Das Kreuz überstrahlt die Bitterkeit der Logik

Würzburger Zentrum für Augustinusforschung befasst sich mit der paulinischen Gnadenlehre bei Augustinus und Ambrosius

Würzburg (DT) Das Zentrum für Augustinusforschung (ZAF), An-Institut der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, hat seine Reputation in diesem Jahr mit hochkarätig besetzten Seminaren und einem gut besuchten Studientag unterstrichen. Der Leiter des Zentrums, Cornelius Mayer OSA und der Vorsitzende Adolf Bauer, boten bei der Jahresversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung am vergangenen Samstag in Würzburg Einblicke in die Bandbreite wissenschaftlicher Aufgaben der ZAF-Mitarbeiter.

Einen Glanzpunkt im Paulusjahr setzte der emeritierte Bonner Kirchenhistoriker Ernst Dassmann mit seinem Vortrag über die Paulinische Gnadenlehre bei Ambrosius (339–397) und Augustinus (354–430). Paulus spielt eine Rolle bei der Bekehrung Augustins: In der berühmten Gartenszene hört er „nimm und lies“ – und schlägt in der Heiligen Schrift den Römerbrief auf. Der Bischof von Hippo, in seinen hermeneutischen Prinzipien der Schriftauslegung und in seiner Christologie unverkennbar ein Schüler des Mailänder Bischofs, weicht in seinem Paulusverständnis unverkennbar von dem seines Lehrers ab.

Vor allem in seiner Prädestinationslehre könne sich Augustinus nicht auf Ambrosius berufen. Letzterer bewerte aufgrund seiner Jesusfrömmigkeit die Macht der Gnade Christi so hoch, dass ewige Verdammnis kaum möglich erscheine. Der Bischof von Mailand steht damit in der Reihe der Väter von Origenes bis Gregor von Nyssa, die nicht annehmen wollen, dass auch nur ein Einzelner verloren geht. Das Gesetz hat in Ambrosius Augen die Funktion, Christus zu verkünden, der Weg des Gesetzes führt zu ihm. „Ambrosius betont weniger den Gegensatz zwischen Gesetz und Gnade, sondern den auf Vollendung zielenden Charakter des Gesetze“, so Dassmann und zitierte das Ambrosiuswort „Durch das Gesetz nun lerne ich die Gattungen der Sünde und den Schuldcharakter der Übertretung kennen, eile zur Buße und erlange die Gnade. So ist denn das Gesetz der Urheber des Guten, es ist Herold der Kirche und Bußweg zur Gnade“.

Augustinus betrachte die Tora an sich positiv, doch werde für ihn der Mensch durch den im Gesetz geoffenbarten Willen Gottes nicht von seiner Selbstsucht befreit und auf den rechten Weg geführt. Die eigene Erfahrung menschlicher Ohnmacht scheint für Augustinus ein Schlüssel zum Verständnis der paulinischen Gnadenlehre gewesen zu sein. Dassmann verglich den Ansatz des Bischofs von Hippo mit dem des Apostels: „Wie Paulus sieht Augustinus ein anderes Gesetz in seinen Gliedern, das dem Gesetz seiner Vernunft widerstreitet und ihn gefangen gibt an das Gesetz der Sünde“. Heil hat der Mensch allein von Gott zu erwarten.

Mit Blick auf die Gnadenlehre Augustins unterstrich der Bonner Kirchenhistoriker, es bleibe „kein Zipfel selbstständigen Handelns, zu dem die Gnade nur helfend hinzukommen müsste“. Das Gesamtgeschehen der Rettung sei alleinige Tat Gottes, auch wenn es eine gewirkte Freiheit gebe, die dem Menschen von Gott geschenkt werde. Dass nicht alle Menschen gerettet werden, erklärte Augustinus schlicht mit dem Willen Gottes. Den einen erwähle er, den anderen nicht. In den Traktaten des Bischofs von Hippo um Johannesevangelium heißt es lapidar: „Weil er wusste, dass sie zum ewigen Untergang vorherbestimmt und nicht zum ewigen Leben durch den Preis seines Blutes erkauft sind“.

Dassmann wies auf „gravierende Unterschiede“ zwischen Paulus und zumindest Augustins späten antipelagianischen Schriften hin. Vorherbestimmung heiße für Paulus: Gott hat sich der Menschen, die keine Hoffnung hatten, am Ende der Tage in einer alles Begreifen übersteigenden Weise erbarmt. Die konkrete Heilsgeschichte – Gott verschont seinen eigenen Sohn nicht – überstrahlt die Logik, derzufolge theoretisch natürlich alle Menschen im Zustand der Erbsünde dem Zorn Gottes verfallen sind.

Augustins Prädestinationslehre wurde weder auf der Synode von Orange (529) noch auf dem Konzil von Trient zur maßgeblichen Lehre der Kirche. Dassmann schließt daraus, dass sie „das Glaubensverständnis der Kirche nicht nachhaltig geprägt hat“. Als Seelsorger sei der Bischof von Hippo selbst kein düsterer Prädestinationalist gewesen, so Dassmann. Vielmehr habe der Bischof die Gläubigen und sich zuversichtlich unter die Gnade Gottes gestellt.

Bei der Interpretation der Gnadenlehre des Apostels insgesamt stellte Dassmann einen Wandel fest: Es wachse die Erkenntnis, dass sich die augustinische und in deren Gefolge die reformatorische Paulusexegese zu schwerwiegenden Falschauslegungen verleiten lässt. Im Bemühen um den christlich-jüdischen Dialog gebe es einen Paradigmenwechsel, demzufolge auch Paulus die jüdische Tora als Gnade und nicht als deren Gegenteil verstehe. „Gott hat seinem Volk die Tora doch nicht geschenkt, damit das Tun des Gesetzes Sünde ist, sondern damit es Leben und Gerechtigkeit denen schenkt, die es beobachten“, beschrieb Dassmann diesen Ansatz. Auf die Frage, wie sich das Pauluswort „...damit wir gerecht werden durch Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes, denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht“ (Gal 2, 16) damit vereinbaren lasse, antwortete er mit einem Zitat aus dem Römerbrief: „Nicht die sind vor Gott gerecht, die das Gesetz hören, sondern er wird die für gerecht erklären, die das Gesetz tun.“ (Röm 2, 13) Nicht das Tun der Tora sei demnach Sünde, sondern ihre Übertretung. Für den, der sie erfülle, erweise sie sich als Gnade. Erst wenn sie nicht als Gnade erfasst werde, pervertiere sie als Mittel zur Selbstrechtfertigung des Menschen.

Vom Blickwinkel des Exegeten hänge es also auch ab, wie die Paulusnähe der Väter Ambrosius und Augustinus bewertet werde. Angesichts der radikalen Gesetzeskritik des Apostels gebe die pastoral motivierte positive Bewertung des Gesetzes des Ambrosius kaum das Grundanliegen des Völkerapostels wieder. Dieses sei dann erst von Augustinus hellsichtig erkannt und konsequent zu Ende gedacht worden sei. Eine andere Sicht ergebe sich aus der neueren Paulusexegese. Wer mit ihr auf die Gesetzesfrömmigkeit des Apostels setze, rücke Ambrosius in seine Nähe, während Augustinus ins paulinische Abseits gerate. In den Jubel über eine „vom Augustinismus befreite Gnadenlehre“ (Karl-Heinz Menke) wollte Dassmann allerdings nicht einstimmen. Er verwies auf die autobiografisch dokumentierte Verbundenheit des Bischofs von Hippo mit Ambrosius. Für die vielschichtige Frage der paulinischen Gnadenlehre gilt demnach die Maxime: Nimm und lies – am besten Paulusbriefe plus „Bekenntnisse“.

Themen & Autoren

Kirche