„Das ist auch unser Konzil“

600 Jahren Konstanzer Konzil: Ökumenisches Gespräch mit Erzbischof Burger und Landesbischof Bundschuh. Von Reinhard Nixdorf
Foto: KNA | Im Mittelalter wurde hier eifrig diskutiert, aber auch gebetet: Das Konstanzer Münster.
Foto: KNA | Im Mittelalter wurde hier eifrig diskutiert, aber auch gebetet: Das Konstanzer Münster.

Konstanz (DT) „Jubiläen von diesem Kaliber gibt es eher selten“, so Bundestagspräsident Norbert Lammert auf dem Festakt zum Jubiläum des Konstanzer Konzils am Mittwoch. Und wirklich: Genau sechshundert Jahre später, nachdem der Gegenpapst Baldassare Cossa, der sich Johannes XXIII. nannte, das Konzil am 5. November 1414 im Konstanzer Münster eröffnet hatte, zogen am Mittwoch der Erzbischof von Freiburg, Stefan Burger, und der evangelische Landesbischof von Baden, Jochen Cornelius-Bundschuh, in einer Prozession in dieselbe Kirche ein, begleitet von Geistlichen der altkatholischen Kirche, der Böhmischen Brüder und der Hussitischen Kirche und feierten gemeinsam Gottesdienst.

Fast vier Jahre lang tagte das Konzil damals. Drei Päpste, eine geteilte Christenheit, Konflikte in ganz Europa – die Kirchenversammlung versuchte in spannungsreichen Verhandlungen zu Lösungen zu kommen. Dabei gelang die Überwindung der Kirchenspaltung, nicht aber die Überwindung tiefergehender Konflikte. Der böhmische Reformator Jan Hus wurde zum Tode verurteilt. Die weiter schwelenden Differenzen mündeten hundert Jahre später schließlich in die Reformation.

Der Erzbischof von Freiburg und der evangelische Landesbischof von Baden trafen zum ersten Mal öffentlich miteinander zusammen, denn beide haben ihr Amt erst vor kurzem angetreten. Bei einer Podiumsdiskussion, die am Abend auf den gemeinsamen ökumenischen Gottesdienst folgte, machten beide erst gar nicht den Versuch, in Erinnerungen an das Spätmittelalter zu schwelgen, sondern führten ein offenes Gespräch.

Insbesondere der evangelische Landesbischof Cornelius-Bundschuh distanzierte sich von dem Vorurteil, seine Kirche habe mit der damaligen Kirche nichts zu tun, weil sie später entstanden sei. „Das ist auch unser Konzil“, stellte Cornelius-Bundschuh fest, „die evangelische Kirche kann nicht so tun, als ob sie tausendfünfhundert Jahre lang nur das Gute getan hat.“ Und er stellte weiter klar: Jan Hus ist nicht der direkte und einzige Vorläufer der Reformation hundert Jahre später: „Luther hat auch andere Bewegungen aufgenommen“. Zwar habe sich Luther auf Jan Hus und John Wiclif als dessen spiritus rector bezogen, zumal in der Hinwendung zur Bibel und in der Frage des Laienkelchs, doch im Verhältnis zur staatlichen Macht seien die unterschiedlichen Auffassungen offensichtlich. Und Erzbischof Burger entgegnete auf die Frage, wie er den als Ketzer verurteilten Hus heute sähe: „Das Wort ,Ketzer‘ wirkt sehr hart. Ich würde Jan Hus als jemanden sehen, der in der Kirche Reformbedarf sah.“ Seine theologischen Positionen hätten Jan Hus zum Staatsfeind gemacht – bei der engen Verknüpfung von staatlicher und kirchlicher Macht. „Diese enge Verbindung haben wir zum Glück nicht mehr“, sagte Erzbischof Burger. Heute würde man sicherlich mit den Positionen von Jan Hus anders umgehen.

Die Einheit der Kirche wieder hergestellt

Ursula Nusser vom Südwestdeutschen Rundfunk, die das Gespräch moderierte, bezeichnete den Konziliarismus als besondere Eigenheit des Konstanzer Konzils: „Es hat gesagt; wir sind jetzt diejenigen, die bestimmen.“ Und tatsächlich sei es dem Konzil durch die Absetzung der Gegenpäpste und der Wahl Martins V. gelungen, die Einheit der Kirche wiederherzustellen. „Hätte man auf dieser Spur weitergehen sollen?“, fragte Ursula Nusser. „Hat man Dinge verloren, die dazu geführt hätten, die Kirche zusammenzuhalten?“

Erzbischof Burger wies demgegenüber auf wandelnde Probleme und Situationen und sich verschiebende Machtverhältnisse hin, die bewirkten, dass Konzilien nicht von sich aus automatisch die authentische Kirche abbildeten. Tatsächlich wurde der Konziliarismus in der Vergangenheit politisch oft instrumentalisiert, um nationale Interessen gegenüber der Gesamtkirche durchzusetzen. Ein Konzil aber muss die immer gegebene Struktur der Kirche widerspiegeln. In dieser ist das Kollegium der Bischöfe nur gegeben unter seinem Haupt, dem Papst, der das Amt innehat, und bildet mit diesem zusammen, nicht gegen ihn, das Führungskollegium der Kirche. Landesbischof Cornelius-Bundschuh folgte dem Erzbischof, indem er auf das Konsensprinzip innerhalb der synodalen Strukturen seiner Kirche hinwies. Darin zeige sich das hohe Interesse seiner Kirche, auch die Positionen von Minderheiten zu berücksichtigen und diese mit einzubeziehen. Synoden seien nicht einfach (Kirchen-)Parlamente, die nach dem Mehrheitsprinzip funktionierten. Auch ein evangelischer Landesbischof müsse mit einer sehr hohen Mehrheit gewählt werden. Denn es gehe dabei nicht darum, bloß Mehrheitsentscheidungen zu reproduzieren, sondern dabei auch die geistlichen Dimensionen solcher Entscheidungen mit zu überlegen. Dieses hohe Interesse am Konsens und am Schutz der Minderheiten könne sich übrigens auf das Konzil von Konstanz berufen. „Drei Personen aus einer Nation hätten dort schon verhindern können, dass man sich hätte einigen können“, berichtete der Landesbischof.

Natürlich hakte hier die Moderatorin ein, um Unterschiede in der Entwicklung auszumachen: „Sie sind als Landesbischof gewählt worden von einer Synode“, sagte sie zu Landesbischof Cornelius-Bundschuh und, zu Erzbischof Burger gewandt: „Sie, Herr Erzbischof, sind vom Papst ernannt worden und standen noch nicht einmal auf der Vorschlagsliste.“ Der Erzbischof von Freiburg räumte denn auch ein, dass sein Name nicht auf der Namensliste gestanden habe, die das Freiburger Domkapitel zusammengestellt und nach Rom geschickt hatte. Erst in Rom seien andere Namen entfernt und dafür der Name Burger hinzugefügt worden, der dann auch gewählt wurde. „Da sind doch Unterschiede!“, meinte die Moderatorin.

Erzbischof Burger verteidigte Freiburger Handreichung

Hier hätte von katholischer Seite klarer hervorgehoben werden müssen, dass solche Unterschiede ihren Grund nicht in römischem Zentralismus haben, sondern theologischer Natur sind und ihren Grund darin haben, dass die evangelische Kirche nur ein allgemeines Priestertum aller Gläubigen kennt, das die Wahl eines Landesbischofs durch eine Synode rechtfertigt, nicht ein besonderes Amt wie die katholische Kirche, das deshalb auch die weltkirchliche Mitentscheidung erfordert. Ähnliches wäre auch zur Handreichung der Erzdiözese Freiburg zu sagen, die wiederverheirateten Geschiedenen unter bestimmten Umständen den Zugang zur Eucharistie gestatten will. Stephan Burger verteidigte die Handreichung, fügte aber mit Blick auf das Kirchenrecht hinzu: „Eine offizielle Zulassung ist rechtlich nicht möglich“.

Gottesdienst und Gespräch der beiden Repräsentanten waren mit dem guten Wort „ökumenisch“ überschrieben. Aber wie wird diese Gemeinsamkeit empfunden – gerade angesichts der Feierlichkeiten zum fünfhundertsten Jubiläum der Reformation im Jahr 2017? Erzbischof Burger sprach von einer anderen Wahrnehmung dieses Ereignisses von katholischer Seite, bei dem durchaus der Schmerz über den Verlust der Einheit durchbreche. „Aber es ist durchaus Anlass, neu gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir uns in Zukunft aufeinander zubewegen können.“

„Wir können natürlich an dieser Stelle darüber diskutieren, was damals ,schiefgelaufen‘ ist“, entgegnete Landesbischof Cornelius-Bundschuh. Natürlich werde die evangelische Kirche beim Reformationsjubiläum im Jahr 2017 „feiern, dass es uns gibt“. Aber man feiere eben nicht die Kirchentrennung, sondern den Impuls, den Luther setzen wollte: Christus und die biblischen Schriften in den Mittelpunkt des christlichen Glaubens zu stellen. Das Reformationsjubiläum müsse ein Impuls sein, aufeinander zuzugehen. „Das heißt nicht, dass wir übersehen, was uns unterscheidet: Amtsverständnis, Abendmahlsverständnis, da gibt es eine ganze Menge Unterschiede; aber die Frage ist: Wie blicken wir nach vorn und wie können wir die Ökumene, die wir haben, weiterentwickeln?“ Es sei falsch, Identität dadurch zu suchen, dass man sich voneinander abgrenze.

Aber Erzbischof Burger warnte auch davor, die Unterschiede zwischen den Kirchen als „theologische Spitzfindigkeiten“ abzutun. „Eintopf kann keine Lösung sein“, sagte er. „Wir bringen unsere Geschichte mit!“ Landesbischof Cornelius-Bundschuh wies deshalb auf die Gemeinsamkeiten der Kirchen hin, die wieder neu entdeckt werden sollten: die Heilige Schrift etwa oder auch die Taufe. „Das ist ein Sakrament, das wir als Kirchen gemeinsam haben“, sagte er. Wenn Eltern ihr Kind taufen ließen sagten sie: „Es gehört nicht mehr uns, sondern zu Gott.“ – „Da haben sie eine ziemliche Herausforderung vor sich“, meinte der Landesbischof – „eine, die biblisch gut begründet ist und die ziemlich viel Wirkung dafür hat, wie wir mit unseren Kindern umgehen.“ Jedes Elternpaar habe seine Ideen, was einmal aus den Kindern werden solle: „Dass sie es einmal besser haben sollen, dass sie etwas erreichen sollen und so weiter.“ Aber, sagte Cornelius-Bundschuh: ,,Unsere Gesellschaft würde sehr davon profitieren, wenn deutlich würde, dass unsere Kinder nicht uns gehören, sondern erst einmal zu Christus und dem dreieinigen Gott. Wieviel Freiheit gewinnen wir, wenn wir uns klarmachen, was in der Taufe eigentlich passiert! Und das haben wir als Schatz in unsere Gesellschaft einzubringen.“ So stand am Ende des Podiumsgesprächs ein bioethischer Impuls – kein schlechter Rat für den weiteren Fortschritt in der Ökumene.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann