgischen Ordnung der Kirche beginnen Festtage bereits mit dem Vorabend, was dieses Zeichen noch deutlicher macht.“

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