„Das Wichtigste ist, Katholik zu sein“

Ein Gespräch mit dem ehemaligen Bischof der Episkopalkirche Reverend Jeffrey Steenson

Welcher Prozess liegt Ihrer Konversion zugrunde?

Innerlich waren bei mir die Kirchenväter entscheidend. Als Doktorand in Oxford las ich John Henry Newman über die Entwicklung der Lehre und merkte, dass der Protestantismus mit der Alten Kirche kaum vereinbar ist. Aber wie viele Anglikaner glaubte ich, dass es das Beste sei, geduldig auf die Versöhnung unserer Kirche mit der römisch-katholischen Kirche hinzuarbeiten. Meine Hoffnungen wurden jedoch enttäuscht. Schon bald kam es zur Kontroverse über die Frauenordination und dann über die Ordination und Ehe homosexueller Personen. Es waren keine Kernfragen, aber es war symptomatisch für das, was im Anglikanismus, besonders in der Episkopalkirche, vor sich ging. 2006 hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Wir Bischöfe arbeiteten damals an einer Antwort der Episkopalkirche auf den „Windsor Report“ des Erzbischofs von Canterbury. Er schlug für alle Provinzen der Anglikanischen Kommunion eine einheitliche Kirchendisziplin vor. Bei wichtigen Entscheidungen sollten die einzelnen Provinzen sich dem Urteil der Anglikanischen Kommunion fügen. Meine Kollegen sagten: „Das werden wir nicht tun, denn die Episkopalkirche ist von ihrem Wesen her demokratisch geordnet.“ Da wurde mir plötzlich bewusst, dass ich in einem Zug saß, der nicht in Richtung der katholischen Einheit fuhr, sondern in die andere Richtung. Viele meiner Freunde wollten damals eine „alternative“ Anglikanische Kommunion schaffen. Ich konnte diesen Weg nicht mitgehen, denn es schien mir eine rein protestantische Lösung zu sein. Im Protestantismus fängt man einfach wieder neu an, wenn einem etwas nicht gefällt – aber das entsprach ganz und gar nicht meinem Kirchenverständnis. Ich beschäftigte mich schon lange mit Irenäus von Lyon. In seinem Werk „Gegen die Häresien“ schreibt er, dass alle Kirchen im Einklang stehen müssen mit der Kirche von Rom, wegen ihrer apostolischen Gründung. Dieser Text wurde für mich zum Prüfstein. Die Zeit war reif, und meine römisch-katholischen Freunde machten mir Mut. Es war nicht einfach, als Mittfünfziger noch einmal von vorne anzufangen. Ich bin dankbar für meine Amtsjahre in der Episkopalkirche, aber ich bin sehr glücklich, katholisch zu sein.

Sie haben einmal gesagt: „Um die katholische Eucharistie herum ist die Luft dichter, und das liegt nicht am Weihrauch, denn in der anglikanischen Kirche benutzen wir mehr Weihrauch“.

Die anglikanische Hochkirche ist sehr stolz auf ihre schöne Liturgie: der Weihrauch, die Musik, die herrlichen Gotteshäuser, die wunderbare liturgische Sprache. Aber all das erschien mir nicht real. Wir schaffen uns damit eine Atmosphäre. In der katholischen Kirche dagegen nehmen wir etwas wahr, das nicht aus uns selbst kommt, sondern von weit außerhalb: die Präsenz Christi. Christus ist wirklich präsent. Er wird durch mein Zutun nicht mehr präsent als er es im Sakrament bereits ist. Daher ist auch in der einfachsten, bescheidensten katholischen Kirche alles realer. Philosophisch könnte man von Nominalismus sprechen: Der Anglikanismus gibt vor, eine katholische Liturgie zu haben, ich glaube jedoch, dass er nominalistisch ist.

2006 wurde Katherine Jefferts Schori zum Primas der Episkopalkirche gewählt, als erster weiblicher Primas innerhalb der Anglikanischen Kommunion. Da nicht alle Diözesen die Bischofsweihe von Frauen anerkennen, ist ihre Wahl umstritten. Wurde Ihre Konversion davon beeinflusst?

Nein. Ich hatte mich schon vor ihrer Wahl dazu entschlossen. Katherine war für mich ein Geschenk, das die Entscheidung, die ich im Herzen trug, bestätigte. Sie ist ein sehr liebenswerter Mensch. Theologisch haben wir nicht viel gemeinsam, aber sie hat die Probleme in der Episkopalkirche nicht verursacht.

Waren Sie sicher, auch nach Ihrer Konversion als Priester dienen zu können?

Nein, und ich war mir dessen bewusst. Das war sehr schwer. Man muss den Schritt im Glauben tun. Als Konvertit muss man lernen, die Entscheidungen der Kirche zu akzeptieren. Das Wichtigste ist, Katholik zu sein. Ob ich Priester bin oder nicht, ist zweitrangig. Ich wäre auf jeden Fall konvertiert. Ich wusste, dass ich nicht bleiben konnte. Wenn man sich einem Weg nicht aus ganzem Herzen hingeben kann, dann sollte man ihn nicht weitergehen.

Wie hat die anglikanische Kirche reagiert?

Die Ultraliberalen jubelten. Sie waren wahrscheinlich froh, dass ich ging. Die Konservativen taten sich schwer mit meiner Entscheidung. Sie hatten gehofft, dass ich mich für einen konservativen, biblischen Anglikanismus einsetzen würde, von der Episkopalkirche getrennt. Sie waren sehr betroffen. Es war eine schwere Entscheidung. Als ich den katholischen Erzbischof von Santa Fe um Rat fragte, sagte er: „Sagen Sie den Menschen, dass es eine Gewissensentscheidung ist. Das werden sie akzeptieren“. Er hatte recht. Als ich in New Mexiko zum Priester geweiht wurde, gab es darüber einigen Unmut. Das war sehr unangenehm. Aber die Zeit heilt alle Wunden. Aus den Augen, aus dem Sinn: Auch deshalb verbringe ich dieses Jahr in Rom, damit sich die Situation entspannt.

Wie steht Ihre Familie, besonders Ihre Ehefrau, zu Ihrer Entscheidung?

Meine Frau Debbie und ich haben solange gewartet, bis auch sie zu diesem Schritt bereit war. Ich hätte es schon früher getan. Aber es war besser zu warten, bis wir es gemeinsam tun konnten. Sie ist sehr glücklich darüber. Kardinal Law hat uns 2007 gemeinsam in die Kirche aufgenommen, hier in Rom, in Santa Maria Maggiore, wo ich ein Jahr später auch zum Diakon geweiht wurde. Bevor Kardinal Law Erzbischof von Boston wurde, arbeitete er an der „Pastoral Provision“. Ich kannte ihn schon lange; es war mein großer Wunsch, von ihm in die Kirche aufgenommen zu werden. Johannes Paul II. hat die „Pastoral Provision“ 1980 approbiert. Als er 1978 gewählt wurde, war ich Student in Harvard. Im Fernsehen sah ich, wie er die Loggia des Petersdoms betrat, und da hatte ich das seltsame Gefühl – fast eine mystische Schau –, dass ich eines Tages zu seiner Kirche gehören würde. Ich wollte unter ihm katholisch werden. Aber ich verpasste die Gelegenheit. Als er starb, war ich sehr unglücklich darüber, dass ich es mir nicht zum Ziel gesetzt hatte. Benedikts Wahl war jedoch ein Segen. Ich war ihm 1993 begegnet und bewundere ihn sehr. Diese zweite Gelegenheit wollte ich nicht verpassen.

Welche Hoffnungen haben Sie für den ökumenischen Dialog?

Meine Hoffnungen sind größer denn je, auch wenn sie jetzt natürlich andere Formen annehmen. Letztes Jahr sagte Kardinal Kasper, dass der bisher beschrittene Weg einer Änderung bedarf. Es gibt eine große Mauer. Wenn die anglikanische Kirche weiter weibliche Bischöfe weiht, dann ist das ein unüberwindliches Problem. Es ist wichtig, die Türen offenzuhalten und die Gespräche fortzusetzen. Die katholische Kirche kann und sollte ihre Lehre nicht ändern. Aber vielleicht erleben viele Protestanten eine Umkehr des Herzens. Ich kenne zwei Frauen, die Priester in der Episkopalkirche waren und ihr Amt aufgegeben haben, um katholisch zu werden. Ich bewundere sie sehr. Ich bewundere ihren Mut. Solche Menschen sind für mich wirkliche Helden. Für mich war es nicht so schwer, aber sie haben ein großes Opfer gebracht. Kürzlich habe ich „Lumen gentium“ noch einmal gelesen. Auch hier wird deutlich, dass die Annäherung letztlich zur katholischen Einheit führt. Es hat mir auch gutgetan, durch „Lumen gentium“ noch einmal daran erinnert zu werden, dass jeder, der überzeugt ist, dass Christus die katholische Kirche gegründet und sie dem Petrus anvertraut hat, verpflichtet ist, entsprechend zu handeln; es wird für ihn zur Frage des Heils. Diese Botschaft möchte meinen Freunden, die noch Protestanten sind, vermitteln. In Gottes Zeit wird sich alles zum Guten wenden. Darauf vertraue ich. Die katholische Kirche braucht keinen Triumphalismus. Ich möchte nur Zeugnis geben von meiner Dankbarkeit und meiner Freude, katholisch zu sein.

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