„Das kann die CDU nicht wollen“

Stammzell-Entscheidung: Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen sieht das Verhältnis von Union und Kirche vor einer Zerreißprobe

Am Freitag entscheidet der deutsche Bundestag über eine Änderung des Stammzellgesetzes. Sie haben mit Nachdruck dagegen gekämpft und unter anderem an die Bundeskanzlerin, die Bundesminister und Bundestagsabgeordnete geschrieben. Welche Resonanz haben Sie darauf erhalten?

Die Resonanz war enttäuschend. Gemeinsam mit dem Katholikenrat des Bistums Fulda habe ich am 30. Januar dieses Jahre etwa vierzig Briefe abgeschickt. Rund ein Dutzend Antworten habe ich erhalten. Von zwei Ausnahmen abgesehen, waren die meisten Schreiben nichtssagend, allgemein gehalten oder um Verständnis für die Situation und auch für Ministerin Schavan bittend. Auf die eigentliche, inhaltliche Frage hat man sich überhaupt nicht eingelassen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Abgeordneten der Tragweite ihrer Entscheidung bewusst sind?

Das Engagement der katholischen Kirche hat da sicher manches bewirkt. In den letzten Wochen meine ich auch in der Zeitungslandschaft einen gewissen Umschwung feststellen zu können. Ich kann nur hoffen, dass die Abgeordneten ihre Gewissensentscheidung ernst nehmen und nicht unter dem Eindruck einer mächtigen Lobby einknicken. Sicher bin ich mir da nicht. Sicher ist vielmehr, dass Forschungsministerin Schavan dem Druck der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nicht standgehalten hat, sondern in die Knie gegangen ist. Ich fürchte, das wird ein Beispiel für manche andere sein. Deshalb bin ich im Blick auf die Entscheidung am Freitag begründet skeptisch.

Warum ist für die Kirche die Entscheidung über die embryonale Stammzellenforschung von herausragender Bedeutung?

Was da am Freitag versucht wird, ist eigentlich schon ein Skandal an sich. Denn es wird im Grunde über die Menschenwürde abgestimmt. Nach Artikel 1 des Grundgesetzes ist die Würde des Menschen aber nicht disponibel. Sie geht der staatlichen Gewalt voraus und bindet sie. Der Wert eines menschlichen Lebens vom Beginn seiner Existenz bis zum letzten Atemzug gehört zu jenen Vorgegebenheiten, über die nicht abgestimmt werden darf. Dennoch wird das am 11. April getan. Die Debatte über embryonale Stammzellforschung steckt voller Absurditäten: Man gibt vor, einen Menschen zu Beginn des Lebens opfern zu müssen, um einen anderen Menschen unter Umständen heilen zu können. Das ist für mich ein abgrundtiefer Zynismus.

Aber Teile der evangelischen Kirche halten eine Stichtagsverschiebung für verantwortbar...

Das ist ein ganz schweres Handicap für die Ökumene. Im Jahr 1989 veröffentlichte die deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit der evangelischen Kirche in Deutschland zusammen die Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“. Damals erklärten beide Kirchen gemeinsam: „Schon die kleinste Bewegung in Richtung auf die Zulassung verbrauchender Forschung an menschlichen Embryonen überschreitet eine wesentliche Grenze.“ Umso schmerzlicher ist es jetzt, dass es in der Stammzelldebatte – wie auch in anderen bioethischen Fragen – zunehmend zu deutlichen Differenzen zwischen katholischer und evangelischer Kirche gekommen ist. Dass Bischof Wolfgang Huber eine einmalige Verschiebung des Stichtags für vertretbar hält, entbehrt für mich jeder inneren Logik und verdunkelt das gemeinsame christliche Zeugnis angesichts des Skandals der verbrauchenden Embryonenforschung. Dass Bischof Huber der Politik die Lizenz zur Aufweichung des Stammzellgesetzes erteilt hat, ist wirklich ein Drama. Wobei man im gleichen Atemzug sagen muss: Es gibt auch andere evangelische Landesbischöfe, die sich deutlich gegen Huber ausgesprochen haben. Aber Huber hat natürlich vor der Öffentlichkeit eine besondere Bedeutung und wird deutlich gehört. Die warnenden Stimmen, die es im Protestantismus ja durchaus gegeben hat und gibt, sind dagegen fast untergegangen. Das hat dem gemeinsamen Vorgehen der Kirchen sehr geschadet.

Die Entscheidung am Freitag wird maßgeblich vom Abstimmungsverhalten der Unionsabgeordneten abhängen. Die Debatte um die embryonale Stammzellenforschung hat das Verhältnis zwischen CDU und Kirche bereits schwer belastet. Steht dieses Verhältnis morgen vor seiner Zerreißprobe?

Das muss man wohl so sehen. Denn eines ist ja völlig klar: Wer vorgibt, christliche Politik zu machen, wer das „C“ im Namen führt, der muss sich auch an entsprechenden christlichen Maßstäben messen lassen. In Sachen embryonaler Stammzellforschung steht die Glaubwürdigkeit der CDU in besonderer Weise auf dem Prüfstand. Ich hoffe sehr, dass die CDU nicht jene Wähler enttäuscht, die bestimmte Werte noch am ehesten bei der Union aufgehoben sehen. Wenn diese Wählerschaft erneut enttäuscht wird, hat das sicherlich auf die Dauer Folgen. Das kann die CDU nicht wollen.

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