Das Leben im Himmel erden

Eindrücke vom Stundengebet während des Eucharistischen Kongresses. Von Claudia Kock
Das Gebet holt uns zurück auf den festen Boden der Realität
Foto: dpa | Das Gebet entführt uns nicht in Traumsphären, sondern holt uns zurück auf den festen Boden der Realität.

„Der Herr ist mein Hirt, er führt mich an Wasser des Lebens“: Die bekannten Worte aus dem 23. Psalm erfüllen an diesem Morgen die Kirche „Maria vom Frieden“ am südlichen Rand der Altstadt von Köln. Hier fand 1949 die Gemeinschaft der Kölner Karmelitinnen ein neues Zuhause, nachdem der Karmel in Köln-Lindenthal, in dem die heilige Edith Stein vor ihrer Übersiedlung nach Holland und ihrem anschließenden Martyrium in Auschwitz lebte, im Krieg ein Opfer der Flammen geworden war. 17 Pilger des Eucharistischen Kongresses haben sich zu früher Stunde dem Morgenlob der Schwestern angeschlossen. In zwei Bankreihen sitzen sie vor dem Hochaltar mit dem Gnadenbild der „Königin des Friedens“, das eine Kölner Familie für die Kirche stiftete und das von Papst Pius XII. gesegnet wurde. Das alte Gnadenbild wurde ebenfalls im Krieg zerstört. „Lass uns schon am Morgen dein Erbarmen erfahren“, betet eine der Karmelitinnen in den Fürbitten.

Der Kongress soll lebendigen Glauben ausstrahlen

Nach dem Gebet kommt Mutter Ancilla, die Oberin der Gemeinschaft – 18 Schwestern und zwei Postulantinnen – nach hinten ins Kirchenschiff. Welche Hoffnungen und Erwartungen hat sie an den Eucharistischen Kongress? „Dass er das Brot des Lebens in das Leben der Menschen hineintrage.“ Unter den Betenden im Karmel befinden sich auch Manfred Lütz und seine Ehefrau. Ähnlich wie Mutter Ancilla bringt auch der katholische Arzt und Schriftsteller die Hoffnung zum Ausdruck, dass der Kongress bei den Menschen im Alltag weiterwirke: „Ich hoffe, dass der Kongress den lebendigen Glauben der Menschen fördert und auch ausstrahlt. Dass er nicht nur ein Kongress ist, der im internen Bereich bleibt, sondern dass Menschen angesprochen werden davon, die auf der Suche sind nach geistlicher Nahrung, und die geistliche Nahrung für uns schlechthin ist die Eucharistie. Leider müssen beim Ausdruck ,Eucharistischer Kongress‘ beide Begriffe erklärt werden. Aber diese Erklärungen können auch eine Art Katechese sein, wo man den Menschen einfach erklärt, dass wir Christen glauben, dass ,Eucharistie‘, die Dankbarkeit Gott gegenüber, der in der Eucharistie real zu uns kommt, eine menschliche Grundhaltung sein kann. Und ,Kongress‘ heißt, dass Menschen zusammenkommen, dass Glauben nicht nur, wie in der Esoterik zum Beispiel, ein individuelles, skurriles Phänomen ist, sondern dass er in Gemeinschaft stattfindet, und dass Menschen zusammenkommen, um zu Gott zu beten.“

Um zwölf Uhr Mittags füllt sich der Kölner Dom zum Angelus-Gebet. „Wir unterbrechen immer an den Werktagen um zwölf Uhr den geschäftigen Rhythmus im Dom“, so der Leiter des Gebets. „18 bis 20 000 Besucher pro Tag kommen hierher, und geraten ins Staunen. Die Dimensionen dieses Domes, die Ausstattung: Sie wollen eine Botschaft vermitteln. Der Blick ist unweigerlich himmelwärts gerichtet.“ Der Dom sei „ein Zeugnis Stein gewordenen Glaubens“. Es sei „auch heute so, dass wir in den Bann gezogen werden, wenn wir diesen heiligen Dom betreten. Daher unterbrechen wir das Umhergehen, die Führungen und all das, was sonst im Dom passiert, um allen die spirituelle Dimension des Domes zu erschließen im Gebet.“ Das Angelus-Gebet am Mittag ist ein Innehalten in der täglichen Arbeit, eine Atempause der Verbindung mit der göttlichen Dimension, dem Ursprung des Lebens, mit unserem Schöpfer. Es entführt uns nicht in Traumsphären, sondern holt uns zurück auf den festen Boden der Realität: Der Realität unseres Geschaffenseins, der Notwendigkeit der vertikalen Achse unseres Lebens, um uns nicht zu verlieren in der horizontalen Ebene und diese wieder gleichsam im Himmel zu erden.

„Feuer und Licht“: Der Gesang zum Heiligen Geist eröffnet die Feier der Vesper der Monastischen Gemeinschaften von Jerusalem in der Kirche Groß Sankt Martin. 2009 vertraute Kardinal Meisner den 1975 gegründeten Gemeinschaften die Kirche in der Kölner Innenstadt, nicht weit von Rheinufer entfernt, an. Die Abendsonne scheint durch die einfachen Rosettenfenster und werfen einen goldenen Lichtschein auf die grauen Mauern der alten Kirche, die zum Abendgebet mit zahlreichen Kongress-Pilgern gefüllt ist. „Er ist dein Licht, Seele vergiss es ja nicht“ singt die versammelte Gemeinde, während eine Schwester im hellblauen Habit mit weißem Schleier und weißem Umhang eine brennende Kerze segnen lässt und damit feierlich die Lichter in der Kirche entzündet. Auch mitten im Kirchenschiff, unter den Gläubigen, steht ein kleiner Tisch mit einer Kerze und den Hostien, die später in der anschließenden Eucharistiefeier in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden. „Wir kommen, da der Tag sich neigt, und schauen das abendliche Licht“ singen die Mönche und die Schwestern mit der Gemeinde.

Die Fülle im Wunder der Eucharistie erfahren

Der Gründer der Gemeinschaften von Jerusalem – einem männlichen und einem weiblichen Zweig – war Bruder Pierre-Marie Delfieux. Er wollte, dass die Klöster der Gemeinschaften „in der Wüste der verstädterten Welt zu einer Oase des Friedens, des Gebets und der Freude“ werden sollten. Die Eucharistie spielte für ihn eine zentrale Rolle. Er schrieb: „Eines Abends, völlig allein, die erste Heilige Messe. Und da, plötzlich, auf den steinernen Mauern des Oratoriums, der goldene Lichtkreis der verwandelten Hostie. Nichts ist mehr leer. Alles ist Fülle. Die ganze Erde empfängt neues Leben. Das Wunder der Eucharistie! Familie, Freunde, Bekannte sind auf einmal gegenwärtig.“

Im monastischen Leben schließt jeder Tag mit der Komplet, dem letzten Stundengebet vor der großen Nachtruhe, in der der Mönch oder die Nonne allein ist mit Gott, im großen, feierlichen Schweigen der Nacht. Die Gemeinschaft der Dominikaner in St. Andreas, ganz nahe beim Kölner Dom, feiert die Komplet in Lateinischer Sprache. Pilger und Ordensbrüder mit weißem Habit füllen den Chor, insgesamt haben sich hier etwa 50 Personen zum Gebet eingefunden. Schweigend hören sie zunächst dem großen Nachtgeläut des Domes zu. „Das ist ein Glockensturm, gegen den wir nicht ansingen können“, sagt der Dominikanerpater mit einem Augenzwinkern. Als der letzte Glockenklang verhallt ist, beginnt das Gebet auf Lateinisch.

„Nunc dimittis servum tuum, Domine, secundum verbum tuum in pace“ – „Jetzt lässt du, Herr, wie du gesagt hast, deinen Knecht in Frieden scheiden“. Das Kathedralgeläut vom Kölner Dom und das Nachtgebet in der alten Sprache der Kirche, sie nehmen die Beter und mit ihnen die ganze Welt mit hinein in die Geschichte, die in der Ewigkeit beginnt und dort auch endet.

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