Das soziale Gewissen sprengt Konventionen

Die amerikanische Journalistin Dorothy Day soll seliggesprochen werden. Von Stefan Meetschen
Foto: IN | Dorothy Day im Jahr 1938. Als überzeugte Pazifistin erntete sie während der Jahre des Spanischen Bürgerkriegs heftige Kritik in Kirchenkreisen.
Foto: IN | Dorothy Day im Jahr 1938. Als überzeugte Pazifistin erntete sie während der Jahre des Spanischen Bürgerkriegs heftige Kritik in Kirchenkreisen.

Am Mittwoch hat Papst Benedikt XVI. während der Generalaudienz die Amerikanerin Dorothy Day erwähnt. (1897–1980). Gott habe sie zu einer bewussten Zustimmung zur Kirche geführt und zu einem Leben, das den Geplagten gewidmet gewesen sei (DT 16. Februar 2013). Die ungewöhnliche Biografie der Journalistin fasziniert und irritiert bis heute. Als „interessant und für manche Menschen auch verwirrend“ bezeichnet die Direktorin der amerikanischen Organisation „Women for Faith and Family“ (Frauen für Glaube und Familie), Helen Hull Hitchcock, gegenüber dieser Zeitung das religiöse Handeln und Leben von Dorothy Day.

Im November 2012 hatten sich die amerikanischen Bischöfe bei ihrer Jahresvollversammlung für die Seligsprechung Days ausgesprochen. Day, die nach ihrer Konversion zur katholischen Kirche im Jahre 1927 als Mitgründerin der Catholic Worker-Bewegung und Herausgeberin einer Zeitung gleichen Titels mit zahlreichen Artikeln und Aktionen für Aufsehen sorgte, sei, so Hitchcock, in sozialen Fragen zwar „eher links“ gewesen, jedoch immer im Einklang mit der katholischen Lehre. Hinsichtlich ihrer Haltung zur Liturgie und Morallehre der Kirche könne man Day dagegen durchaus als „ultra-konservativ“ bezeichnen, ist Hitchcock überzeugt. „Sie mochte nicht die unter manchen Katholiken verbreitete Auffassung, dass man die Liturgie nach eigenen Vorstellungen verändern und selbst gestalten kann.“

Zweite Schwangerschaft und Bekehrung

Im Jahr 1955 ordnete sich Day intensiv in das spirituelle Gefüge der Kirche ein: Sie wurde Benediktiner-Oblatin der Abtei St. Procopius in Lisle (Illinois). Sie verband also das benediktinische „Pax“ mit der politischen Friedensarbeit, wie sich der heutige Direktor der dortigen Oblaten, David Turner, gegenüber der „Tagespost“ erinnert. „Sie ist mir einmal persönlich in St. Procopius begegnet. Bei einem Vortrag. Eine sehr bescheidene Frau, die nicht viel Aufhebens um sich machte und sich ganz dem Beten und Arbeiten verpflichtet fühlte. Der Regel unseres Ordens.“ Dorothy Day selbst hob in einem Artikel hervor, dass in St. Procopius neben dem römischen auch der östliche Ritus gepflegt werde. Die Versöhnung von Rom und der orthodoxen Kirche lag ihr sehr am Herzen.

Wie natürlich auch das Thema Lebensschutz, das für die 1897 in Brooklyn geborene Day früh eine persönliche, wenn auch traurige Dimension erhielt. Nach einer Affäre mit dem damals renommierten Journalisten Lionel Moise wurde die in jungen Jahren als Reporterin für sozialistische Zeitungen arbeitende Day schwanger und ließ das Kind abtreiben. Sie verließ Moise, heiratete standesamtlich den Literaturagenten Barkeley Tobey, um nach einer einjährigen Hochzeitsreise durch Europa enttäuscht festzustellen, dass sie diesen nicht liebe. Noch einmal nahm sie die Affäre mit Lionel Moise auf. Nach ein paar Monaten endete diese amour fou dann endgültig.

Wenn auch nicht die Wirrungen in Dorothy Days Liebesleben. Sie begann eine wilde Ehe mit dem englischen Botaniker Forster Batterham, der aus seiner Abneigung gegenüber Days aufkeimender Religiosität keine Scheu machte. Die Beziehung geriet in eine ernsthafte Krise, als Dorothy Day zu ihrer Überraschung und großen Freude erneut schwanger wurde. Batterham lehnte die Geburt des Kindes ab, doch Day setzte sich durch und trug das Kind aus. Am 3. März 1927 wurde Tamar Theresa Day (1927–2008) geboren und katholisch getauft. Nach Angaben von Dorothy Days Biografen Jim Forest („Love is the Measure: A Biography of Dorothy Day“) der Grund für den „endgültigen Bruch“ zwischen Day und Batterham. Ende des Jahres 1927 ließ sich Dorothy Day ebenfalls katholisch taufen und trat in die katholische Kirche ein.

Mit diesem Schritt begann ein neues, begann das entscheidende Kapitel in ihrem Leben. Fortan schrieb sie für katholische Magazine. Nicht ohne – konfrontiert mit der durch die Große Depression verursachten sozialen Not der damaligen Zeit – an der Wirksamkeit ihres journalistischen Tuns zu zweifeln. Die Wende oder wenn man so will zweite Bekehrung ereignete sich am 8. Dezember 1932, als Day in Washington einen kommunistischen „Hunger-Marsch“ arbeitsloser Arbeiter betrachtete. Es ging ihr auf, dass ihr bisheriges Leben als Katholikin zu „selbstbezogen“ war und ihr der Sinn für das Gemeinschaftsleben fehlte. Am damals noch unvollendeten Schrein der Unbefleckten Empfängnis nahe der Katholischen Universität bat sie Gott darum, ihre Talente zukünftig sozialer entfalten zu dürfen. Das Gebet wurde erhört. Bereits am nächsten Tag lernte sie in New York den früheren Mönch Peter Maurin, einen französischen Immigranten, kennen und entschloss sich unter seiner Inspiration, ihre eigene Zeitung herauszugeben: Den Catholic Worker, der gezielt um soziale Themen kreiste und an die Lehre der Kirche hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit erinnerte.

Days Küche war das Redaktionsbüro, eine achtseitige Ausgabe kostete (und kostet bis heute) einen Cent. Innerhalb weniger Monate steigerte sich die Auflage von 2 500 auf 100 000 Exemplare. Doch nicht nur das: Viele Obdachlose klopften an ihre Tür und baten um eine warme Mahlzeit und Unterkunft. Day und Maurin sagten nicht Nein und schon bald entwickelte sich aus dem redaktionellen Notaufnahmelager ein ganzes Netz von Catholic Worker-Häusern und Appartements, die den Armen eine Unterkunft schenkten. Auf Days Wunsch: ohne zu großen Evangelisationsdruck. 33 Häuser waren es bereits 1936, quer über das ganze Land verteilt.

Den Antrieb für dieses gewaltige Pionierwerk der Barmherzigkeit und Nächstenliebe bezog Dorothy Day aus der Heiligen Schrift und dem Antlitz Christi in jedem Armen. In ihrer schon 1952 verfassten Autobiographie „The long loneliness“ (Die lange Einsamkeit) drückt sie die schonungslose Solidarität mit den Armen so aus:„Wir kennen alle die lange Einsamkeit und wir haben gelernt, dass die einzige Lösung dafür die Liebe ist und das Liebe von einer Gemeinschaft kommt.“

Dabei unterließ es die Tochter eines Journalisten nicht, sich immer wieder in öffentliche Diskussionen mit einzumischen. Als radikale Pazifistin sorgte sie für Empörung, als sie sich von beiden Lagern des Spanischen Bürgerkriegs distanzierte. Also auch von General Franco, der vielen Lesern ihrer Zeitung als Verteidiger des Christentums in Spanien erschien. Zwei Drittel ihrer Leserschaft verlor sie durch diese kompromisslose Haltung. Den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg kritisierte Day später genauso wie den Abwurf der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Die Teilnahme an staatlichen Zivilschutzübungen lehnte sie ab, wofür sie – nicht zum ersten und letzten Mal – vorübergehend inhaftiert wurde. Das letzte Mal gelangte sie im Alter von 75 Jahren hinter Gittern, als sie sich bei einem Streik für die Rechte von Farmarbeitern einsetzte.

Die 1960er Jahre waren für Dorothy Day eine ambivalente Zeit: Zwar freute sie sich über die Enzyklika „Pacem in terris“ von Papst Johannes XXIII. und die während des Konzils formulierte Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute, weil sich die Kirche darin aus Days Sicht zu einer kritischeren Haltung gegenüber Kriegshandlungen durchrang, doch die kriegerischen Handlungen ihres Heimatlandes in Vietnam missfielen Day. Auch die aufkommende Hippie-Bewegung sah sie kritisch. Erkannte sie in der Propagierung von freier Liebe und ungezügelter Sexualität doch eine Wiederkehr der (persönlich erlebten) Irrtümer der 1920er Jahre. Vehement leistete sie gegen Vereinnahmungsversuche durch Vertreter dieser Bewegung Widerstand. Wie allerdings auch gegenüber kirchlichen Autoritäten, die sie mehrmals aufforderten, das Wort „Catholic“ aus der Bezeichnung ihrer Zeitung und Organisation zu streichen, um dem falschen Eindruck vorzubeugen, es handle sich um offizielle kirchliche Einrichtungen. Der Titel „Catholic Worker“ blieb.

Wie sehr Dorothy Day mit ihrem Leben und Wirken in der Kirche verankert war, zeigt sich in einer kleinen Geste. Von Frau zu Frau sozusagen. War es doch Mutter Teresa persönlich, welche Day bei einem Besuch das Kreuz ihrer Kongregation, das die Missionarinnen der Nächstenliebe tragen, ans Kleid heftete. Ein Zeichen der Verbundenheit und gleichen religiösen Gesinnung.

Aus Sicht von Helen Hull Hitchcock hat Dorothy Day in jedem Fall das Zeug, gläubigen Frauen des 21. Jahrhunderts als Vorbild zu dienen. „Sie hat die moralische Doktrin der Kirche befolgt. Auch wenn man hinsichtlich ihrer politischen Ansichten auch kritisch sein kann. Es ging ihr jedoch immer darum, die Liebe Christi zu zeigen und zu verwirklichen. Unter den Ärmsten der Armen.“

Bleibt also nur ein Problem. Zeit ihres irdischen Lebens lehnte es Dorothy Day, wie Pater David Turner betont, strikt ab, als Heilige verehrt zu werden. Überliefert sind ihre Worte: „Nennt mich nicht eine Heilige. Ich möchte nicht so einfach abgetan werden.“ Diese Einstellung müsste sie nun allerdings revidieren – im kompromissbereiten Gehorsam gegenüber den Richtlinien des offiziellen Seligsprechungsverfahrens.

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