Das Kreuz ist kein irrationales Ereignis

Wissenschaft und Glaube sind keine Gegensätze sondern füreinander notwendig – Ansprache des Heiligen Vaters bei der Generalaudienz am 21. November 2012
Foto: KNA | Augustinus, um 1520, Dom- und Diözesanmuseum Osnabrück.
Foto: KNA | Augustinus, um 1520, Dom- und Diözesanmuseum Osnabrück.

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir gehen in diesem Jahr des Glaubens voran und tragen in unserem Herzen die Hoffnung, neu zu entdecken, wie viel Freude im Glauben ist, und die Begeisterung wiederzufinden, allen die Wahrheiten des Glaubens mitzuteilen. Diese Wahrheiten sind keine einfache Nachricht von Gott, keine besondere Information über ihn. Sie bringen dagegen das Ereignis der Begegnung Gottes mit den Menschen zum Ausdruck, der heilbringenden und befreienden Begegnung, welche die tiefsten Hoffnungen des Menschen verwirklicht, sein Streben nach Frieden, Brüderlichkeit, Liebe. Der Glaube führt zur Entdeckung, dass die Begegnung mit Gott das, was an Wahrem, Gutem und Schönem im Menschen ist, in seinem Wert betont, vollendet und erhöht. So geschieht es, dass der Mensch – während sich Gott offenbart und sich erkennen lässt – zu dem Wissen gelangt, wer Gott ist, und durch dessen Erkenntnis sich selbst entdeckt, seinen Ursprung, seine Bestimmung, die Größe und Würde des menschlichen Lebens.

Der Glaube gestattet ein echtes Wissen von Gott, das den ganzen Menschen einnimmt: Es ist dies ein „sápere“ (ein Verkosten), das heißt ein Erkennen, das dem Leben Geschmack schenkt, ein neuer Geschmack am Dasein, eine frohe Weise, in der Welt zu sein. Der Glaube drückt sich in der Hingabe seiner selbst an die anderen aus, in der Brüderlichkeit, die solidarisch macht, fähig zu lieben, und die die traurig machende Einsamkeit besiegt. Diese Erkenntnis Gottes durch den Glauben ist daher nicht allein intellektuell, sondern lebenswichtig. Sie ist dank seiner Liebe die Erkenntnis des Gottes, der die Liebe ist. Die Liebe Gottes lässt dann sehen, sie öffnet die Augen, sie erlaubt es, die ganze Wirklichkeit zu erkennen, jenseits der engen Perspektiven des Individualismus und Subjektivismus, die die Gewissen verwirren. Die Erkenntnis Gottes ist daher Erfahrung des Glaubens und schließt gleichzeitig einen intellektuellen und moralischen Weg ein: In der Tiefe berührt von der Gegenwart des Geistes Jesu in uns überwinden wir die Horizonte unserer Egoismen und öffnen uns für die wahren Werte des Lebens.

Heute möchte ich mich in dieser Katechese mit der Vernünftigkeit des Glaubens an Gott beschäftigen. Die katholische Tradition hat von Anfang an den sogenannten Fideismus abgelehnt, der in dem Willen besteht, gegen die Vernunft zu glauben. „Credo quia absurdum“ („ich glaube, weil es widervernünftig ist“) ist keine Formel, die den katholischen Glauben interpretieren würde. Gott nämlich ist nicht widervernünftig, vielmehr ist er Geheimnis. Seinerseits ist das Geheimnis nicht irrational, sondern Überfülle an Sinn, Bedeutung, Wahrheit. Wenn die Vernunft auf das Geheimnis blickt und dabei Dunkelheit sieht, so ist dies nicht deshalb der Fall, weil im Geheimnis kein Licht wäre, sondern weil da vielmehr zu viel Licht ist. Wenn die Augen des Menschen direkt in die Sonne blicken, sehen sie nur Dunkelheit; doch wer würde sagen, dass die Sonne nicht hell ist, im Gegenteil: die Quelle des Lichts? Der Glaube gestattet es, auf die „Sonne“, auf Gott zu blicken, da er Annahme seiner Offenbarung in der Geschichte ist und sozusagen wahrhaftig die ganze Helle des Geheimnisses Gottes empfängt und das große Wunder erkennt: Gott ist dem Menschen nahe geworden und hat sich seiner Erkenntnis angeboten, indem er sich zur kreatürlichen Grenze seiner Vernunft herabgelassen hat (vgl. II. Vatikanisches Konzil, dogmatische Konstitution „Dei verbum“, 13).

Gleichzeitig erleuchtet Gott mit seiner Gnade die Vernunft, er eröffnet ihr neue, unermessliche und unendliche Horizonte. Aus diesem Grund bildet der Glaube einen Ansporn, immer auf der Suche zu sein, nie stehenzubleiben und nie in der unerschöpflichen Entdeckung der Wahrheit und der Wirklichkeit nachzulassen. Das Vorurteil gewisser moderner Denker, nach denen die menschliche Vernunft von den Dogmen des Glaubens gleichsam blockiert würde, ist falsch. Genau das Gegenteil ist wahr, wie die großen Lehrer der katholischen Tradition bewiesen haben.

Vor seiner Bekehrung sucht der heilige Augustinus mit großer Unruhe nach der Wahrheit, über alle zur Verfügung stehenden Philosophien hinweg, wobei er alle als unbefriedigend befindet. Seine mühselige vernünftige Suche ist für ihn eine bedeutsame Pädagogik für die Begegnung mit der Wahrheit Christi. Wenn er sagt: „Verstehe, um zu glauben, und glaube, um zu verstehen“ (Sermones 43, 9: PL 38, 258), so ist es, als berichte er seine eigene Lebenserfahrung. Vor der göttlichen Offenbarung sind Vernunft und Glaube keine Fremden oder Gegenspieler, sondern beide sind Bedingungen, um deren Sinn zu verstehen, um ihre echte Botschaft aufzunehmen und so an die Schwelle des Geheimnisses zu treten. Der heilige Augustinus ist zusammen mit vielen anderen christlichen Schriftstellern Zeuge eines Glaubens, der mit der Vernunft ausgeübt wird, der denkt und zum Denken auffordert. In diesem Fahrwasser wird der heilige Anselm in seinem „Proslogion“ sagen, dass der katholische Glaube „fides quaerens intellectum“ ist, wo die Suche nach der Vernünftigkeit ein dem Glauben innewohnender Akt ist. Es wird vor allem der heilige Thomas von Aquin sein, der sich dank dieser Tradition mit der Vernunft der Philosophen konfrontieren und zeigen wird, welch große neue und fruchtbare Vitalität dem menschlichen Denken aus dem Zusammentreffen mit den Grundsätzen und Wahrheiten des christlichen Glaubens erwächst.

Der katholische Glaube ist also vernünftig und nährt Vertrauen auch in die menschliche Vernunft. Das I. Vatikanische Konzil hat in der dogmatischen Konstitution „Dei filius“ erklärt, dass die Vernunft imstande ist, mit Gewissheit das Dasein Gottes über den Weg der Schöpfung zu erkennen, während allein dem Glauben die Möglichkeit zukommt, „mit Leichtigkeit, mit unerschütterlicher Gewissheit und vollständig irrtumsfrei“ (DS 3005) im Licht der Gnade die Wahrheiten zu erkennen, die Gott betreffen. Die Erkenntnis des Glaubens ist darüber hinaus nicht gegen die rechte Vernunft. Der selige Papst Johannes Paul II. fasst dies in der Enzyklika „Fides et ratio“ so zusammen: „Die Vernunft nimmt sich durch ihre Zustimmung zu den Glaubensinhalten weder zurück noch erniedrigt sie sich; zu den Glaubensinhalten gelangt man in jedem Fall durch freie Entscheidung und das eigene Gewissen“ (Nr. 43). Im unwiderstehlichen Verlangen nach Wahrheit ist allein eine harmonische Beziehung zwischen Glauben und Vernunft der rechte Weg, der zu Gott und zur vollen Selbsterfüllung führt.

Diese Lehre ist leicht im ganzen Neuen Testament erkennbar. In seinem Schreiben an die Christen Korinths stellt der heilige Paulus, wie wir gehört haben, fest: „Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit“ (1 Kor 1, 22–23). Gott hat nämlich die Welt nicht mit einem Kraftakt gerettet, sondern durch die Erniedrigung seines eingeborenen Sohnes: Nach menschlichen Maßstäben steht die von Gott verwirklichte ungewöhnliche Handlungsweise in schrillem Widerspruch mit den Anforderungen der griechischen Weisheit. Und dennoch hat das Kreuz Christi seinen Grund, den der heilige Paulus „ho lógos tou staurou“ nennt: „das Wort vom Kreuz“ (1 Kor 1, 18). Hier verweist der Begriff „lógos“ sowohl auf das Wort als auch auf die Vernunft, und wenn er auf das Wort anspielt, tut er dies, da es verbal zum Ausdruck bringt, was die Vernunft erarbeitet. Paulus sieht also im Kreuz kein irrationales Ereignis, sondern eine heilbringende Tatsache, die ihre eigene, im Licht des Glaubens erkennbare Vernünftigkeit besitzt.

Gleichzeitig hat er ein derart großes Vertrauen in die menschliche Vernunft, dass er sich über die Tatsache wundert, dass viele, obwohl sie die von Gott vollbrachten Werke sehen, starrköpfig nicht an ihn glauben. Er sagt im Brief an die Römer: „Seit Erschaffung der Welt wird seine (Gottes) unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit“ (1, 20). So mahnt auch der heilige Petrus die Christen der Diaspora: „Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). In einer Atmosphäre der Verfolgung und der starken Notwendigkeit, den Glauben zu bezeugen, wird von den Gläubigen gefordert, mit begründeten Motivationen ihre Anhängerschaft an das Wort des Evangeliums zu rechtfertigen, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt.

Auf diesen Voraussetzungen hinsichtlich der fruchtbaren Verbindung zwischen Verstehen und Glauben gründet auch die vortreffliche Beziehung zwischen Wissenschaft und Glauben. Die wissenschaftliche Forschung führt, wir sehen es, zur Erkenntnis von immer neuen Wahrheiten über den Menschen und den Kosmos. Das wahre Gut der Menschheit, das im Glauben zugänglich ist, eröffnet den Horizont, in dem sich der Weg seiner Entdeckung vollziehen muss. Daher müssen zum Beispiel die Forschungen ermutigt werden, die im Dienst des Lebens stehen und darauf abzielen, Krankheiten auszutilgen. Wichtig sind auch die Forschungen, welche die Entdeckung der Geheimnisse unseres Planeten und des Universums anstreben, im Bewusstsein, dass der Mensch nicht am Höhepunkt der Schöpfung steht, um sie auf törichte Weise auszunutzen, sondern um sie zu bewahren und bewohnbar zu machen.

So tritt der wirklich gelebte Glaube in keinen Konflikt mit der Wissenschaft, vielmehr arbeitet er mir ihr zusammen und bietet dabei Grundkriterien, damit sie das Wohl aller fördere; dabei fordert er, nur auf jene Versuche zu verzichten, die sich dem ursprünglichen Plan Gottes widersetzen und so Wirkungen verursachen können, die sich gegen den Menschen selbst wenden.

Auch aus diesem Grund ist es vernünftig, zu glauben: Wenn die Wissenschaft ein wertvoller Verbündeter des Glaubens beim Verstehen des Planes Gottes im Universum ist, so erlaubt der Glaube dem wissenschaftlichen Fortschritt, sich immer zum Wohl und für die Wahrheit des Menschen zu verwirklichen und dabei diesem Plan selbst treu zu bleiben.

Deshalb also ist es für den Menschen entscheidend, sich dem Glauben zu öffnen und Gott und dessen Heilsplan in Jesus Christus zu kennen. Im Evangelium wird ein neuer Humanismus eröffnet, eine echte „Grammatik“ des Menschen und der ganzen Wirklichkeit. Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt: „Die Wahrheit Gottes ist auch seine Weisheit, die die ganze Ordnung der Schöpfung und den Lauf der Welt bestimmt (vgl. Weish 13, 1–9). Gott, der Einzige, der Himmel und Erde erschaffen hat (vgl. Ps 115, 15.), ist auch der Einzige, der die wahre Erkenntnis alles Geschaffenen in seinem Bezug zu ihm schenken kann (vgl. Weish 7, 17–21)“ (Nr. 216).

So wollen wir darauf vertrauen, dass unser Einsatz bei der Evangelisierung helfe, dem Evangelium wieder neue Zentralität im Leben vieler Männer und Frauen unserer Zeit zu geben. Und wir wollen beten, dass alle wieder in Christus den Sinn des Daseins und den Grund der wahren Freiheit finden: denn ohne Gott verliert der Mensch sich selbst. Die Zeugnisse derer, die uns vorangegangen sind und ihr Leben dem Evangelium gewidmet haben, bestätigen dies für immer. Es ist vernünftig, zu glauben, auf dem Spiel steht unser Leben. Es lohnt sich, sich für Christus zu verausgaben, er allein stillt das in der Seele eines jeden Menschen verwurzelte Verlangen nach dem Wahren und dem Guten: jetzt, in der Zeit, die vergeht, und am Tag ohne Ende in der seligen Ewigkeit. Danke.

Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

Von Herzen grüße ich alle Pilger und Gäste deutscher Sprache. An Gott zu glauben ist, wie gesagt, unserer Vernunft nicht entgegengesetzt, sie wartet darauf. Der Glaube helfe uns, in Christus den Sinn und die Fülle unseres Daseins und den Garant wahrer menschlicher Freiheit zu erkennen. Er ist die Erfüllung unseres Strebens nach dem Wahren und nach dem Guten. Der Herr segne euch alle.

Aus dem Italienischen

von Armin Schwibach

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