„Das gläubige Volk muss mit einbezogen sein“

Kardinal Kurt Koch über den Dialog mit der russisch-orthodoxen Kirche und einen möglichen Papstbesuch in Moskau. Von Regina Einig
Foto: KNA | Kardinal Koch zweifelt nicht daran, dass der Papst im Fall eines Moskaubesuchs eine Friedensbotschaft mitbrächte.

Der Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, Kurt Kardinal Koch, arbeitet an der Verbesserung des Dialogs mit der Orthodoxie. Die historische Begegnung des Papstes mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill auf Kuba im Jahr 2016, die Reise der Nikolaus-Reliquien nach Russland und der Besuch von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sind Früchte der Bemühungen im Vatikan. Regina Einig sprach mit ihm über den Dialog und einen möglichen Papstbesuch in Moskau.

Eminenz, die Reise der Nikolaus-Reliquien nach Russland hat Wellen geschlagen. Wie hat sich das auf das ökumenische Klima zwischen Katholiken und Orthodoxen ausgewirkt?

Die Reliquien spielen in der Frömmigkeit der Orthodoxen eine sehr wichtige Rolle. Der heilige Nikolaus ist äußerst beliebt. Man kann fast sagen: Nach Christus und Maria kommt im alltäglichen Leben schon der heilige Nikolaus. Viele Russisch-Orthodoxe wallfahren nach Bari. Deshalb war es der Wunsch von Patriarch Kyrill, diese Reliquie auch einmal in Russland zu haben. Einen Tag nach der Begegnung mit Papst Franziskus in Havanna hat der Patriarch ihn geäußert. Die Reliquien-Verehrung ist eine gute Form, die Gläubigen mit einzubeziehen in das Anliegen für die Einheit der Christen.

Warum?

Ökumene kann nicht nur zwischen Kirchenoberhäuptern und Theologen geschehen. Dieser Austausch ist zwar wichtig, aber das gläubige Volk muss mit einbezogen sein. Ikonen- und Reliquienverehrung sind zwei Wege, damit auch das gläubige Volk an der ökumenischen Verständigung partizipieren kann. Von daher bin ich der Überzeugung, dass diese Wege der Ökumene genauso viel helfen wie theologische Gespräche.

Ist das eine Einladung an uns Katholiken? Viele reagieren auf Reliquien ja kühl.

Ja, die Reliquienverehrung gehört zu unserer Tradition. Vor allem die Heiligenverehrung ist ein wesentlicher Bestandteil der katholischen Frömmigkeit, den wir durchaus zum Tragen bringen sollten. Ökumene heißt ja nicht, Kostbarkeiten zu verstecken, sondern das Geheimnis der Ökumene ist der Austausch der Gaben. Die katholische Kirche hat in der Verehrung der Heiligen einen wesentlichen Schatz. Übrigens war Martin Luther ein großer Verehrer der heiligen Anna und Maria. Die protestantische Skepsis gegenüber den Heiligen ist eine spätere Entwicklung. Im theologisch-ökumenischen Gespräch sollte die Verehrung der Heiligen vermehrt thematisiert werden. Es gibt in Deutschland ein schönes ökumenisches Dokument „Communio sanctorum“, das diese Frage eingehend behandelt. Dieses Dokument scheint mir aber zu wenig rezipiert worden zu sein.

Kardinalstaatssekretär Parolin hat bereits vor seiner Russlandreise keinen Zweifel daran gelassen, dass es auch darum geht, einen Papstbesuch in Moskau vorzubereiten. Warum wäre das erstrebenswert? Dort leben doch nur wenige Katholiken.

Ich würde noch ein bisschen tiefer ansetzen und sagen: „wünschenswert“. Es war bereits der große Wunsch von Papst Johannes Paul II., nach Moskau gehen zu können. Johannes Paul II. hat zudem verschiedene orthodoxe Länder wie Rumänien, Georgien und Griechenland besucht. Es geht nicht immer nur darum, dass der Papst Länder mit katholischen Mehrheiten besucht. Es kann auch hilfreich sein, wenn der Papst in ein Land reist, in dem eine katholische Minorität lebt. Was Russland betrifft, war es gewiss ein großer Schritt, dass es überhaupt zur Begegnung zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill in Havanna gekommen ist.

Würden sie einen Papstbesuch in Moskau vor allem unter dem Aspekt der Ökumene sehen? Oder wäre der Heilige Vater mit Blick auf den bedroht scheinenden Weltfrieden in einer politischen Mission gefragt?

Das kann man bei Papst Franziskus nicht trennen: Die Einheit der Christen ist ihm ein wichtiges Anliegen, aber auch die Einheit der Menschheit und der Friede unter den Menschen. Wo er hingeht, verkündet er immer eine starke Friedensbotschaft. Das wäre sicher in Moskau genauso der Fall.

Nehmen Sie den Weltfrieden heute als bedrohter wahr als vor der Wahl von Trump?

Der Weltfrieden ist bedroht durch verschiedene Phänomene: durch den weltweiten Terrorismus, durch die Flüchtlingskrise – das sind ganz entscheidende Herausforderungen, die unabhängig von der Präsidentschaftswahl in Amerika bestehen. Jetzt kommt freilich eine potenzielle Gefährdung durch den drohenden Konflikt zwischen Amerika und Nordkorea hinzu, der beängstigend ist, wie bereits die Eskalation der Sprache zeigt. Man kann nur hoffen, dass die Aufrüstung der Sprache nicht in die Aufrüstung der Waffen umschlägt. Aber ich halte die Situation für unberechenbar.

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