Das Evangelium in Freude und Klugheit bezeugen

Predigt von Erzbischof Hans-Josef Becker (Paderborn), in der Schlussandacht bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

(Schrifttext: Röm 12, 9–16b)

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!

Schwestern und Brüder im Glauben!

Am kommenden Sonntag, dem 28. September, begeht die Weltkirche einen Gedenktag ganz besonderer Art, der im Laufe der vergangenen Jahre zwar nicht in Vergessenheit geraten, aber doch angesichts der fortlaufenden Geschichte unserer Kirche etwas in den Hintergrund getreten ist. Ich meine den dreißigsten Jahrestag des plötzlichen Todes von Papst Johannes Paul I., dem vormaligen Patriarchen von Venedig. Ich erinnere mich noch gut an die großen Hoffnungen, die man im Sommer 1978 in den ,lächelnden Papst‘ aus Venedig setzte – und dann das Erschrecken, ja die Bestürzung über seinen jähen Tod – nur 33 Tage nach seiner Wahl zum Nachfolger Papst Pauls VI.. „Der Welt nur gezeigt, nicht geschenkt“, so hieß es in der Begräbnispredigt auf dem Petersplatz.

Eine Publikation, die zu seinem 25. Todestag, also vor fünf Jahren in Italien (in der Zeitschrift „Trenta Giorni“ 2003) erschien, brachte noch einmal die Stimmungen jenes Spätsommers 1978, vor allem die freudige Überraschung über diesen freundlichen, gütigen und demütigen Nachfolger Petri in Kirche und Weltöffentlichkeit zu Papier: „Der Herr wählt unsere Wenigkeit“ – „Wir waren alle sehr glücklich“ – „Einfach wie ein ganz gewöhnlicher Priester“ – „Er war ein heiliger Bischof, kein Naivling“ – „Am meisten gefiel mir sein Lächeln“ – „Ein Papst von kurzer Dauer“. – So und ähnlich lauteten die Schlagzeilen im Blick auf die Person dieses in vielerlei Hinsicht so ungewöhnlichen Papstes, der sich das eine kurze, aber tiefgründige Wort „Humilitas“ – „Demut“ – zum bischöflichen und päpstlichen Wahlspruch erkoren hatte.

Unkonventionell war nicht nur die humorvolle und ganz den Menschen zugewandte Art seines Auftretens in den wenigen Wochen seines Dienstes als Papst. Mit seinem Lächeln gewann Johannes Paul I. schnell die Herzen der Menschen. Ungewöhnlich war auch ein Buch, das kurz vor seinem Tode hier bei uns in Deutschland erschien: Es war die deutsche Übersetzung des zuvor in Italien erschienenen Buches „Illustrissimi“, einer umfangreichen Sammlung von fingierten Briefen des damaligen Kardinals Albino Luciani an alle Welt – ursprünglich veröffentlicht als Einzelbeiträge in einer italienischen Monatszeitung [Messagero di San Antonio, zu deutsch: Sendbote des Heiligen Antonius] (1). Historische Persönlichkeiten und Romanfiguren zählten zu den Adressaten dieser Briefe ebenso wie Heilige der Kirche. In diesen schriftlichen Zeugnissen begegnet uns der Autor als ein ungemein belesener Mann von umfassender Kultur, von Herzensbildung, Feinfühligkeit, von der Bereitschaft dazuzulernen – und vor allem auch von tiefer Frömmigkeit.

Wenn ich in den Briefen Papst Johannes Pauls I. lese, entdecke ich wertvolle und hilfreiche Hinweise für die Wahrnehmung eines geistlichen Amtes – manchmal ausdrücklich, dann wieder eher versteckt. Man spürt: Hier greift ein Hirte der Kirche aus langjähriger Erfahrung und Leidenschaft zur Feder. Und warum sollte man nicht auf diesen Schatz gewonnener Lebenserfahrung zurückgreifen – gerade in unserem Kreis!

In einem seiner Briefe, adressiert an Abt Bernhard von Clairvaux, bittet Kardinal Luciani diesen um ein paar nützliche Ratschläge für einen – wie er schreibt – „armen Bischof und an andere Christen, die in ihrer öffentlichen Stellung mit (vielen) Schwierigkeiten umzugehen“ haben. Prompt antwortet Bernhard von Clairvaux und bietet ihm einige „Prinzipien“ an, die er auf die verschiedenen Lebensumstände anwenden könne. Etwa diese: „Ein offensichtlicher Erfolg, auch ein ganz spektakulärer, ist in Wirklichkeit ein Misserfolg, wenn er durch Unterdrückung der Wahrheit, der Gerechtigkeit oder der Liebe erreicht wurde.“ Und: „Je größer die Verantwortung, desto notwendiger ist Gottes Hilfe.“ Doch gleichzeitig erinnert der Autor daran, dass diese Grundsätze in das konkrete Alltagsleben der Menschen übertragen werden müssen, also mit kleiner Münze eingelöst werden müssen. In schlichten, aber eindrücklichen Worten lässt Kardinal Luciani sich vom heiligen Bernhard von Clairvaux an verschiedene Rahmenbedingungen seines Hirtendienstes erinnern, die es wert sind, auch dreißig Jahre nach Papa Lucianis Tod bedacht zu werden:

1. Ein Erstes: Es ist unbedingt notwendig, die konkreten Gegebenheiten der jeweiligen Situation fest im Blick zu haben. „Wenn die sich ändern“, so schreibt Bernhard von Clairvaux – alias Kardinal Luciani –, „dann ändert auch Ihr – nicht die Prinzipien, wohl aber die Anwendung der Prinzipien auf die gegenwärtige Situation. Und als biblisches Beispiel dafür führt er an: „Jesus floh einmal vor dem Volk, das ihn mit Gewalt zum König machen wollte. Als die Umstände sich jedoch geändert hatten, vor Beginn der Passion, bereitete er sich selbst den bescheidenen Festzug nach Jerusalem vor.“ Hier wird nicht einer bequemen Elastizität oder gar postmodernen Beliebigkeit der Verkündigung und des alltäglichen Handelns das Wort geredet. Nein, hier geht es eindeutig um eine kluge Vermittlung von bleibend gültigen theologischen Grundsätzen und elementaren Wahrheiten auf der einen Seite und der konkreten, sich oft rasch ändernden Situationen, in die sie hineinzusprechen sind, auf der anderen. Nur so kann uns die von Gott geschenkte Wahrheit jenseits einer unerlösten Prinzipienreiterei im Sinne des Evangeliums frei machen. Ja, sie kann uns zu der inneren Erfüllung führen, die Jesus im Blick hat, wenn er im Johannesevangelium sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).

2. Ein zweiter Gedanke Bernhards, der hier unmittelbar anschließt, lautet: „Die Sucht, alles verändern zu wollen, halte ich nicht für Klugheit. Die Taktik der richtigen Dosierung und Anpassung hat nichts zu tun mit Opportunismus oder Schmeichelei.“ Oder präziser: weiter: „Nicht klug ist (auch) das Verhalten dessen, der hartnäckig auf seiner Meinung besteht und offensichtliche Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen will, der ... royalistischer wird als der König oder päpstlicher als der Papst.“ Und er weist in diesem Zusammenhang auf die Menschen hin, „die so von einer Idee besessen sind, dass sie sie wie einen Schatz vergraben. Sie bewachen sie dann ihr Leben lang, verteidigen sie eifersüchtig, ohne jemals nachzuprüfen, ob sich nach so vielen Ereignissen nichts Neues getan hat.“ Kurzum – so lautet seine probate Lebensregel: „Prinzipien haben und sie auf die Realität anwenden – das ist der Anfang der Klugheit.“

Liebe Mitbrüder! Schwestern und Brüder,

die „Prudentia“, die Klugheit, ist nicht nur eine humane Tugend, ja sogar eine „Kardinaltugend“ – wie Platon sie nennt –, sondern auch eine geistliche Tugend, von der Thomas von Aquin sagt: „Die Klugheit betrachtet die Wege zur Glückseligkeit“. Bei einem Blick in die biblischen Schriften entdecken wir, eine wie große Rolle die Klugheit spielt. Schon im Buch der Sprichwörter heißt es: „Der Verständige lerne kluge Führung“ (Spr 1,5). Und an anderer Stelle: „Der Kluge tut alles mit Überlegung“ (Spr 13,16). Auf der anderen Seite warnt der Prophet Jesaja eindringlich: „Weh denen, die in ihren eigenen Augen weise sind und sich selbst für klug halten“ (Jes 5,21)! Und mit Klugheit (griechisch: phronesis) ist hier jene Form praktischer Intelligenz gemeint, welche die theoretische, aber immer auch abstrakte Einsicht in die höchsten Prinzipien und Grundsätze angemessen und erfolgreich in eine konkrete Situation hinein zu vermitteln vermag. So kann man in der jeweiligen Situation das angemessen Richtige tun, ohne dabei pragmatistisch zu sein!

Für uns Christen setzt das eindringliche Bildwort Jesu im Rahmen seiner Bergpredigt den Maßstab klugen Handelns: „Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute“ (Mt 7,24)! Jesus spricht deutlich an, worauf es ankommt, wenn wir den richtigen Weg im persönlichen Leben, aber auch im Leben der Kirche, erst recht in der besonderen Verantwortung des Bischofsamtes, einschlagen wollen: auf das Fundament! Für mich ist die schier unerschöpfliche Botschaft Jesu Christi die unverzichtbare Quelle und das bleibend gültige Fundament meines Handelns. „Auf Sein Wort hin“ – wie es in meinem Wahlspruch aus dem 5. Kapitel des Lukasevangeliums heißt (vgl. Lk 5,5) – bin ich, sind wir Bischöfe in den Weinberg des Herrn aufgebrochen und wissen uns in der Kollegialität des gemeinsamen Hirtendienstes untereinander sowie mit Ihnen, Schwestern und Brüder, die Sie heute hier im Dom zu Fulda das Gottesvolk repräsentieren, in der Nachfolge Jesu Christi verbunden. Dabei befinden wir uns gewiss in einer komplexen Zeit des Umbruchs und stehen vor großen Herausforderungen, wenn ich nur an die zunehmende Verdunstung des Glaubens und die regelrechte Ahnungslosigkeit vieler Menschen angesichts von religiösen Fragen und Grundinhalten des christlichen Glaubens denke. Aber diese uns immer noch befremdende – äußere wie innere – „Diasporaerfahrung“ ist nur die eine Seite der Medaille. Denn auf der anderen Seite gibt es zweifellos eine große Sehnsucht, ja einen regelrechten Hunger nach Sinn, nach Orientierung, nach Halt, der sich bei vielen Menschen bemerkbar macht und sich auch im religiösen Bereich artikuliert. Hier tut sich eine weite missionarische Landschaft auf, die wir als Kirche neugierig und mutig erkunden sollten und nicht unnötig frei flottierenden Sinnanbietern überlassen sollten. Denn auf die Erkundung des Neuen und Unbekannten muss die offene und werbende Verkündigung unserer Antwort auf die Urfragen der Menschen folgen – und das unter Zuhilfenahme aller Möglichkeiten, insbesondere auch der Medien, die uns gegenwärtig zur Verfügung stehen.

Liebe Mitbrüder! Schwestern und Brüder im Glauben! Wenn wir uns in der gegenwärtigen Kirchenstunde vom Charisma und der Klugheit eines so überzeugenden Glaubenszeugen wie Papst Johannes Paul I. inspirieren lassen, dann bin ich gewiss, dass unser Weg in der Verantwortung für die Kirche in Deutschland in eine gute Zukunft führen wird – auch dann, wenn uns der Gegenwind ins Gesicht bläst oder die Gleichgültigkeit so vieler Zeitgenossen regelrecht erschüttert und zu entmutigen droht. Weil Kalamitäten zum Weg der Kirche seit ihren Anfängen in der frühen Christengemeinde dazu gehören, gibt Bernhard von Clairvaux in seinem Antwortbrief an Kardinal Luciani noch einen abschließenden Rat: „Lasst euch nicht zu sehr entmutigen!“ ... Wenn es auch unsere Pflicht ist, sich einer gerechtfertigten Kritik zu stellen, so darf man doch auch daran denken, dass selbst Christus es nicht fertig brachte, alle zufrieden zu stellen. Wenn man für die Öffentlichkeit arbeitet, darf man nicht zuviel von Anerkennung und Beifall träumen, sondern muss sich auf Gleichgültigkeit und Kritik gefasst machen. Dazu hat Aristide Brand, mehrfacher französischer Premierminister, Folgendes geschrieben: „Ein Verrückter kommt mit einem Knüppel in der Hand in ein Geschäft und schlägt blindlings das Geschirr in Stücke. Von allen Seiten laufen die Leute zusammen und bewundern seinen Mut. Einige Stunden später kommt zufällig ein alter Mann in das Geschäft mit einer Büchse Klebstoff unter dem Arm. Er zieht den Mantel aus, setzt die Brille auf, und mitten in diesem Scherbenhaufen beginnt er mit der Geduld eines Kartäusers die zerbrochenen Gefäße zu flicken. Seid sicher, dass keiner der Passanten anhält, um ihn zu beachten!“ So wünsche ich uns im Vertrauen auf IHN, den Gott des Lebens und den Herrn der Kirche, die nötige Beharrlichkeit, in Treue und Demut unseren Weg fortzusetzen – auch im Vertrauen darauf, dass in unserer Kirche vieles an Aufbauendem und Tröstendem ohne den Scheinwerfer der Öffentlichkeit und den Applaus der Menge geschieht. Mögen uns allen dabei nie die nötige Glaubenszuversicht, die Freude des Herzens, aber auch die Gelassenheit fehlen, um in der Nachfolge des Herrn fröhliche und kluge Christenmenschen – ob als Bischöfe, Priester oder Laien – in der gemeinsamen Verantwortung für das Gottesvolk zu bleiben! Amen.

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