Das vergessene Freiheitsmodell

Die Braut Christi und die Geschichte der Familienformen in Europa. Von Maria Palmer

Es ist ein Modell, das heute außerhalb der Kirche kaum noch jemand kennt und das offenbar nur noch wenige Frauen anziehend finden – die Lebensform als Braut Christi. Egal ob man das Dasein als sponsa, als virgo consecrata in einem weltlichen Umfeld oder in einer klösterlichen Gemeinschaft lebt – wer sich für diese Alternative entscheidet, wird in der Regel angefragt. Ganz ähnlich war die Situation in der Spätantike. Auch dort leuchtete es den Zeitgenossen zunächst nur sehr schwer ein, warum eine Frau sich weigerte, Ehefrau und Mutter zu werden und stattdessen ein Verlöbnis mit jemandem einging, den nur die wenigsten mit den Augen ihres Leibes zu sehen vermögen. Dass die Idee eines Lebens als Braut Christi weder im jüdischen noch im antik-römischen Umfeld als naheliegend oder einleuchtend empfunden wurde, hängt mit dem ganz anders geprägten Frauen- und Familienbild zusammen. In beiden Kulturen galt das Eingebundensein der Frauen in familiäre Strukturen als einzig wahrer Weg. Wie ernst man diese Lebensweise nahm, wird an dem in beiden Kulturen erkennbaren Bestreben deutlich, eine verwitwete Frau möglichst bald wieder zu verheiraten. Jesus wird in einem Streitgespräch mit den Sadduzäern ja nicht umsonst mit der Frage konfrontiert, mit wem eine Frau denn im Himmel verheiratet sein würde, nachdem sie nacheinander alle Brüder ihres ersten, früh verstorbenen Mannes geehelicht hat. Auch im alten Rom sah man es nicht gerne, wenn eine Frau ihre Witwenschaft und die damit verbundene Unabhängigkeit allzu offensichtlich genoss. Alternativen zum Modell Ehefrau und Mutter gab es zwar. In Griechenland machten einige selbstbewusste Hetären und Philosophinnen Karriere, ohne sich dauerhaft an einen Mann zu binden. Einige von ihnen waren verheiratet, andere, wie die in neuplatonisch-philosophischen Zirkeln wirkende Hypathia lebten sogar sexuell enthaltsam, aber das galt den Römern wie so viele griechische Bräuche als höchst verdächtig und war keineswegs mit der Sittenstrenge der mores maiorum vereinbar. Umso irritierter reagierten die männlichen Mitglieder sowohl der jüdischen als auch der römischen Gesellschaft auf die Begeisterung, mit der einige Christinnen die Idee von einer sie ganz beanspruchenden Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus aufgriffen.

Wie es dennoch gelang, diese Lebensform zu etablieren und zu einem Erfolgsmodell zu machen, das die Familienformen Europas nachhaltig veränderte, erklären die Beiträge des vorliegenden, ausgezeichnet gestalteten Bandes zum Thema Braut Christi. Ausgehend von der Frage, warum das sponsa-Modell kaum noch gelebt wird und welche Lebensformen ihm heute entsprechen können, erzählen die Autorinnen und Autoren in Streiflichtern aus Geschichte und Literatur von den bereits erfolgreich praktizierten Modellen dieser Lebensform und deren begeisterter, aber auch kritischer Rezeption.

Susanna Elm und Barbara Vinken zeichnen in ihrem einführenden Beitrag zunächst die Grundlinien nach und legen dar, wie sich in einer Gesellschaft, für deren Mentalität das jungfräuliche Leben bis auf wenige Ausnahmen, wie etwa die Priesterinnen im römischen Vestatempel, fremd war, diese Idee entwickelte. Die Schwierigkeiten im Umgang mit dem Weg der Frauen in ein Leben, das zugleich von enger Bindung und neuer Freiheit gekennzeichnet war, zeigen sich deutlich im männlichen Diskurs darüber – jenen Quellenzeugnissen, die als Verschriftlichung einer engagiert geführten Debatte heute noch vorliegen.

Um das neue Modell zum Erfolg zu führen, mussten zwei Textgruppen zusammengedacht werden, das Hohelied und das Neue Testament, die beide als Fundgruben für ein idealtypisches weibliches Leben verstanden wurden. Dabei kam es entscheidend darauf an, ob man die Heilige Schrift allegorisch, typologisch oder als historisches Dokument verstand. Maria, die sich als Magd des Herrn bezeichnete, wurde zumindest für römische Frauen das ideale Rollenmodell, begriff sie sich doch auf der einen Seite als ganz Gott zugehörig, wurde im Protoevangelium Jacobi jedoch zugleich als Tochter aus wohlhabendem Hause dargestellt. Da sie zudem auch Mutter war, wurde sie vor allem für die reichen christlichen Römerinnen zum Vorbild für ihre zumeist in der eigenen Familie praktizierte, zurückgezogene, quasi klösterliche Lebensform, die sowohl von vorneherein als auch nach einer Familienphase gewählt werden konnte, wie die Frauen rund um den Kirchenvater Hieronymus zeigen.

Gemeinsam mit den Herausgeberinnen gehen Gianluca Solla, Virginia Burrus, Nikolaus Largier, Beate Fricke, Cornelia Wild, Uta Felten, Michael Rieser, Cordula Reichart und Edi Zollinger den Spuren des in der Spätantike grundlegend ausgebildeten und in verschiedenen klösterlichen wie häuslichen Lebensformen erprobten sponsa-Modells nach. Einen besonderen Schwerpunkt bilden dabei naturgemäß die Beiträge weiblicher Mystikerinnen, bei denen die persönliche Verbindung zu Jesus Christus im Schauen über die physische Wirklichkeit hinaus ihre ganz eigenen Früchte hervorbrachte. Genau jenes Lebensmodell der intensiven transzendentalen Bindung wiederum findet sein Echo in der Literatur, in der etwa Dante und Beatrice sich in einer ebenfalls die irdische Wirklichkeit übersteigenden Liebe begegnen. Aber auch die spanischen Romane des 19. Jahrhunderts sind als eine Form der Mystikrezeption lesbar. Dasselbe gilt für die Bezugnahme auf das christliche sponsa-Modell durch Charles Baudelaire und Simone de Beauvoir. Beide Autoren präferieren zwar gänzlich andere Lebensformen und zeichnen sich daher durch eine Dekonstruktion des in der Spätantike entstandenen Idealbildes unabhängigen und zugleich eng mit Jesus Christus verbundenen weiblichen Lebens aus. Genau dieser – übrigens vergebliche – Versuch der Zerstörung aber konnte nur unternommen werden, weil das Sponsa-Modell zu Lebzeiten dieser Autoren noch eine derart starke Faszination ausübte, dass sie sich die Mühe machten, beweisen zu wollen, dass ihre scheinbar freiere Lebensform die bessere sei.

Die in diesem Buch vereinten Beiträge wurden in der Villa Vigoni am Comer See erstmals vorgetragen. Der lebendige Diskurs dieser Tage prägt auch diesen lesens- und empfehlenswerten Band. Vielleicht trägt seine Lektüre dazu bei, die gebundene und zugleich unendlich freie Lebensform der sponsa Christi, die Frauen und Männern gleichermaßen offensteht, wieder stärker in den Blick zu nehmen

Susanna Elm, Barbara Vinken (Hg.): Braut Christi. Familienformen in Europa im Spiegel der Sponsa. Fink Verlag, Paderborn, 2016, 199 Seiten, ISBN 978-3-7705-5848-3, EUR 29,90

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier