Das Wunder im Alltag

Alles andere als ein „weltlich Ding“: Warum die christliche Ehe so intensiv mit Gott zu tun hat. Von Klaus Berger
Foto: Symbolbild: dpa | Geschenk des Himmels: Ein Leben lang treu zueinander stehen, ist ohne die Gnade Gottes nicht möglich.
Foto: Symbolbild: dpa | Geschenk des Himmels: Ein Leben lang treu zueinander stehen, ist ohne die Gnade Gottes nicht möglich.

Der Satz Martin Luthers, die Ehe sei ein „äußerlich, weltlich Ding und weltlicher Obrigkeit unterworfen wie Kleider, Speise, Haus und Hof“, dieser Satz ist unselig, und so ist auch seine Wirkungsgeschichte. Denn er führte in der Konsequenz dazu, dass die staatliche Obrigkeit in das Vakuum eindrang, das man ihr freiwillig eingeräumt hatte. Und er führte auch dazu, dass von Gottes Wirken und Gegenwart in der Zivil-Ehe, die wir seit Bismarck genießen, kaum noch die Rede ist. Stattdessen darf man bei Eheschließungen auf dem Standesamt immer wieder den Gipfel säkularisierter Gutmenschenmoral aus dem Mund des Standesbeamten hören.

Wir beginnen mit Jesu Satz „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen“ (Markus 10, 9). Das heißt: Wenn eine Ehe zwischen Mann und Frau zustande kommt, dann stoßen wir hier direkt und unvermittelt auf Gottes eigenstes Wirken, auf ihn selbst. Und wer dieses Wirken zerstört, wer es auflösen will, der kämpft gegen Gott selbst. Ehe ist nicht deshalb heilig, weil sie in der Kirche geschlossen wird. Vielmehr steht und fällt der biblische Gottesbegriff, so wie Jesus ihn vertritt, mit der Auffassung von der Ehe. Es stimmt eben nicht, dass Gott in dieser Welt nicht wirken und handeln kann. Und es stimmt auch nicht, dass Auflösung von Gottes Tun in der Ehe für das Verhältnis zu Gott folgenlos bleibt.

Die Rabbinern sagten: Gott hat Adam und Eva als Brautleute verbunden, indem er als Brautvater und -führer Adam seine Frau zeigte. Aber nach Markus 10 war Gottes Tun nicht nur ein einmaliger Akt. Es war und ist auch ganz anders als bei dem römischen Gott Amor, der seine Pfeile nur auf Einzelne schießt, nicht auf Paare und schon gar nicht auf Ehepaare. Jesu Gottesbild ist, wie wir sehen, doch von dem seiner jüdischen und römischen Zeitgenossen sehr verschieden. In der Ehe stoßen wir direkt auf Gott.

Warum ist das so? Jesus sagt in den unmittelbar vorangehenden Zitat, warum Gott hier unzweifelhaft wirkt: Gott lässt in der Ehe, die in Genesis 2, 24 etwas matriarchalisch beschrieben wird, die zwei eins werden. Darin aber führt er unzweifelhaft die Schöpfung fort. Geschaffen hat Gott jedenfalls die Fauna je als männlich und weiblich. Damit hat er die Verschiedenheit begründet. Und die Völker hat er geschaffen als Juden und Griechen, also wiederum als einzelne und als verschiedene Völker. Das aber ist glücklicherweise nicht das Ende der Wege und Werke Gottes. Denn weit über die Erschaffung Einzelner hinaus setzt Gott sein Wirken fort als je und je wirksamer Einheitsbeschaffer.

Man kann sagen: Wir wissen ja, dass Mann und Frau nicht zueinander passen. Dass sie oft in zwei verschiedenen Welten leben. Ich finde, dass man das ruhig zugeben darf, und sage dann gerne: Wenn die Unterschiede so groß sind, dann ist es doch ein Wunder, dass trotz dieser Verschiedenheiten immer wieder Mann und Frau miteinander glücklich sind. Und wenn ich von diamantenen oder eisernen, gar steinernen Hochzeiten höre oder mir solche Leute begegnen, bin ich oftmals sehr gerührt. Dass so verschiedene Menschen so lange es miteinander aushalten, kann man auch als Theologe nur als Wunder bezeichnen. Denn warum soll man dem Herrgott nicht danken dürfen, wenn er dieses Wunder des Alltags doch noch so oft wirkt. Nein, Ehe ist kein weltlich Ding. Ein altes Paar hat mir das neulich gesagt: Ohne den Herrgott, ganz allein, hätten wir das nie geschafft.

Es hat seine Gründe, dass das Neue Testament das Wort vom Verbot der Ehescheidung fünfmal bringt: Da man das Verhältnis zwischen Gott und Israel nach dem Hohenlied als das von Mann und Frau dachte, geht mit der Verkündigung des Gottesreiches auch das Verbot der Ehescheidung Hand in Hand. Sonst wäre Jesu Predigt vom treuen Gott schier überflüssig und unglaubwürdig. Man kann nicht vom treuen Gott predigen, wenn einem die eheliche Treue egal ist.

Man kann Gott auch den Versöhner nennen. Paulus tut das so im Epheserbrief. Denn Paulus beschreibt das, was in der Ehe geschieht, mit denselben Worten wie die Erlösung durch Jesus Christus. In beiden Fällen versöhnt, verbindet und vereinigt Gott das Verschiedene. Stets ist Gott derjenige, der die Zwei zu Einem macht. In der Ehe geschieht das durch die Verbindung von Mann und Frau. Sie kommen aus verschiedenen Sippen und werden wunderbarerweise aus Zweien zu Einem. Und durch Jesus geschieht das zwischen Mensch und Gott: Denn Gott und Mensch sind himmelweit auseinander. Und es geschieht auch in der Kirche. Nach dem Epheserbrief werden hier Juden und Heiden miteinander versöhnt, dadurch, dass es Judenchristen und Heidenchristen gibt.

In der Ehe, in der Erlösung durch Jesus und in der Kirche wirkt Gott daher immer wieder auf eigenste Weise. Es ist eine Weise, die über die bloße Schöpfung, das heißt das in die Welt Rufen substanziell hinausgeht. Das Judentum teilt diese christliche Auffassung nur in Spuren. Daher erlaubt Moses auch Ehescheidung, und das zeitgenössische Judentum tut es auch.

Für die virulente Frage der Ehescheidung und der Homo-Ehe bedeutet der Blick in das Markusevangelium 10, 9 und den Epheserbrief 2, 5: Wer Ehen, die wirklich Ehen waren und sind, scheidet oder die Scheidung dann zusätzlich rituell begünstigt (zum Beispiel durch Scheidungsgottesdienste), der zerstört Gottes eigenstes und wesentlichstes Tun. Und das Versöhnen Gottes bezieht sich auch auf die Heilung maroder Ehen.

Zugleich wird auch die Homo-„Ehe“ nicht verständlich. Denn Gott versöhnt und verbindet das Unterschiedliche und nicht das Gleiche. Und es ist evident, dass im Fall der Ehe und Familie das Unterschiedliche in den Geschlechtern liegt. Anders als bei Charakter-Differenzen ist diese Unterschiedenheit so leibhaftig wie es nur möglich ist; daher gibt es auch einen engen Zusammenhang mit dem Schamgefühl beziehungsweise seinem Überspringen im Fall der Liebe. Max Scheler hatte das Schamgefühl als Bollwerk der persönlichen Einzigartigkeit angesehen. Diese Verschiedenheit ist keine bloß innerliche und gedankliche, sie ist nicht unsichtbar und durch Lernen ab- oder anzugewöhnen, sondern so markant, dass man sie nur durch eine aufwändige Operation beseitigen könnte.

Doch da ich weder blind noch taub bin, sind mir die Einwände gegenüber diesen eher schlichten Tatsachen bekannt. Denn, so fragt man, was heißt hier „Normalfall“? Da aber mittlerweile die Psychologie der hauptsächliche Zugang zum Menschen sei, könne man erkennen, dass in psychologischer Hinsicht die Unterschiede zwischen Mann und Frau entweder sehr relativ oder bunt verteilt seien.

Nun ist die Vereinung und Versöhnung, die Gott im wahrsten Sinne des Wortes stiftet, nicht Spiel oder l'art pour l'art. Vielmehr hat sie in allen Fällen einen ganz konkreten Zweck und Sinn. Die Vereinung und Versöhnung dient der Fortsetzung des Lebens und dem Erhalt der Schöpfung über die erste Generation hinaus. Die Kirche hat das in ihrer Definition der Ehe immer gesagt, obwohl diese ein wenig hölzern und altbacken daherkam: Erstes Ziel der Ehe sei die Hervorbringung von Kindern.

Man kann angesichts der Ablehnung der Homo-„Ehe“ durch die Kirche tausendmal unterstellen, eine derartige Haltung sei homophob. Evident ist trotzdem, dass die Homo-„Ehe“ zur Erhaltung der Menschheit nicht beiträgt. Es ist aber Leben, Weiterleben, Überleben stets das Ziel des Handelns Gottes zur Versöhnung der Unterschiede auf allen Ebenen: Die Erlösung durch Jesus Christus hat das ewige Leben zur Folge; die Versöhnung von Judenchristen und Heidenchristen rettet die Kirche vor dem Untergang. Die Versöhnung von Mann und Frau in der Ehe hat die Folge, dass ein neues Kind geboren wird und die Menschheit nicht ausstirbt. Und dieses ist das zweite Wunder, das man schon seit 2 000 Jahren mit der Erschaffung der Welt aus Nichts vergleicht: Jedes Baby kommt, etwas unscharf gesehen, aus dem Nichts. Es war vorher in gar keinem Sinne da.

Und auch in einer bedrohten Ehe hat die mögliche Versöhnung der Eheleute ihren stärksten Rückhalt in der von Gott her arrangierten Versöhnung als Erlösung von den Sünden. So kann die eine Versöhnung in die andere übergreifen, denn es ist ein und derselbe Gott. Und er kann im besten Sinne des Wortes sein Geschäft der Vereinung und Versöhnung der Unterschiedlichkeiten nicht lassen. Das Vergessen des Sakraments der Versöhnung und die steigende Zahl von Ehescheidungen, das hängt beides aufs engste zusammen.

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