„Das Erbe der Sudetendeutschen neu entdecken“

Ein Gespräch mit dem Pilsener Bischof Tomáš Holub über Vergangenheit, Versöhnung und den Auftrag der katholischen Kirche. Von Markus Bauer
Foto: Bistum Pilsen | Der neue Pilsener Bischof Tomáš Holub.
Foto: Bistum Pilsen | Der neue Pilsener Bischof Tomáš Holub.

Am 30. April empfing Tomáš Holub die Bischofsweihe. Bei der Zeremonie legten ihm auch sein Amtsvorgänger František Radkovský und der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer die Hände auf. Dies lässt sich durchaus auch symbolisch interpretieren. Denn zum Bistum Pilsen gehören auch ehemals von Sudetendeutschen besiedelte Regionen. Vor allem Bischof Radkovský hat in seiner Amtszeit von 1993 bis Ende April 2016 viel zur Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen und zur guten Nachbarschaft mit dem Nachbar- und „Großmutterbistum“ Regensburg beigetragen. Inwieweit dies auch für den neuen Pilsener Bischof Tomáš Holub von Bedeutung ist, wie er zu den Themen „Flucht“ und „Vertreibung“ steht und wie er die ersten Monate als Bischof von Pilsen erlebt hat, berichtet er im Gespräch mit „Der Tagespost“.

Sie sind seit 1. Mai im Amt als Oberhirte des Bistums Pilsen. Können Sie eine erste, kleine Bilanz ziehen?

Für mich waren die ersten Monate die Tage des Kennenlernens der Personen. Ich hatte mir vorgenommen, die ersten drei Monate besonders den Begegnungen zu widmen. Dann kommen die ökonomischen Fragen. Jetzt befinde ich mich gerade an der Grenze zwischen diesen beiden Punkten, da ich in der letzten Woche die letzten Pfarreien besucht habe – ich habe alle 85 Pfarreien besucht, mit den Pfarrern gesprochen und gebetet, die Kirchen und Pfarrhäuser gesehen. Es war für mich sehr wichtig, auch emotional ein Verständnis für die Diözese zu erhalten. In dieser Zeit ist mir noch tiefer klar geworden, wie stark die Diözese von der Vertreibung der deutschen Bevölkerung betroffen ist. Das ist meine erste Beobachtung. Und die zweite, wie gut die Beziehungen auf der Stadt- und Kreisebene dank der Persönlichkeit meines Vorgängers ausgebaut sind.

Sie sprachen von „ökonomischen Fragen“. Wie ist das zu verstehen, was steht hier mittel- bis langfristig noch an, was Sie anpacken wollen – Stichwort Restitutionen?

Es beginnen jetzt ganz neu die Diskussionen um die Realisierung der Restitution der kirchlichen Güter. Das heißt, es ist jetzt die entscheidende Phase. Und man muss an die bereits erstellten Analysen anknüpfen. Das ist jetzt eine meiner Hauptaufgaben in den nächsten drei Monaten, die Strategiepläne in diesem Bereich für die Zukunft zu erstellen.

Und da ist sicher durch die Gespräche und Kontakte mit den Pfarrern das eine oder andere deutlicher geworden …

Das ist klar, ich habe vor Ort die realen Situationen der Pfarreien und Schulen gesehen. Als Nächstes stehen dann auch noch die Besuche bei der Caritas mit all ihren Aktivitäten an. Und das sind die Fakten und Grundlagen, die man braucht, um ökonomisch und gleichzeitig auch pastoral zu denken.

Das Bistum Pilsen ist geographisch unmittelbares Nachbarbistum zu Regensburg. Aber auch kirchengeschichtlich gibt es ja lange zurückreichende Verbindungen zwischen den beiden Bistümern, zwischen denen eine Patenschaft besteht. Wie und in welchem Umfang wollen und können Sie diese deutsch/bayerisch-tschechisch/böhmische Nachbarschaft auf kirchlicher Ebene mitgestalten und vielleicht sogar in Ihrem eigenen Bistum vertiefen?

Für mich ist sehr wichtig – und es ist mein Wunsch, dass die Beziehungen auf verschiedenen Ebenen laufen. Es gibt ja bereits Kontakte auf der Ebene der Diözesen und der Bischöfe, der Ordinariate, der Dekanate bis hin zu den Pfarreien mit konkreten Personen. Mein Wunsch wäre nun, all diese Ebenen natürlich weiterzupflegen, aber auch miteinander zu verknüpfen, zu vernetzen. Denn manchmal gibt es Kontakte auf der Pfarreiebene, aber man kennt die Konstellation auf der Ebene darüber nicht.

Es gibt zum Beispiel auch einige Partnerschaften von Pfarreien im Bistum Regensburg mit Pfarreien im Bistum Pilsen. Können Sie als Bischof mitwirken, damit da oder dort weitere solche Pfarrpartnerschaften entstehen?

Es ist dringend notwendig, dass es vor allem auf der tschechischen Seite Leute gibt, die sprachfähig sind. Es funktioniert vor allem dort gut, wo die Leute eine gemeinsame Sprache haben. Wir müssen also bei uns Leute finden, die zumindest Englisch oder – noch besser – Deutsch sprechen. Es hängt eben von diesen begabten Leuten ab, die solche Prozesse ins Laufen bringen und dann am Leben halten. Von meiner Seite kann ich es gerne unterstützen, solche „Anknüpfungspersonen“ zu suchen und zu unterstützen.

Auch zum Bistum Freiburg hat das Bistum Pilsen freundschaftliche Beziehungen. Welchen Stellenwert messen Sie dieser Partnerschaft bei und was können Sie selbst dazu beitragen?

Das wird dann der nächste Schritt. Wir haben ja mit Regensburg direkte Beziehungen. Ich hoffe, dass diese dann auch mit Freiburg weitergehen – mit ähnlichen Erfahrungen und Aktivitäten, wie wir sie mit Regensburg gemacht haben. Natürlich möchte ich mich auch mit dem Bischof von Freiburg treffen und mit ihm darüber sprechen, wie das unter dem praktischen Gesichtspunkt in der Zukunft laufen könnte. Aber ganz ehrlich gesagt: Für diese Thematik hatte ich noch nicht Zeit.

An Ihrer Priesterweihe nahm eine stattliche Delegation der Ackermann-Gemeinde aus ganz unterschiedlichen Ebenen und Regionen teil. Wie sehen Sie das Wirken der Ackermann-Gemeinde, die heuer ihr 70-jähriges Jubiläum begeht, und auch der in der Tschechischen Republik wirkenden Schwesterorganisation Sdružení Ackermann-Gemeinde?

Ich hatte immer sehr enge Kontakte zur Ackermann-Gemeinde, schon als Seminarist – und dann während der ganzen Zeit meines Priestertums. Ich bin sehr dankbar für die Aktivitäten der Ackermann-Gemeinde. Prälat Anton Otte war mein Mitbruder auf dem Prager Vyšehrad, wir kennen uns persönlich und auch von seiner Arbeit her sehr gut. Und ich kenne natürlich auch den jetzigen Vorsitzenden der Sdružení Ackermann-Gemeinde, Kulturminister Daniel Herman, sehr gut. Da sind die Kontakte ganz persönlich. Und ich habe schon Einladungen der Ackermann-Gemeinde für die nächsten Wochen und Monate. Sehr gerne werde ich sie auch in dieser Form dabei unterstützen, wie jetzt die nächste Generation aktiv wirken und zusammenarbeiten kann. Ich denke, das sind die Aufgaben, die von beiden Seiten jetzt neu angepackt werden sollen, um die Ackermann-Gemeinde hüben wie drüben in die nächste Generation zu tragen und dafür Wege zu finden.

Im vergangenen und auch in diesem Jahr stehen Gedenken an 70 Jahre Kriegesende und auch 70 Jahre Flucht und Vertreibung im Zentrum. In Tschechien scheint in einigen Städten wie Brünn eine Neuorientierung im Umgang mit und in der Aufarbeitung der Vertreibung der Deutschen einzusetzen. Andererseits sind aber auch vielfach noch die alten, über viele Jahrzehnte gängigen Meinungen und Haltungen vernehmbar. Was kann Ihrer Meinung nach speziell die Kirche tun, um noch stärker zu einer objektiven Aufarbeitung der damaligen Ereignisse sowie zu einer Verständigung und Versöhnung zwischen beiden Seiten und Völkern zu gelangen?

Hier möchte ich auf die Aufgabe der Kirche in der gesamten Tschechischen Republik verweisen: Da sehe ich es als eine wichtige Aufgabe, die Bestrebungen und Schritte, die von der tschechischen Seite getan werden oder die in Vorbereitung beziehungsweise im Gange sind, zu unterstützen. Als Beispiel möchte ich auf die Rede von Kulturminister Herman auf dem Sudetendeutschen Tag in Nürnberg als erstes Kabinettsmitglied einer tschechischen Regierung verweisen. Es geht darum, ganz klar festzustellen, dass wir von Seiten der Kirche diese Schritte der Versöhnung, die auf der staatlichen Ebene oder auf der Ebene der Tschechischen Republik bereits getan wurden oder geplant sind, auch unterstützen. Und was können wir im Bistum Pilsen machen? Da sind meine Ziele eher lokal gebunden. Ich sehe da vor allem, dass man versucht, das Erbe der Deutschen, also der Sudetendeutschen, die hier gelebt haben, neu zu entdecken – und vor allem für alle Sachen zu danken, die wir hier jetzt als Schätze der Vergangenheit entdecken. Und da sollte man auch versuchen, dies öffentlich zu machen. Ich darf ein Beispiel nennen: Es wurde eine Kapelle restauriert und erneuert. Hier wurde ganz klar gesagt, dass die Kapelle von den Sudetendeutschen erbaut wurde. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir dieses Kulturdenkmal weitertragen und auch etwas anknüpfen können. Denn ohne diese Möglichkeit, an etwas anzuknüpfen, hätten wir keine Fähigkeit, neu anzufangen. In diesem Sinne sehe ich unseren Ansatz des Bistums, und ich versuche gerade bei solchen Sachen diese Verbindung mit der Vergangenheit darzustellen.

Das Jahr 2015 war geprägt von Flüchtlingen vor allem aus diversen Kriegsgebieten. Die Tschechische Republik hat sich – wie einige andere Staaten auch – bei der Aufnahme dieser Menschen sehr zurückgehalten, vielfach wurden Ängste gegen diese fremden Menschen geschürt. Zwar sind nun die Zahlen drastisch zurückgegangen. Nichtsdestotrotz die Frage: Was kann speziell die katholische Kirche in Tschechien – auch von der christlichen Basis und Weltanschauung her – dazu beitragen, um die Stimmung im Land zu ändern?

Ich denke, das ist eine große Aufgabe der Kirchen, und da bin ich ganz tief überzeugt, dass dies auch eine Aufgabe des Bischofs ist. Nach meinem Verständnis als Bischof ist klarzumachen und zu unterstreichen, dass wir nie aufgrund der eigenen Sicherheit denjenigen die Hilfe verwehren dürfen, die wirklich in Not und hilfsbedürftig sind. Das ist die allerwichtigste Sache, klarzumachen, dass die Identität der europäischen Kultur mit der Achtung der einzelnen Personen verbunden ist. Das dürfen wir nie vergessen! Und die Aufgabe der Kirche ist es zu schreien, wenn so etwas passiert. Das halte ich für wichtig. So sehe ich meine Position und mein Verständnis als Bischof!

Die Katholische Kirche in Tschechien ist aufgrund der historischen Gegebenheiten – insbesondere in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Samtenen Revolution 1989/90 – zu einer Minderheitskirche geworden. Aber auch im Westen, in Deutschland, kehren viele Menschen der Katholischen Kirche den Rücken. Kann Ihrer Meinung nach die Katholische Kirche in Deutschland etwas von der in Tschechien lernen – auch wenn natürlich die Situationen nicht eins zu eins vergleichbar sind. Aber – können Sie den in Deutschland verantwortlichen Kirchenleuten einen Tipp geben, um vielleicht das eine oder andere Problem zu lösen?

Es ist immer sehr schwierig, anderen Tipps oder Vorschläge zu geben. Aber ich bin sehr froh, dass vom Gebiet unserer Diözese der tschechische Oblate Pater Vlastimil Kadlec nach Deutschland geht, um seine Form der tiefen Glaubensarbeit mit den Jugendlichen, die gemeinsam tiefe emotionale Erfahrungen machen, nach Deutschland zu bringen oder dies gemeinsam zu machen. Ich war zum Beispiel auf einer Sommerwoche, wo die Leute – darunter 20 aus Deutschland – gemeinsam beten und gleichzeitig auch arbeiten. Das ist der Ansatz, der bei uns die Menschen wieder zurück in die Kirche zieht, diese emotionale Form des Gebets und des Zusammenseins. Ich denke, diese Erfahrung der kleinen Gemeinschaften anzubieten, die nicht nur sozial oder an Projekte gebunden sind, sondern auch emotional und auf dem Feld des Gebets und des Glaubens wirken, das könnte ein Projekt sein, das wir gemeinsam ausprobieren könnten.

Wie sehen Sie die Chancen der Kooperation von zumindest gleichgearteten Vereinen und Verbänden?

Gerade darin sehe ich einen großen Unterschied. Solche eher sozial und kulturell orientierte Gruppen funktionieren in der tschechischen Situation wenig. Wenn Gruppen aktiv sind, dann sind es eher geistlich gebundene oder mehr emotional-charismatische auf der Ebene des Gebets und der Arbeit.

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