„Das Lehramt kann nicht im Jahr 1962 stehenbleiben“

Ein Gespräch mit Erzbischof Guido Pozzo über die Zukunft der überlieferten Liturgie und zeitgemäße Verkündigung. Von Regina Einig
Foto: Banacki | Erzbischof Guido Pozzo.
Foto: Banacki | Erzbischof Guido Pozzo.

Das Interesse an der überlieferten römischen Liturgie bleibt auch im Pontifikat von Papst Franziskus lebendig. Im Bistum Trier hat sich eine junge Schwesterngemeinschaft in Kloster Engelport niedergelassen und feiert die die Liturgie in der außerordentlichen Form des römischen Ritus. Regen Zulauf verzeichnet auch die Petrusbruderschaft. Ende Juni werden Kandidaten aus fünf Nationen zu Priestern geweiht. Ein Problem bleibt die Aussöhnung mit der von Rom getrennten Priesterbruderschaft Pius X. Den Dialog mit ihnen leitet Kurienerzbischof Guido Pozzo. Seit 2013 ist er Sekretär der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei. Im mittelschwäbischen Marienwallfahrtsort Maria Vesperbild sprach Regina Einig mit ihm.

Exzellenz, Sie stehen in regelmäßigem Austausch mit den Ecclesia-Dei-Gemeinschaften, die den überlieferten römischen Ritus feiern. Hat die außerordentliche Form der römischen Messe Zukunft?

Ich denke ja. Ich stelle fest, dass an den Messen, die ich zelebriere, bemerkenswert viele Jugendliche teilnehmen. Es kommen nicht nur Menschen, die Heimweh nach dem alten Ritus haben, sondern Menschen, die bei der Liturgie die Begegnung mit Gott suchen.

Um die Verhandlungen mit den Piusbrüdern ist es ruhig geworden. Können Sie etwas zum Stand der Verhandlungen sagen?

Ich kann nicht detailliert auf einzelne Fragen eingehen, aber zwei Dinge sagen: Ruhe bedeutet nicht, dass die Kontakte und Begegnungen nicht weitergeführt würden. Ganz im Gegenteil. Die Kontakte bestehen, und es finden regelmäßig Treffen statt. Es wurde ein Arbeitsplan aufgestellt, und wir kooperieren in einem Klima des Vertrauens und in dem Bewusstsein, dass es Schwierigkeiten gibt, die es zu überwinden gilt.

Was kann den Verhandlungsausgang positiv beeinflussen?

Es gibt ein paar Lehrfragen, die präzisiert und geklärt werden müssen. Das ist das eine. Darüber hinaus ist es wichtig, ein Klima des gegenseitigen Vertrauens zu schaffen. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. darf sich nicht aus der Kirche ausgeschlossen fühlen. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. verfügt über einen zu schützenden lehrmäßigen und spirituellen Reichtum, einen Schatz, der zweifellos anerkannt werden muss. Das Hauptproblem, das es zu überwinden gilt, ist meiner Meinung nach folgendes: Das kirchliche Lehramt kann nicht im Jahr 1962 stehenbleiben. Gleichzeitig ist klar, dass das Lehramt eines und ungeteilt ist. Das jetzige Lehramt der Kirche darf also nicht wie ein Bruch, eine Abwendung von der vorherigen Tradition ausgelegt werden. Es kann eine Entwicklung geben, aber sie muss homogen sein.

Die Entscheidungen in der Pastoral und im Arbeitsrecht in Deutschland legen aber derzeit nahe, dass ein Bruch mit der traditionellen Lehre der Kirche zu Ehe und Familie in Teilen des deutschen Katholizismus faktisch vollzogen wird. Was bedeutet das für den Dialog mit der Priesterbruderschaft?

Darauf muss die Kirche in Deutschland eine Antwort geben, nicht ich. Ich kann meinerseits nur erklären, dass die kirchliche Doktrin über die Familie, die Ehe und auch über Homosexualität vollkommen eindeutig und beständig ist. Sie wurde immer auf diese Weise gelehrt und wird immer auf diese Weise gelehrt werden, denn niemand kann die Lehre der Kirche auf dem Gebiet der Moral verändern. Es gibt Probleme pastoraler Art, die den Umgang mit Menschen in irregulären Situationen betreffen. Das ist sicher eine Frage, der sich die Kirche ernsthaft stellen muss. Diese Frage muss sich auch die Priesterbruderschaft St. Pius X. stellen, insoweit sie Teil der katholischen Kirche sein möchte. Aber das pastorale Problem verändert nicht die Lehre. Wenn es sich um katholische Seelsorge handelt, ist die Lehre – und die Disziplin der Kirche – die Voraussetzung. Das heißt vor allem, dass wir die wahre Identität, das wahre Verständnis, die wahre Schönheit der Ehe und der Sexualität wieder aufzeigen müssen, wie Johannes Paul II. das in seinen langen Katechesen getan hat, und die aufzuzeigen und zu repräsentieren die Päpste natürlich aufgerufen sind. Man muss neue Wege finden, um dafür zu sorgen, dass die christliche Botschaft von den Menschen unserer Zeit angenommen wird. Das stellt eine große Schwierigkeit dar. Gerade aus diesem Grund wollte der Papst die Synode. Es reicht nicht aus, die Lehre zu wiederholen, um das Gewissen der heutigen Menschen zu erreichen. Man muss Wege finden, um den heutigen Menschen die christliche Lehre, die christliche Botschaft – und auch ihre sehr strengen Aussagen – nahezubringen.

Wie steht der Heilige Vater zu den Ecclesia Dei-Gemeinschaften?

In Italien ist weithin bekannt, dass der Heilige Vater die Rechtsgültigkeit des Motu proprio „Summorum pontificum“ bestätigt hat, auch vor einer Gruppe von Bischöfen. Bei „Ecclesia Dei“ gab es keinerlei Beschränkungen, was unsere Institute anbelangt oder unsere Praxis, nach dem alten Ritus zu zelebrieren. Das Problem, das dem Heiligen Vater meiner Meinung nach am Herzen liegt, ist, dass die Liturgie nicht ideologisiert wird, weder im alten Ritus, noch im Novus Ordo. Er will nicht, dass die Liturgie instrumentalisiert wird, um eine bestimmte ideologische Auffassung durchzudrücken, sei es politischer, sei es theologischer Art. Die Konfrontation der beiden liturgischen Formen hat keinen Sinn und muss überwunden werden.

Themen & Autoren

Kirche