Den Himmel bestürmen

Elke Kleuren-Schryvers, Vorsitzende der Stiftung Aktion pro Humanität, fördert die „Gebetsreihe für Syrien“ in Kevelaer. Von Regina Einig
| Foto: privat
Wie ist die Idee zur Initiative „Gebetsreihe für Syrien“ entstanden?

Das Kevelaerer Friedensgebet im Advent für Syrien und die Welt ist entstanden aus unserer Hilflosigkeit gegenüber den immer brutaler und katastrophaler werdenden Lebens- und/oder Sterbenssituationen der Menschen in Syrien, speziell in Aleppo. Das systematische und vorsätzliche Zerbomben selbst von Krankenhäusern und sogar einer Kinderklinik hat die Hoffnung auf einen letzten Rest von Humanität elendig sterben lassen. So elendig, wie Menschen, die dringend medizinischer Versorgung bedürfen, oft sterben müssen, wenn sie diese nicht mehr erhalten können. In dieser Art absoluter Hilflosigkeit haben wir uns erinnert an das, was unser Freund und Weggefährte, mein humanitärer Ziehvater, uns lehrte: den Himmel zu bestürmen durch unser Gebet. Durch das Gebet möglichst vieler Mensschen an vielen Orten unserer Welt. „Sturmbeten“ nannte Rupert Neudeck das.

Wie sieht der Ablauf der Gebetstreffen aus?

Der Ablauf beginnt an der Kevelaerer Friedenslichtstele, die 2015 anlässlich der ersten interreligiösen Friedenswallfahrt in Kevelaer, dem größten Marien-Wallfahrtsort Nordwesteuropas, eingeweiht wurde. Von Rupert Neudeck, der diese Wallfahrt mit dem Rektor der Wallfahrt, Domkapitular Rolf Lohmann und mir initiiert hatte. Hier treffen sich die Betenden, zünden mit dem Licht der Friedenslichtstele, in der Tag und Nacht das Friedenslicht brennt, ihre Kerzen und beginnen das Gebet. Gebetsimpulse, Lieder, Fürbitten, eine Friedensgeschichte, ein kleiner, gemeinsamer Friedensweg – mal schweigend, mal singend – zur Kevelaerer Gnadenkapelle, welche das kleine, fast schon unscheinbare Bild der Consolatrix afflictorum, der Trösterin der Betrübten beherbergt. Dort werden dann die Nachtgedanken gelesen und das Vaterunser gemeinsam gebetet. Mit einem Mariengebet oder Marienlied endet das etwas 30 Minuten dauernde Friedensgebet für Syrien.

Welche Reaktionen erhalten Sie? Wer beteiligt sich? Ist das Ganze ökumenisch?

Die Reaktionen nehmen seit dem ersten Gebet am vergangenen Montag deutlich zu. Bereits im Vorfeld waren wir aufgrund von Projektbeziehungen unserer humanitären Arbeit verbunden mit Mitbetenden im westafrikanischen Benin und Niger. Es beteiligen sich einzelne Beter, die sich die Texte wünschen, aber auch Gebetsgruppen und Gemeinden. In Deutschland vom Niederrhein über das Rheinland bis aktuell nach Oberfranken und Bayern. Im Lutherjahr freut es uns besonders, dass die evangelische Lukasgemeinde in München sofort ihr Mitwirken im Gebet signalisierte.

Geht die Initiative über das Gebet hinaus? Halten Sie und Ihre Mitbeter Kontakt mit den Menschen in Syrien?

Natürlich versuchen wir den Gedanken vom „Wort und Werk“ zu verfolgen. Als Hilfsorganisation ist man es auch gewohnt, zu versuchen, konkret zu werden. Anzupacken. Es bestehen aktuell Kontakte zum Medikamentenhilfswerk action medeor mit der Fragestellung, ob und wie man Medikamente und Nahrungsmittel für die aus Aleppo Flüchtenden bereitstellen kann, wenn es schon keine Wege zu den Menschen nach Aleppo hinein gibt. Ein syrischer Arzt-Kollege, Marwan Khoury, war mit seiner Organisation „barada-syrienhilfe“ und den Grünhelmen sowie mit dem Ende Mai verstorbenen Rupert Neudeck unterwegs, den Menschen dort in seiner Heimat zu helfen. Es ist jedoch schwer, konkret zu helfen, weil man keine Wege hat, weil man riskiert, alle Hilfsgüter an irgendeine der Kriegsparteien zu verlieren, solange der Zugang zu Hilfe nicht geregelt ist. Über drei junge syrische Flüchtlinge, die Geschwister sind und hier am Niederrhein eine Bleibe gefunden haben, besteht der Kontakt zu deren Mutter und jüngerer Schwester, die noch in Aleppo leben.

Wenn der Terror bis Weihnachten weitergeht, setzen Sie die Gebetsaktion fort?

Sicher wird der infernalische Krieg weitergehen. Bis Weihnachten gibt es Ost-Aleppo nicht mehr, so prophezeit man. Doch hier leben noch ca. 300 000 Menschen. Die Kinder spielen nur in Kellern, werden dort unterrichtet. Sogar ein kleines Karussell sah ich vor wenigen Tagen auf einem Bild, welches in einem Keller stand, darauf Kinder, die ein kleines Glück zu empfinden schienen. Die Gebetsaktion ist aktuell für die Montage im Advent geplant, doch den Himmel zu bestürmen, das geschieht eben aus der Not, aus dem Gefühl völliger Hilflosigkeit und der Menschen verachtenden Situation. Und nicht aufgrund einer kalendarisch limitierten Zeit.

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