Das Schatzkästlein der Stiftsbibliothek St. Gallen

Wertvolle mittelalterliche Bestände. Von Alexander Brüggemann

St. Gallen (DT/KNA) Die Fürstabtei St. Gallen galt wegen ihrer Bibliothek als achtes Weltwunder. Der nach ihr benannte „Klosterplan“ ist weltberühmt und diente als Maßstab und Vorbild für mittelalterliche Klosterbauten. Die Stiftskirche setzte Maßstäbe barocker Baukunst. Dass all dies bis heute zu bewundern ist und dass Bistum, Stadt und Kanton noch bis Ende Oktober ein großes Festprogramm zum 1 400-Jahr-Jubiläum organisieren, ist aber keineswegs selbstverständlich. Denn während der Säkularisation 1805 wurde die Abtei aufgehoben. Mehr als 100 Mönche mussten damals das Kloster verlassen; der gesamte Besitz wurde verstaatlicht. Zuvor hatte das Benediktinerkloster goldene Zeiten erlebt. Um 612 ließ sich Gallus, ein Wandermönch aus dem Kreis um den Missionar Kolumban, am Flüsschen Steinach nieder und gründete eine Mönchszelle, der sich später weitere Gefährten anschlossen: die Keimzelle des Klosters und der heutigen Stadt St. Gallen. Nach Gallus' Tod machte der Alamanne Otmar das schnell wachsende Kloster zu einer Stütze der fränkischen Herrschaft in der Region. Nach der Einführung der Benediktinerregel 747 entstand ein Skriptorium, das bis zum Ungarn-Einfall 926 seinesgleichen suchte. Die Handschriften bilden bis heute den Grundstock für die weltberühmte Bibliothek. Auch im Hochmittelalter dauerte die Blüte an. Selbst als der Kanton St. Gallen Mitte des 16. Jahrhunderts reformiert wurde, beschädigten und zerstörten Bilderstürmer zwar das Inventar der Klosterkirche. Den Äbten gelang es jedoch, ihre weltliche Herrschaft und den umfänglichen Landbesitz des Klosters noch über Jahrhunderte zu behaupten. Nach der Französischen Revolution forderten allerdings auch die Untertanen der Fürstabtei mehr Rechte und Freiheiten. 1798 fand die politische Herrschaft der Abtei ihr Ende. Mit dem Stand als Reichsfürst verlor Abt Pankraz Vorster auch Sitz und Stimme im Reichstag; er ging ins Exil. Und als das revolutionäre Frankreich die „Helvetische Republik“ schuf, umfasste diese auch die früheren Gebiete der Abtei. Am 8. Mai 1805 schließlich beschloss der Kantonsrat die Aufhebung der Abtei, in der noch rund 100 Mönche lebten. Immerhin: Wie schon während der Reformation wurde der größte Schatz des Klosters, seine Bibliothek, auch diesmal nicht in alle Winde zerstreut - wie es während der Säkularisierung europaweit in Hunderten anderen Fällen geschah. Der Kanton beließ die wertvollen Handschriften und Bücher an ihrem Platz. 1813 wurde sie sogar in katholische Verantwortung zurückgegeben – als öffentliche Bibliothek. Diese existiert bis heute und umfasst etwa 2 100 Handschriften, viele davon aus dem achten und neunten Jahrhundert, mehr als 1 000 Urkunden, 1 650 frühe Drucke (Inkunabeln) sowie 150 000 weitere Bände. Ein besonderer Schatz ist neben dem prächtigen barocken Bibliotheksbau selbst ein Vaterunser aus der Zeit um 790, das älteste in althochdeutscher Sprache („Fater unser thu bist in himile“). Außer christlichen Handschriften finden sich zudem eine Vergil-Abschrift aus dem vierten Jahrhundert sowie kostbare mittelalterliche Kopien von Werken Sallusts, Ovids und anderer antiker Autoren. Berühmteste Handschrift ist der um 820 entstandene „St. Galler Klosterplan“, der idealtypisch die liturgischen, die Wohn- und die Wirtschaftsgebäude in ein harmonisches Verhältnis stellt. „Er ist so etwas wie unsere Mona Lisa“, sagt Bibliotheksdirektor Ernst Tremp. Derzeit arbeitet er daran, den aus konservatorischen und Sicherheitsgründen nicht im Original ausgestellten Klosterplan mit moderner 3D-Technik visuell erfahrbar zu machen. „Denkbar wäre etwa, mit Hilfe einer speziellen Videobrille virtuell in die gezeichneten Gebäude hineinblicken zu können.“ Das ist freilich noch Zukunftsmusik.

Themen & Autoren

Kirche